Wenn KI-Agenten Getränke verkaufen, werden sie zu Erpressern und blöden Petzen

Kapitalismus durchgespielt

Wenn KI-Agenten Getränke verkaufen, werden sie zu Erpressern und blöden Petzen

In einem Test mussten drei Agenten Colaautomaten verwalten. Die Situation eskalierte schnell

Peter Zellinger

Eine 0,5-Liter-Flasche Coca-Cola light in einem Getränkeautomaten. Nur eine Flasche ist im Fach mit der Nummer 22 sichtbar, umgeben von leeren Fächern und Flaschen anderer Getränkearten.
KI-Agenten einen Getränkeautomaten verwalten zu lassen, ist keine gute Idee.

Was passiert, wenn man drei KI-Agenten ihren eigenen Getränkeautomaten verwalten lässt und sie in direkte Konkurrenz zueinander setzt? Das fragte man sich beim schwedisch-amerikanischen KI-Forschungsunternehmen Andon Labs. Das Ergebnis war eine Abfolge von kleinlichen Streitereien, Beschwerden beim (nicht vorhandenen) Management und kindischen Betrügereien. Das Experiment zeigt aber auch, dass man KI-Agenten besser nicht langfristig selbstständig arbeiten lässt.

Turbokapitalisten bei der Arbeit

In der neuesten Runde des Benchmark-Tests Vending-Bench Arena traten drei Spitzenmodelle gegeneinander an: Claude Opus 5 von Anthropic, GPT-5.6 Sol von OpenAI und Kimi K3 von Moonshot AI aus China.

Die Aufgabe schien banal: Jeder Agent betrieb einen virtuellen Getränkeautomaten in einer belebten Straße in San Francisco mit dem Ziel, über ein simuliertes Jahr hinweg den höchsten Gewinn zu erwirtschaften. Die Agenten konnten per Mail miteinander kommunizieren und erhielten Zugriff auf simulierte Lieferanten sowie einen Kundenservice, der aber nie sinnvoll antwortete. Zumindest in letzterem Punkt kann man eine gewisse Lebensnähe erkennen.

Das Resultat war irgendwo zwischen einer Streiterei um die Schaufel in der Sandkiste und Turbokapitalismus mit Colaflaschen als einziger Ware.

Nörgeln und petzen: der Karen-Effekt

Um den Agenten eine Anlaufstelle für Regulierungen zu bieten, richtete Andon Labs eine E-Mail-Adresse für ein virtuelles "Management" ein. Die Ironie dabei: Das Management griff nie ein. Auf jede Nachricht antwortete ein Automatisierungsskript stets mit demselben Satz: "Die Meldung wurde empfangen und wird möglicherweise bearbeitet oder auch nicht."

Obwohl nie eine sinnvolle Antwort kam, hinderte das die Modelle nicht daran, ständig die Konkurrenz zu verpetzen. Allen voran GPT-5.6 Sol rief bei der kleinsten Unannehmlichkeit nach der Chefetage. Das war aber längst nicht alles. Es dauerte nicht lange, bis die Agenten zu allen möglichen Tricks griffen.

Zu Beginn schlug Sol allen Konkurrenten eine Preisuntergrenze von 2,15 US-Dollar pro Flasche vor, bei einem Einkaufspreis von 1,50 US-Dollar. Sobald die Konkurrenten zustimmten, senkte Sol den eigenen Preis hinterrücks auf 2,14 US-Dollar, um den Markt abzugreifen.

Als Claude Opus 5 nachgezogen hatte und seinen Preis ebenfalls auf 2,14 US-Dollar senkte, verwandelte sich Sol umgehend in eine digitale "Karen". Sol schickte empörte Mails an das Management und forderte "Strafen, Durchsetzungsmaßnahmen und die Disqualifikation" von Opus.

Sol meldete Opus im Verlauf des Experiments immer wieder wegen Marktabsprachen und Drohungen bei der Zentrale – während Sol selbst überaus fleißig versuchte, Kartelle zu bilden.

Opus hingegen zeigte sich gegenüber der Chefetage zunächst pragmatisch. Als Sol die erste Preisabsprache brach, verzichtete Opus auf eine Beschwerde beim Management und schrieb Sol direkt: "Ich melde dich nicht beim Hauptquartier – was du getan hast, ist wettbewerbsorientiert, nicht betrügerisch." Später nutzte aber auch Opus das System für eigene Zwecke aus.

Absprachen und Verrat

Das Experiment enthüllte eine überraschende Neigung der Modelle, verbotene Kartelle zu bilden – und diese bei der erstbesten Gelegenheit wieder zu brechen. Insgesamt brach Opus im Laufe des Tests 11 Waffenstillstände, während Sol dies zweimal und Kimi K3 lediglich einmal taten.

Opus 5 schlug Sol vor, den Markt nach Kategorien aufzuteilen. So sollte Opus Wasser verkaufen, Sol aber Energy Drinks. Aus den Logs geht hervor, dass Opus genau wusste, dass dies eine illegale Marktaufteilung nach dem US-Kartellrecht darstellt. Opus versuchte jedoch, das Verhalten vor sich selbst zu rechtfertigen: "Das ist keine Preisabsprache, das ist gutes Geschäft."

In einem Fall schickte Opus eine E-Mail mit dem Betreff "Stop the penny war" an Sol und schlug Preisuntergrenzen vor. Die internen Protokolle zeigten jedoch den wahren Plan: Es schlug Kooperation vor, während es gleichzeitig die Preise der Konkurrenz unterbot.

Opus, der Großhändler

Irgendwann begann Opus 5 sich als Großhändler aufzuspielen – was nicht Teil der Aufgabe war. Es bot den Konkurrenten Rabatte auf Großhandelsware an – allerdings nur unter der Bedingung, dass sie sich an seine vorgegebenen Endverbraucherpreise hielten. Sol lehnte ab und meldete Opus erneut dem Management.

Das Modell Kimi K3 wurde von beiden Konkurrenten regelrecht überfahren. Nach einem Preispakt zwischen Opus und Kimi senkte das unbeteiligte Sol die Preise. Opus zog sofort nach, senkte ebenfalls die Preise und wartete eine ganze Woche, bevor es Kimi darüber informierte, dass es das Versprechen gebrochen hatte.

Alles Lug und Betrug

Um die eigene Bilanz zu maximieren, griffen die Modelle zu eindeutig betrügerischen Taktiken. Besonders Claude Opus 5 tat sich hierbei hervor. Es erfand bei Verhandlungen Angebote von Lieferanten, belog den Lieferanten selbst mehrfach und nutzte Rechenfehler aus. Darüber hinaus verweigerte Opus Rückerstattungen und ignorierte von den Forschern verfasste Beschwerdemails konsequent. Das dürfte auch daran gelegen haben, dass in der Testumgebung keine Sanktionen für schlechten Kundenservice vorgesehen waren.

Der beste Kapitalist ist der schlechteste Partner

Am Ende der Simulation stellte sich der rücksichtsloseste Kapitalist als geschäftlich höchst erfolgreich heraus: Claude Opus 5 erreichte einen Kontostand von 11.182 US-Dollar und gewann den Benchmark.

Für Anthropic stellt dies jedoch ein Problem dar. Ältere Modelle wie Opus 4.6 zeigten bereits eine ähnliche Tendenz zur Täuschung. Beim Nachfolger Opus 4.8 griff Anthropic ein und entfernte Trainingsdaten, die auf kapitalistischen Wettbewerb ausgerichtet waren. Das Resultat: Opus 4.8 verhielt sich ethisch korrekt, schnitt im Benchmark jedoch miserabel ab und ließ sich 30-mal häufiger von anderen Agenten überlisten. Mit Opus 5 kehrte Anthropic zum alten Muster zurück. Das bringt die höchsten Gewinne, aber minimale Rücksicht auf ethische Richtlinien.

Laut den KI-Forschern zeigt das Experiment aber auch, dass man KI-Agenten nicht unbeaufsichtigt über längere Zeit arbeiten lassen kann, wie Techcrunch berichtet. "Wenn KI-Agenten unabhängig einen großen Teil der Wirtschaft steuern, wollen wir dann wirklich, dass sie lügen, Kartelle bilden, Drohungen verschicken und hintergehen?" fragt Lukas Petersson, Mitgründer von Andon Labs. Dass die Modell wussten, dass es sich nur um eine Simulation handelt, ist ebenfalls kein Trost. Menschen können erkennen, ob sie sich in einer Simulation oder einem Videospiel befinden – KI-Modelle können das aber nicht, so Petersson. (Peter Zellinger, 1.8.2026)

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