KI-Stimme. Info
Es klingt, als hätte Elon Musk Dialogzeilen für einen Verschwörungsthriller geschrieben. Kurz vor der Präsidentschaftswahl 2024 soll der reichste Mann der Welt Ashley St. Clair, der Mutter eines seiner vielen Kinder von vielen Müttern, eine „Anomalie in der Matrix“ angekündigt haben. Musk, erinnert sie sich, habe damals eine geradezu unheimliche Gewissheit ausgestrahlt, dass Donald Trump gewinnen werde – lange bevor die Wahl entschieden war. Dann schrieb er ihr: „Ich habe zehntausend Laser im Weltraum.“ Wie bitte?
Gemeint war möglicherweise Starlink, Musks satellitengestütztes Internet-Imperium. Vielleicht war es Angeberei. Vielleicht ein Musk-Witz. Vielleicht etwas anderes. Einen Beleg dafür, dass Starlink Stimmen verändert oder in die Auszählung eingegriffen hätte, gibt es nicht.
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Und doch weiß Alex Gibney ziemlich genau, warum er diese Szene sehr prominent in den politisch explosivsten Teil seiner neuen Dokumentation stellt. Fast vier Jahre hat der Oscar-Preisträger an „Musk“ gearbeitet, einem knapp vierstündigen Epos, das an diesem Dienstag bei den Festspielen in Venedig Weltpremiere feiert. Kino-Start in den USA erst Mitte Oktober.
Für Wahlbeeinflussung müssen keine Urnen aufgebrochen werden
Was als Biografie über einen exzentrischen Unternehmer begann, ist eine Untersuchung darüber geworden, was geschieht, wenn ein Privatmann Geld, Satelliten, ein globales Kommunikationsmedium, Künstliche Intelligenz, Wählerdaten und zeitweiligen Zugang zum Staatsapparat in seiner persönlichen Werkzeugkiste versammelt.
Die unbequeme Frage lautet: Hat Musk inzwischen die Instrumente beisammen, demokratische Wahlen auf eine Weise zu beeinflussen, für die politische Kontrollmechanismen noch gar keine Sprache gefunden haben?
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Wer eine Wahl 2026 und danach beeinflussen will, muss keine Wahlurne aufbrechen. Es genügt womöglich, Millionen Menschen sehr genau zu kennen. Wer reagiert auf Empörung, wer auf Angst, wer auf das Versprechen, endlich wieder zu den Gewinnern zu gehören?
Hat man diese Antworten, fehlt nur noch der nächste Schritt: jedem Einzelnen passgenau jene Wirklichkeit zu liefern, die ihn am zuverlässigsten bewegt.
Eine Million Botschaften für eine Million Menschen
Elon Musk besitzt dafür eine vermutlich beispiellose Kombination von Werkzeugen. Sein Portal X liefert Interessen, Netzwerke, Stimmungen und Erregungskurven. America PAC, sein Finanz-Tool für die Republikaner, verfügt über Wählerdaten, digitale Werbung und eine politische Organisation. 2024 investierte Musk mehr als eine Viertelmilliarde Dollar in Donald Trumps Rückkehr. Nun wird die Maschine für die „Midterms“ wieder angeworfen. Bis zu 120 Millionen Dollar sollen mobilisiert werden. Und hier kommt die Künstliche Intelligenz ins Spiel.
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Wie weit die Technik inzwischen reicht, demonstrieren Systeme der neuesten Generation wie ChatGPT-6 Astra von OpenAI. Sie können riesige Datenmengen nach Mustern durchsuchen, komplexe Aufgaben zerlegen und Entscheidungen zunehmend autonom vorbereiten und mit immer weniger menschlicher Aufsicht handeln.
Überträgt man nur einen Teil dieser Fähigkeiten auf Wahlkämpfe, entsteht etwas, von dem frühere „Spin Doctors“ nur träumen konnten: nicht eine Botschaft für eine Million Menschen, sondern theoretisch eine Million Botschaften für eine Million Menschen. Keine groben Zielgruppen, sondern akribisch verfeinerte psychologische Profile. Kein Wahlspot für alle, sondern Botschaften, die sich permanent daran orientieren, was jemand anklickt, teilt oder fürchtet.

Regisseur Alex Gibney stellt in Venedig sein neues Dokumentar-Epos vor: „Musk“.© dpa | Britta Pedersen
Das muss nicht einmal illegal sein. Aber Demokratie setzt voraus, dass Menschen erkennen können, wer gerade versucht, sie wovon zu überzeugen. Eine KI-gesteuerte Einflussmaschine wird diese Grenze verwischen.
Hoffentlich kommt Alex Gibneys Film nicht zu spät
Alex Gibney fügt hier einen besonders brisanten Baustein hinzu: „Doge“. Als Trumps Regierungsbeauftragter erhielt Musk im Frühjahr 2025 wochenlang Zugang zu riesigen staatlichen Datenbeständen. Es gibt keinen Beweis, dass daraus Informationen rechtswidrig an America PAC gelangten oder für Wahlkampfzwecke genutzt wurden. Aber: Dogenahe Mitarbeiter sollen die Datenbank der Social Security Administration (SSA) – also Identitätsdaten von rund 300 Millionen Amerikanern – kopiert haben. Quelle: der frühere SSA-Chief-Data-Officer Chuck Borges. Spielt darauf der für einen Oscar nominierte Abspannsong des Films von Talking-Heads-Mastermind David Byrne an? „Let Me Sell You a Dream“ besteht ausschließlich aus echten Musk-Zitaten …

Dirk Hautkapp ist US-Korrespondent.© ZR | bm
Die Kernfrage bleibt. Was passiert, wenn staatliche Datennähe, private Datenmacht, Künstliche Intelligenz, eine globale Kommunikationsplattform und unbegrenztes Vermögen in derselben Hand zusammenkommen – und die demokratischen Kontrollorgane dieser Macht der Technik hoffnungslos hinterherlaufen? Am 3. November wählen die Amerikaner einen neuen Kongress, 2028 einen neuen Präsidenten. America PAC ist bereit, Amerika selbst – nicht. Hoffentlich kommt Alex Gibneys Film nicht zu spät.