14. August 2026
Andrej Simon
Immer mehr Online-Umfragen liefern schnelle Antworten auf politische Fragen. Doch ihre Ergebnisse sind häufig kaum verallgemeinerbar.
Meinungsforschung ist zu einem täglichen Ritual geworden. Kaum taucht ein Thema auf der politischen Agenda auf, liefern Medien bereits Zahlen darüber, was die Bevölkerung angeblich denkt. Doch bei einem wachsenden Teil dieser Umfragen ist die Aussagekraft fraglich.
Davor warnt die European Survey Research Association (ESRA) in einer aktuellen Stellungnahme. Ulrich Kohler, Professor für Methoden der empirischen Sozialforschung an der Universität Potsdam und an der Stellungnahme beteiligt, sieht die Qualitätsstandards der Umfrageforschung seit längerem erodieren (Deutschlandfunk).
Das zentrale Problem liegt in vielen Online-Umfragen. Entscheidend ist dabei nicht, dass eine Befragung im Internet stattfindet, sondern wie ihre Teilnehmer ausgewählt werden.
Bei einer Zufallsstichprobe muss grundsätzlich jedes Mitglied der untersuchten Bevölkerung eine bekannte Chance haben, ausgewählt zu werden. Bei vielen Online-Panels melden sich die Teilnehmer dagegen selbst zur Teilnahme an. Bestimmte Bevölkerungsgruppen können dadurch über-, andere unterrepräsentiert sein.
Selbstselektion führt zu Verzerrungen
Solche Verzerrungen lassen sich auch durch nachträgliche Gewichtungen nicht ohne Weiteres beseitigen. Kohler hält die wissenschaftliche Beweislage für eindeutig: "Da ist die Beweislast regelrecht erdrückend, also sowohl theoretisch als auch empirisch. Es gibt da nicht den Hauch eines Zweifels", sagte er im Interview.
Dass dennoch immer mehr solcher Umfragen veröffentlicht werden, hat auch mit dem Wandel der Branche zu tun. Der Soziologe Michael Jäckel beschreibt in einem Beitrag für epd medien, wie sich die Meinungsforschung entwickelt hat – von aufwendigen persönlichen Befragungen über Telefoninterviews hin zu schnellen Online-Erhebungen.
Geschwindigkeit und Kosten spielen dabei eine immer größere Rolle. Zu beinahe jedem aktuellen Thema lässt sich innerhalb kurzer Zeit ein Meinungsbild produzieren.
Extreme Ergebnisse ziehen Aufmerksamkeit an
Das kann Folgen für die Wahrnehmung der Gesellschaft haben. Fehleranfällige Umfragen, warnt Kohler, neigten eher zu extremen Ergebnissen. Werden solche Zahlen prominent verbreitet, kann der Eindruck entstehen, die Gesellschaft sei stärker polarisiert, als sie tatsächlich ist.
"Das Problem ist halt, dass falsche Ergebnisse dazu neigen, dass sie extrem sind. Und wenn wir mehr Umfragen haben, die fehleranfällig sind, dann kriegen wir mehr Ergebnisse, die solche extremen Ergebnisse zeigen", erklärte er gegenüber dem Deutschlandfunk.
Gleichzeitig sind gerade überraschende und extreme Ergebnisse für Medien besonders attraktiv. Kohlers Kritik richtet sich deshalb ausdrücklich auch an Journalisten.
Die tatsächliche Qualität einer Umfrage werde in der Berichterstattung nur selten geprüft. Stattdessen übernähmen Medien häufig die Angaben der Anbieter.
"Die wahre Qualität einer Umfrage wird eigentlich selten eingeschätzt. Sonst wird relativ kritiklos die Angaben der Anbieter übernommen", so Kohler.
Das trügerische Etikett "repräsentativ"
Auch das verbreitete Etikett "repräsentativ" hält er für wenig aussagekräftig. Entscheidend wären Informationen darüber, wie die Teilnehmer ausgewählt wurden und mit welcher Unsicherheit die Ergebnisse behaftet sind. Die Stellungnahme richtet sich deshalb ausdrücklich an Medien und andere Multiplikatoren und soll ihnen helfen, die Qualität von Umfragen einzuschätzen.
Damit stellt sich noch eine grundsätzlichere Frage. Jäckel erinnert an eine Beobachtung des Soziologen Niklas Luhmann: Menschen verfügen keineswegs zu jedem Thema über eine bereits festgelegte Meinung. Gerade bei aktuellen Fragen kann eine Umfrage daher auch spontane Reaktionen auf etwas messen, mit dem sich die Befragten zuvor kaum beschäftigt haben.
Wenn bei der KI nur die Prozentzahl übrig bleibt
Durch Künstliche Intelligenz könnte sich das Problem noch verschärfen. Werden Umfrageergebnisse von KI-Systemen zusammengefasst und weiterverbreitet, warnt Kohler, drohen die methodischen Einschränkungen endgültig zu verschwinden. Übrig bleibt die griffige Prozentzahl.
"Weil dann spätestens, wenn wir solche Ergebnisse uns in KI-Chats anzeigen lassen, dann wird jede Möglichkeit der Kritik an diesen Umfrageergebnissen verloren."
Ulrich Kohler
So entsteht ein Paradox: Noch nie ließ sich die öffentliche Meinung so schnell und umfassend vermessen. Gleichzeitig wird immer wichtiger zu fragen, was dabei eigentlich gemessen wird – gefestigte Einstellungen der Bevölkerung oder kurzfristige Reaktionen einer ausgewählten Gruppe.