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Die Republik war müde.
Zu viele Krisen.
Zu viele Konflikte.
Zu viele Kompromisse, an die niemand mehr glaubte.
Die Menschen stritten nicht mehr darüber, wie Probleme zu lösen seien.
Sie stritten darüber, ob man sie benennen dürfe.
Wer Missstände erwähnte, stand bald selbst vor Gericht.
2029 kam die Opposition an die Macht.
Ordnung.
Souveränität.
Sicherheit.
So lautete das Versprechen.
Doch die Regierung fand keine Gegner, die man stürzen konnte.
Nur Strukturen.
Bürokratie.
Gerichte.
Netzwerke.
Der Apparat war längst gebaut.
Er hatte nur den Besitzer gewechselt.
Also bekämpfte sie die Symptome.
Kameras. Gesetze. Nichts blieb unerfasst.
Die Kriminalität sank. Die Freiheit auch.
Im Osten wuchs die Ungeduld.
Dort, wo der Frust am größten war, glaubte niemand mehr an Veränderung.
Ein anderer Gedanke entstand.
Nicht reformieren.
Neu beginnen.
2035 geschah das Undenkbare.
Fünf Bundesländer erklärten ihre Abspaltung.
Man rief eine neue Republik aus.
Hauptstadt: Weimar.
Der Name war kein Zufall.
Man wählte ihn wie eine Wunde.
Eine Erinnerung.
Diesmal sollte es gelingen.
Die neue Republik schrieb eine Verfassung.
Die Macht der Parteien wurde gebrochen.
Bürger konnten Gesetze selbst zur Abstimmung bringen.
Ein Grundeinkommen ersetzte die Angst vor dem nächsten Monat.
Maschinen arbeiteten längst schneller als der Mensch.
Der Osten wurde zum Zentrum europäischer KI.
Es wurde gestritten.
Ohne Verbote.
Ohne Tabus.
Ohne Gewissheiten.
Ein Labor.
Frei.
Pluralistisch.
Unruhig.
Ausgerechnet unter jenem Namen, der zum Synonym für das Scheitern der ersten deutschen Republik geworden war.
Nach hundert Jahren schien sich ein Kreis zu schließen.
Berlin blieb zurück.
Es hatte längst gewählt.
Der Westen folgte.
Frankfurt wurde Hauptstadt.
Berlin eine Insel.
Aus den Resten der alten Parteien entstand etwas Neues.
Etwas Härteres.
Die Zentralpartei übernahm die Macht.
Der Westen verwandelte sich in einen Überwachungsstaat.
Die neue Mauer bestand nicht nur aus Beton.
Sie war ein System.
Jeder Bürger trug ein Implantat.
Kaum größer als ein Reiskorn.
Eingepflanzt hinter dem Ohr.
Es registrierte Schritte.
Pulsschläge.
Aufenthaltsorte.
Es meldete, ob man zu den vorgeschriebenen Ritualen erschien.
Ein leiser Ton warnte, wenn man sich zu lange an einem falschen Ort aufhielt.
Wer das Implantat entfernte, starb.
Ein programmierter Schock.
Berlin 2047
Lina war einundzwanzig.
Geboren 2026.
Aufgewachsen am Boxhagener Platz.
Ihre Eltern hatten für den Anschluss an Weimar gekämpft.
Seitdem waren sie gebrandmarkt.
Ihr Vater wurde verhaftet, als sie neun war.
Offiziell: verlegt.
Sie sah ihn nie wieder.
Ihre Mutter saß seitdem am Fenster.
Reglos.
Wie eine Statue.
Lina wurde still.
Keine Freunde.
Niemand fragte nach ihr. Sie zeichnete. Gesichter ohne Mund.
Fenster ohne Glas. Mauern ohne Ende. Nachts hörte sie heimlich Musik.
Die alten Sender waren verstummt.
Was blieb, waren Hymnen.
Parolen.
Stimmen ohne Leben.
Aus dem Osten kam etwas anderes.
Techno.
Streit.
Lachen.
Das Einzige, das sie spüren ließ:
Die Welt war größer als diese Stadt.
In Berlin war jedes Wort ein Risiko.
Die Stadt hatte ihren Glanz verloren.
Die Straßen waren leer.
Als hätte jemand das Leben aus ihnen gezogen.
Berlin war kein Ort mehr.
Es war ein Ende.
Manchmal stellte Lina sich vor, der Osten würde sie retten.
Dass Weimar die Mauer sprengen würde.
Dass jemand kommen würde.
Tief in sich wusste sie:
Niemand würde kommen.
Aber diesen Gedanken ließ sie nicht zu.
Er hätte ihren letzten Traum zerstört.
Sie sah die Razzien.
Lastwagen mit Soldaten am Alexanderplatz.
Die täglichen Loyalitätsparaden.
Sie schwieg.
Wer es nicht tat, verschwand.
Weimer 2.0
© Richard Bitomsky
Die Stimmen aus dem Osten wurden lauter.
Nicht mehr nur Trost.
Ein Ruf.
Für Lina war Weimar kein Mythos mehr.
Es war eine Richtung.
Wochenlang bereitete sie sich vor.
Sie studierte die Grenze.
Fand den dunkelsten Weg dorthin.
Über den Teufelsberg.
Nachts trainierte sie im Volkspark.
Lautlos atmen.
Schnell laufen.
Sie besorgte dunkle Kleidung.
Handschuhe.
Feste Schuhe.
Eine Zange.
Sie wusste, dass der Preis ihr Leben sein konnte.
Aber das Leben hier war längst keines mehr.
Die Nacht am Teufelsberg war klar.
Kein Mond.
Nur Dunkelheit.
Lina schnitt den ersten Zaun auf.
Der Strom fuhr durch ihre Hände.
Der Schmerz brannte in ihren Fingern.
Sie blieb liegen.
Roch verbrannte Haut.
Zählte bis zehn.
Dann lief sie los.
Der Wald war nass.
Äste peitschten ihr ins Gesicht.
Der Boden sog an ihren Schuhen.
Über ihr das Summen einer Drohne.
Der rote Lichtkegel.
Er fixierte sie wie ein Insekt.
Sie dachte an ihren Vater.
An den Morgen, als sie ihn das letzte Mal sah.
Wie er seine Jacke anzog.
Ihr zulächelte.
Winkte.
Und verschwand.
Der Schuss kam ohne Warnung.
Lina fiel.
Ihre letzte Bewegung war ein Reflex.
Die Hand griff nach dem Boden.
Als wolle sie sich festhalten an dieser Welt.
Am Morgen sendete der Rundfunk der Zentralpartei eine Meldung:
„In der vergangenen Nacht wurde an der Westgrenze Berlins eine Grenzverletzerin neutralisiert. Die Sicherheit unserer Bürger hat höchste Priorität.“
In Weimar ging die Sonne auf.
Richard Bitomsky (UNT3N), Komponist, Regisseur und Autor, lebt in Berlin. Seine Arbeiten verbinden Musik, Film und Literatur mit gesellschaftlicher Gegenwartsanalyse. Im Zentrum stehen Macht, Sprache, Technik und die Mechanismen gesellschaftlicher Ordnung. Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
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