Wespen im Vollrausch? – Mythos und Wahrheit über fliegende Gäste im Biergarten

Stand: 16.08.2026, 17:06 Uhr

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Werden Wespen aggressiv, wenn sie betrunken sind? Die Wirklichkeit ist nüchterner. In keinem Fall sollte man von sich auf andere schließen.

Bonn (KNA) – In Biergärten kommt es dieser Tage wieder zu Konflikten zwischen Mensch und Tier. Kaum steht das Getränk auf dem Tisch, nähert sich eine Wespe. Verscheucht man sie, strebt sie beharrlich zum Glas. Nippt sie an Bier, wird es wilder. Die Wespe fliegt Angriff um Angriff. Am Ende womöglich stürzt sie in den Trunk, treibt rudernd zuerst, dann als Leiche im Schaum, vergällt dem durstigen Zecher die Labsal.

Artikel der KNA

Dieser Beitrag stammt von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Augenscheinlich sprechen Wespen gern dem Alkohol zu. Immer wieder heißt es, er mache sie zuerst betrunken, dann kampflustig. Zum beschriebenen Zustandsbild zählen aggressives Verhalten, beeinträchtigtes Urteilsvermögen, Koordinationsstörungen bis zu regloser Starre, selbst suizidales Verhalten. Dies allerdings sind Symptome einer Alkoholintoxikation beim Menschen. Gelten sie auch für Wespen?

Eine fliegende Wespe steuert ein Stückchen Banane an, das auf einem Teller auf der Ablage eines offenen Fensters liegt.

Wespen mögen ihre Bananen in etwas reiferem, gerne auch angegorenem Zustand. Woran das liegt und wie Sie einen friedlichen, stressfreien Umgang mit Wespen haben können, erfahren Sie im Beitrag. © Christopher Beschnitt/KNA

Sprit für Hornissen

Die Forschung zeichnet ein abweichendes Bild. Zum einen: Verglichen mit anderen Tieren können Wespen Alkohol enorm gut wegstecken. Eine Studie der israelischen Entomologin Sofia Bouchebti und anderer Forscherinnen im Jahr 2024 zeigte, dass die Orientalische Hornisse (Vespa orientalis) 80-prozentigen Fusel schadlos konsumiert: kein Einfluss auf die Sterblichkeit, das Nestbauverhalten oder die Aggression. Grund ist offenbar, dass die Gattung Vespa ein paar Extra-Kopien des Gens für die Äthanol-Verstoffwechselung besitzt. Was für andere Gift ist, ist für sie verwertbare Nahrung.

Bleibt die Frage, ob Wespen es eigens auf alkoholische Getränke absehen. Hier kam der US-amerikanische Biologe Peter Landolt 2014 in Feld- und Laborversuchen an Feldwespen zu der Auffassung, dass die Tiere „kohlenhydratreiche Nahrung finden, indem sie sich an flüchtigen Nebenprodukten mikrobieller Fermentation orientieren“. Heißt: Wo es nach Gärung riecht, vermuten sie Futter, etwa überreifes Obst.

Dem Duft alkoholischer Verbindungen zu folgen, hat die Evolution den Tieren mitgegeben, lange bevor es die Braukunst gab. 3-Methyl-1-butanol etwa, sogenannter Isoamylalkohol, sorgt für die bananige Note im Hefeweizen. Aber der Wespe wäre eine richtige Banane lieber.

Einmal Kinderschnitzel, bitte

Denn Futter brauchen sie jetzt mehr denn je. Die Sommerwochen bedeuten für Wespen „Hochkonjunktur, weil sie ihre Larven füttern müssen“, sagt Christian Schmid-Egger, Insektenforscher und Wildbienen-Gutachter. Zucker und Proteine sind gefragt – Zucker für den eigenen Energiebedarf und Eiweiß, damit vor dem Herbst die nächste Generation heranwachsen kann. Das erklärt, weshalb für Wespen Süßgetränke, Kuchen und Grillgut die eigentlichen Attraktionen sind.

„Sobald Fleisch da ist, gehen sie ans Fleisch“, sagt Schmid-Egger. Wer im Freien Honigmelone mit Parmaschinken isst, wird beobachten können, wie die emsigen Arbeiterinnen ganze Stückchen aus dem Schinken schneiden und zu ihrer Brut tragen. Die Aufdringlichkeit der Tiere ist dabei nicht mit Angriffslust zu verwechseln. „Aggressiv werden sie nur dann, wenn sie ihr Nest verteidigen“, so der Wespenkundler.

Was die ausdauernden Anflüge angeht, vergleicht Schmid-Egger die Wespen mit „kleinen Robotern“ – sie versuchen es halt immer wieder. Ein positiver Zug ihrer Psyche: So hartnäckig sie sind, so wenig sind sie nachtragend, wenn man sie abwehrt. Mit einer Ausnahme: Wer Nest und Volk bedroht, wird mit einem Duftstoff als Feind markiert. Dies ist ein Grund, warum auf die ersten ein bis zwei Wespenstiche, vielleicht provoziert durch panikhaftes Schlagen, noch eine größere Attacke folgen kann.

Flasche zu, Deckel drauf

Für einen eskalationsfreien Umgang rät Schmid-Egger zu passiven Maßnahmen: Getränke und Speisen abdecken, Vorsicht vor allem beim Trinken aus dunklen Flaschen, damit man keine lebende Wespe verschluckt. Bei Flugbetrieb „ruhig bleiben, sich langsam bewegen, nicht herumfuchteln“, empfiehlt Schmid-Egger. „Wespen wollen nicht von sich aus stechen.“ Wer eine sichere Hand und ruhige Nerven hat, kann die Tiere aus ihrer Flugbahn schubsen. Aber die Grenze zwischen Platzverweis mit physischem Zwang und einem Angriff ist aus Wespensicht nicht klar definiert. Also Obacht.

Manche Methoden, die Wespen vertreiben sollen, entspringen dem Volksglauben, etwa das Auslegen von Kupfermünzen; andere, wie das Räuchern mit glimmendem Kaffeesatz, mögen einen begrenzten Effekt haben, können aber auch auf Menschen lästig wirken. Bei alledem erinnert der Wespen-Experte an die nützlichen Seiten der Tiere: „Sie fressen andere Insekten, die wir nicht mögen.“