"Freizeit kann mir keiner bezahlen"

Am Späti in Marienfelde

“Freizeit kann mir keiner bezahlen”

Illustration: BSR Mitarbeiter "Am Späti". (Quelle: rbb)
Illustration: BSR Mitarbeiter "Am Späti". (Quelle: rbb)

Icon Kommentar

rbb|24 will mit den Gesprächsprotokollen, die "Am Späti" entstanden sind, Einblicke in verschiedene Gedankenwelten geben und Sichtweisen dokumentieren, ohne diese zu bewerten oder einzuordnen. Sie geben die Meinungen der Gesprächspartner wieder.

Wer: ehemaliger Müllfahrer bei der Berliner Stadtreinigung
Alter: 71 Jahre
Uhrzeit: 16:41 Uhr
Gekauft: Kaffee, Zigarillos, Bild-Zeitung
Woher: von Zuhause
Wohin: bleibt noch sitzen
Späti: Lottoladen in Berlin-Marienfelde mit Blick auf Plattenbauten, direkt daneben mehrere leere Ladenzeilen, nachmittags viele Stammkunden

Hier sind nur Alte. Wir kennen uns natürlich, weil wir schon so lange hier wohnen. Ich wohne seit 47 Jahren in Marienfelde. Drei Kinder habe ich hier großgezogen. Meine Frau ist mittlerweile gestorben. Rente stimmt, da braucht man nicht umziehen.

Ich habe 43 Jahre bei der Berliner Stadtreinigung gearbeitet als Müllabfuhr-Fahrer. In Wilmersdorf.

Seine Stimme ist rauchig, seine grauen Haare lang. Er sitzt auf einem Blechschränkchen vorm Lottoladen und lässt die Beine baumeln.

Um fünf Uhr bin ich losgegangen zu Arbeit. Wir waren am Anfang immer zu fünft, ein Fahrer vier Müllwerker. Dann wurde immer mehr reduziert. Zum Schluss waren wir nur noch ein Fahrer und zwei Müllwerker. Aber ich beklage mich nicht, haben wir immer gut geschafft. Wenn wir Feierabend hatten, sind wir nach Hause gegangen. Sehr gute Arbeitszeiten.

"Machs juut", ruft er einem Mann zu, mit dem er sich vorher unterhalten hat.

Ich habe Kfz-Mechaniker gelernt, aber das waren mir zu lange Arbeitszeiten. Am allerliebsten hätte ich nachts gearbeitet, wär mir auch egal gewesen.

Mit 61 Jahren bin ich in Rente gegangen. Wenn ich bis zu meiner Regelrentenzeit weiter gearbeitet hätte, hätte ich 82 Euro mehr Rente bekommen. Da habe ich gesagt: Fertig, Papiere. Freizeit kann mir keiner bezahlen.

Ansonsten bin ich im Motorradverein. Wir fahren viel. Auch mal weiter weg. Wir waren jetzt in Monaco, Nizza, Kroatien. Da fahren wir schon mit dem Motorrad hin. Nach Monaco brauchen wir ungefähr 26 Stunden. Da schlafen wir unterwegs auf einer Bank oder auf einer Wiese. Motorradfahren ist anstrengender als Autofahren. Wenn wir am Zielort sind haben wir Hotels oder Campingplätze. In Las Vegas waren wir auch schon, aber natürlich nicht mit dem Motorrad.

Bei einer Harley-Davidson kommt es darauf an, was man haben will. Es gibt sportliche Modelle. Die sehen zwar bisschen anders aus, als die japanischen, aber die haben schon bis 120 PS. Meins nicht, das hat 90 PS, ich habe ein Touren-Motorrad.

Wir sind 22 Leute im Club. Ich bin der Älteste und der einzige aus Marienfelde. Die meisten kommen aus dem Wedding oder aus Reinickendorf. Da haben wir auch unser Clubhaus.

Während des Gesprächs zieht er sein Handy aus der Tasche, zeigt Fotos von seinen Maschinen.

Das ist das Motorrad, was ich jetzt fahre. Baujahr 2014. Neu kostet die 39.000 Euro. Gebraucht hat die ungefähr 24.000 gekostet. Die steht hier drüben im Parkhaus. Ich habe noch ein paar andere Motorräder. Hier habe ich noch so eine Graue.

Er zeigt ein Foto einer geparkten Harley.

Dann habe ich noch eine Rote. Ich fahre jetzt immer die Schwarze. Eine habe ich meiner Tochter zum 40. Geburtstag geschenkt. Bisschen was Sportlicheres habe ich ihr geschenkt. Die fährt auch. Hier auf dem Foto hat sie die Maschine abgeholt.

Und hier ist mein Club...

... er zeigt ein Gruppenbild mit vielen jüngeren und älteren Menschen, Männer und Frauen...

Mein Sohn fährt nicht. Meine Frau hatte zwar nichts dagegen, ist aber auch nie mitgefahren. Das war ihr zu anstrengend.

Beide Arme sind bis zu den Händen durchgängig tätowiert. Auf einem Arm ist ein Clownsgesicht zu sehen.

Die Tattoos habe ich schon fast 50 Jahre. Aus den wilden Zeiten. Heute würde ich mich gar nicht mehr tätowieren lassen, weil heute alle Tattoos haben. Bei uns war das Protest. Wir wurden beschimpft. Gammler, Penner, langhaarige Schweine, faule Säcke, geht mal arbeiten. So war das in meiner Jugend. Ich habe hier noch ein Bild von mir früher, mit Schlangenlederschuhen, Weste und Porschebrille. Habe bisschen einen auf hart gemacht.

Er lacht, zündet sich einen Zigarillo an.

Berlin ist schlimm geworden. Alles dreckig. Keiner sagt mehr "bitte", keiner sagt mehr "danke". Letztens wollte eine Frau mit einem Kinderwagen in den Bus einsteigen, die kam gar nicht mehr rein in den Bus, weil niemand Platz gemacht hat. Da bin ich erstmal aufgestanden und habe ihr geholfen.

Hardrock höre ich bis heute. Ich würde zu keinem Konzert von Helene Fischer gehen. Aber Schlagerparty – wenn alles passt, auch gut. Hier war noch nie viel los. Aber meine Tochter ruft oft an und sagt: "Papa, ich bin hier bei der Schlagernacht am Kurt-Schumacher-Damm. Kannst du mich abholen?" Ich bin ihr Uber-Auto. Sie wohnt da vorne, ich im Haus daneben. Ich wollte nie, dass sie nachts mit der BVG fährt.

Grade ist hier meine Enkelin vorbeigelaufen, sagt er. Die ist elf. Und zwei meiner Enkel spielen bei den Eisbären. Die sind 18 und 20 Jahre alt und momentan hat der Verein sie verliehen nach Crimmitschau in Sachsen, damit sie Eiszeit kriegen. Da spielen sie in der zweiten Bundesliga. In Berlin würden sie zu wenig spielen.

Die waren ihre ganze Jugend bei den Eisbären. Da habe ich mich schon gewundert. Keiner von uns weiß, wie die zum Eishockey gekommen sind. Mein Sohn weiß es auch nicht. Erst haben sie Tischtennis gespielt. Da haben wir in der Familie schon immer gesagt: Wie kann man denn Tischtennis spielen. Genauso schlimm wie wenn ein Junge nach Hause kommt und sagt: Ich will zum Ballett. Zwei Jahre haben sie das dann gemacht, auch gar nicht schlecht. Und dann sind sie zum Eishockey gegangen. Eigentlich spät, so mit acht oder so.

Die haben überhaupt keine Aggressivität. Die toben sich auf dem Eis aus. Danach haben die keinen Bock, sich draußen mit irgendwelchen Leuten auf der Straße anzulegen. Das ist eigentlich schön. Beim Sport lassen sie alles raus, da kriegen sie auch mal einen mit von den älteren, das gehört dazu. Danach geben sie sich die Hand und dann ist gut.

Er bleibt noch eine ganze Weile sitzen vorm Lottoladen, plaudert mit ein paar anderen, die dort sitzen.

Sendung: rbb|24, 16.08.2026, 17:40 Uhr
Audio: rbb|24, 16.08.2026, Yasser Speck im Gespräch mit Jonas Wintermantel und Anna Bordel

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