Stand: 16.08.2026, 17:48 Uhr
Manche Herzerkrankungen bleiben bei Kindern jahrelang unbemerkt. Ein Vater, der seinen Sohn verlor, will mit einem Schulprojekt nun Leben retten – und die Herzvorsorge in Deutschland verändern.
Fürstenfeldbruck (KNA) – Es war mitten in der Nacht, als Manfred May seinen Sohn verlor. Von einem Moment auf den anderen lag der 14-jährige Nicolas tot in seinem Zimmer. Eine Herzmuskelentzündung war unerkannt geblieben – bis es zu spät war. „Ich konnte meinen Sohn nicht retten, weil ich nicht wusste, wie krank sein kleines Herz war“, sagt der Vater.
Artikel der KNA
Dieser Beitrag stammt von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Aus dem Verlust entstand der Entschluss, sich für eine bessere Herzvorsorge bei Kindern und Jugendlichen einzusetzen. Gemeinsam mit Kinderkardiologen der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität gründete May deshalb die Nicolas-May-Stiftung. Mit ihrem Projekt „Hand aufs Herz“ bringt sie die Vorsorge direkt an Schulen – freiwillig und mit Zustimmung der Eltern. Nach Angaben von May nehmen mehr als 80 Prozent der Familien das Angebot an.

Fragebogen und Untersuchungen
Die Schülerinnen und Schüler füllen zunächst einen ausführlichen Gesundheitsfragebogen aus. Danach folgen Blutdruckmessung, EKG und Herzultraschall. Hinzu kommen ein Lungenfunktionstest und – freiwillig – eine Blutuntersuchung, unter anderem auf Fettstoffwechselstörungen.
„Wir betrachten das Herz-Kreislauf-System möglichst ganzheitlich“, erklärt Professor Nikolaus Haas, Direktor der Abteilung für Kinderkardiologie und Pädiatrische Intensivmedizin am LMU Klinikum München. Er begleitet das Projekt wissenschaftlich von Beginn an.
Langfristiges Ziel der Stiftung ist es, die Herzvorsorge als festen Bestandteil der sogenannten J1-Untersuchung zu etablieren und eine Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen zu erreichen. Sie werde bislang nur von etwa 25 bis 30 Prozent der Jugendlichen wahrgenommen, erläutert Haas. „Wenn man die J1 aufwerten würde, indem man auch Herz-Kreislauf-Risiken untersucht, würde man sie vermutlich attraktiver machen und mehr junge Menschen erreichen. Dies würde zusätzlich Vorsorgeuntersuchungen aufwerten.“
Völlig unauffällig – und dennoch krank
„Man sieht den Kindern ihre Herzerkrankung oft nicht an“, sagt Haas. Viele angeborene Fälle bleiben zunächst unbemerkt. Bei den bislang mehr als 3.000 untersuchten Kindern und Jugendlichen stellte das Ärzteteam nach Angaben der Stiftung rund 1.100 Auffälligkeiten fest.
„Das heißt nicht, dass all diese Kinder herzkrank sind“, betont Haas. Viele Befunde müssten zunächst kontrolliert oder weiter abgeklärt werden. Entdeckt wurden auch angeborene Herzrhythmusstörungen und Herzfehler sowie Fettstoffwechselstörungen und Bluthochdruck – alles bekannte Risikofaktoren für spätere Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Ein 13-jähriger Junge aus Olching verdeutlicht, welche Folgen ein unerkannter Herzfehler haben kann. Bei der freiwilligen Schuluntersuchung im Rahmen von „Hand aufs Herz“ fanden die Ärzte bei ihm ein Loch in der Herzscheidewand – größer als eine Ein-Euro-Münze. Beschwerden hatte er keine. Der Defekt konnte erfolgreich minimal-invasiv verschlossen werden. So sei verhindert worden, dass das Herz über Jahre dauerhaft geschädigt werde, erklärt Haas.
Ein Einzelfall ist kein Beleg
Für die Einführung einer routinemäßigen Vorsorgeleistung reicht dieser Fall nicht. „Dabei geht es nicht um Einzelschicksale, sondern um das Gesundheitssystem insgesamt“, sagt Haas. Neue Vorsorgeleistungen müssten wissenschaftlich begründbar sein. Entscheidend sei dafür, ob sich insgesamt eine bedeutsame Zahl schwerer Erkrankungen verhindern und langfristig Folgekosten vermeiden ließen.
Dafür sammelt die Stiftung gemeinsam mit dem LMU-Klinikum weiter Daten. Bis 2029 sollen rund 10.000 Kinder und Jugendliche untersucht sein. Erst dann, so Haas, seien belastbare Aussagen über die Effektivität und damit Nutzen und Kosten möglich.
Was Herzvorsorge leisten kann – und was nicht
Viele Herzprobleme machen zunächst keine Beschwerden. Vorsorgeuntersuchungen können Risiken früh erkennen. Doch wie viele Erkrankungen und Todesfälle sich dadurch verhindern lassen, ist noch offen.
Bonn/Fürstenfeldbrück (KNA) Herzvorsorgeuntersuchungen können bestimmte angeborene Herzfehler, Herzrhythmusstörungen oder Risikofaktoren wie Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen erkennen. Das ist wichtig, weil sehr viele Herzerkrankungen zunächst keine Beschwerden verursachen. Werden Risikofaktoren jedoch früh erkannt, können Familien und Ärzte gegensteuern, um spätere Erkrankungen zu vermeiden oder hinauszuzögern.
Nach Schätzungen der Deutschen Herzstiftung sterben in Deutschland jährlich etwa 65.000 Menschen am plötzlichen Herztod. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind darunter täglich ein bis zwei Jugendliche unter 18 Jahren. In welchem Umfang sich solche Todesfälle durch standardisierte Vorsorge verhindern lassen, müsse noch wissenschaftlich belegt werden, sagt Nikolaus Haas, Direktor der Abteilung für Kinderkardiologie und Pädiatrische Intensivmedizin am LMU Klinikum München.
Mit EKG und Herzultraschall lassen sich nicht alle späteren Herzprobleme vorhersagen. Eine Herzmuskelentzündung kann beispielsweise bei zuvor unauffälligen Untersuchungen erst später entstehen. Eine standardisierte Herzvorsorge kann deshalb nicht alle Herztodesfälle verhindern. Aber sie trägt dazu bei, viele Erkrankungen früh zu erkennen und auch zu verhindern.
Spenden gesucht
Derzeit besucht das Projekt hauptsächlich große Schulen im oberbayerischen Landkreis Fürstenfeldbruck, bald auch in Starnberg. Aus Leipzig und Sachsen-Anhalt gebe es bereits Anfragen, berichtet May. Eine Ausweitung scheitere bislang jedoch an fehlenden finanziellen Mitteln und personellen Kapazitäten. „Wir brauchen deutlich mehr Spenden“, sagt der Stiftungsgründer.
Auch wenn eine Vorsorge Nicolas’ Tod nach heutigem medizinischem Kenntnisstand wahrscheinlich nicht hätte verhindern können, möchte May andere Eltern vor dem Verlust ihres Kindes bewahren. „Das Schlimmste ist natürlich, dass Nic nicht mehr da ist. Aber genauso schwer ist für mich der Gedanke, dass ich nie wieder hören werde: ‚Ich hab’ dich lieb, Papa.‘“
Ob Nicolas ihn und seine Arbeit heute auf irgendeine Weise begleitet, könne er nicht sagen. „Es fällt mir schwer, das zu glauben, aber ich wünsche es mir von Herzen.“