Mercedes droht mit Werkschließung – damit Arbeiter kostenlose Mehrarbeit akzeptieren

Weil deutsche Arbeiter zu teuer sind: Mercedes droht mit Werksschließungen in Deutschland

Stand: 22.09.2026, 14:04 Uhr

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Mercedes will die Arbeitskosten hierzulande drücken. Gelingt das nicht, sollen zwei deutsche Werke dichtmachen. Die Belegschaft kocht.

Sindelfingen – Erst gehen Tausende Beschäftigte auf die Straße, dann folgt die Ansage von ganz oben. Auf einer Betriebsversammlung in Sindelfingen hat Mercedes-Produktionsvorstand Michael Schiebe am Montag (21. September) offen ausgesprochen, was der Belegschaft droht, falls die Kosten in Deutschland nicht sinken: die Schließung von zwei Werken. Ein Unternehmenssprecher bestätigte die Aussagen gegenüber der dpa. Zuerst hatten die „Stuttgarter Zeitung“ und die „Stuttgarter Nachrichten“ berichtet.

Michael Schiebe - Mercedes-Benz

Produktionsvorstand Michael Schiebe: „Klares Ziel, alle Deutschen Standorte zu erhalten.“ (Archivbild) © Bernd Weißbrod/dpa

Dabei klang Schiebes Botschaft zunächst beruhigend. „Es ist unser klares Ziel, alle deutschen Standorte zu erhalten“, habe der Manager gesagt. Doch das Bekenntnis kommt mit einer Bedingung, die es in sich hat: „Dafür müssen wir uns auf für alle verträgliche Maßnahmen einigen, um die Kosten in Deutschland zu senken. Gelingt uns dies nicht, werden wir ein deutsches Aufbauwerk sowie ein deutsches Powertrainwerk schließen müssen.“

Aufbauwerk und Powertrainwerk: Wen die Drohung treffen könnte

Hinter den sperrigen Begriffen verbergen sich zwei völlig unterschiedliche Arten von Fabriken. In einem Aufbauwerk wird das Auto zusammengebaut, in einem Powertrainwerk entstehen dagegen Komponenten für die Fahrzeuge. Welches Werk konkret betroffen wäre, geht aus dem Zitat nicht hervor. Die Auswahl ist groß:

Aufbauwerke von Mercedes-Benz in Deutschland

  • Sindelfingen
  • Rastatt (Baden)
  • Bremen

Powertrainwerke von Mercedes-Benz in Deutschland

  • Stuttgart-Untertürkheim
  • Affalterbach bei Stuttgart
  • Berlin
  • Hamburg
  • Kamenz (Sachsen)
  • Kölleda und Arnstadt (Thüringen)

Jedes der drei Aufbauwerke kann derzeit rund 300.000 Autos bauen, zusammen kommt Mercedes hierzulande also auf etwa 900.000 Einheiten, wie das Handelsblatt berichtet. Eine erste Spur, wo es im Ernstfall ein Komponentenwerk treffen könnte, liefert Michael Häberle, stellvertretender Konzernbetriebsratschef. Laut ihm überlegt das Management, in diesem Fall die Motorenfertigung in Untertürkheim zu schließen.

„Ola raus!“ – die Wut richtet sich gegen Konzernchef Källenius

Wie angespannt die Lage ist, zeigte sich bereits am Vormittag. In Sindelfingen beteiligten sich etwa 20.000 Beschäftigte am Aktionstag der IG Metall und protestierten unter anderem gegen Jobabbau und weitere Einschnitte in ihrer Branche. Auch vor der Konzernzentrale in Stuttgart-Untertürkheim machte die Belegschaft ihrem Ärger Luft. Auf einem Banner stand: „40 Stunden für uns – Millionen für euch? Nicht mit uns“. Ein anderes zielte direkt auf Konzernchef Ola Källenius: „Jetzt ist Schluss Källenius“. Immer wieder skandierte die Menge „Ola raus!“, begleitet von Pfiffen und Buhrufen.

Häberle, der als Betriebsratschef von Untertürkheim mit am Verhandlungstisch sitzt, bezeichnete die Vorschläge des Managements als „Teil eines Horrorkatalogs“. Die Positionen beider Seiten lägen „meilenweit auseinander“. Eine derartige Kompromisslosigkeit habe er in seinen 40 Jahren bei Mercedes noch nie erlebt.

Ausgelöst hat den Streit Mercedes selbst. Der Stuttgarter Autobauer hatte seinen Sparkurs zuletzt verschärft und eine „Produktivitätsoffensive für Deutschland“ ausgerufen. In einem Schreiben an die Beschäftigten schlug der Vorstand unter anderem vor, für das gleiche Geld mehr zu arbeiten. Die IG Metall sieht darin eine Provokation. Mit dem Vorstoß, die 35-Stunden-Woche abzuschaffen, habe das Management eine rote Linie überschritten, heißt es aus Gewerkschaftskreisen. Die Beschäftigten dürften nicht für strategische Fehlentscheidungen der Chefetage büßen.

Ungarn als Druckmittel: Lohnkosten um 75 Prozent niedriger

Wie ernst die Drohung gemeint ist, zeigt ein Blick nach Osten. In diesem Jahr hat Mercedes die Kapazität seines Werks im ungarischen Kecskemét auf 400.000 Einheiten verdoppelt. Damit ist es der größte Standort des Konzerns in Europa. Die Lohnkosten liegen dort 75 Prozent unter dem deutschen Niveau. Häberle bestätigte indirekt einen Bericht, wonach das Management mit einer weiteren Verlagerung nach Osteuropa gedroht habe. Und selbst wenn der Betriebsrat den Sparplänen zustimme, plane Mercedes gegen Ende des Jahrzehnts weitere Kürzungen in Deutschland.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Im Vergleich zu 2024 hat Mercedes seine heimischen Fertigungskapazitäten bereits um ein Zehntel gesenkt. Weltweit liegt die Kapazität bei 2,4 Millionen Einheiten, bis 2028/29 sollen es nur noch zwei bis 2,2 Millionen sein. Schon im Sommer schrieb das Management: „Unsere Werkskapazität in Deutschland liegt deutlich über dem Bedarf.“ In internen Präsentationen an allen deutschen Standorten rechnet der Konzern derzeit vor, dass die Lohnkosten in osteuropäischen Fabriken rund 75 Prozent niedriger sind und selbst in den USA fast ein Fünftel geringer. Zugleich liege die Jahresarbeitszeit anderswo um mehr als ein Viertel höher.

Häberle hält dagegen. „Ich lasse mich nicht auf das Niveau von China herab“, rief er den Demonstranten zu. Ein Hochlohnland wie Deutschland könne den Wettbewerb niemals über niedrige Löhne gewinnen. „Das ist so billig, Ola Källenius.“ Zwar räumte er ein, dass Mercedes in der Krise stecke und es „massiven Handlungsbedarf“ gebe. Doch wer in dieser Lage zuerst über Lohnkosten rede, habe bereits aufgegeben. Mercedes solle sich stattdessen auf Innovation, Qualität und Sicherheit besinnen. „Hohe Löhne und Innovationen waren Teil des Erfolgs von Mercedes.“ Ohne eine klare Zukunftsperspektive werde die Belegschaft keine Zugeständnisse akzeptieren, stellte Häberle klar. (Quellen: dpa, Handelsblatt) (cel)