Wie Friederike Schierholz doch zur Landwirtin wurde

Stand: 30.07.2026, 19:00 Uhr

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Eine Frau in Arbeitskleidung steht an der offenen Tür eines Hühnerstalls

Blick in den mobilen Hühnerstall: Friederike Schierholz tauscht mittlerweile gern Schlappen gegen Gummistiefel. © Katia Backhaus

Mit Gummistiefeln sei sie nicht aufgewachsen, sagt Friederike Schierholz. Allerdings: auf einem Bauernhof. Wie es dazu kam, dass sie heute doch regelmäßig auf dem Acker und im Hühnerstall aktiv ist, erzählt die Kandidatin für die „Zukunftsmacherin“ 2026 bei einem Besuch in Eydelstedt.

Eydelstedt – „Schierholz – das ist meine Adresse, und Schierholz, das ist auch mein Nachname.“ Schierholz liegt in der Nähe von Eydelstedt, mitten im Wald. Die Handynavigation funktioniert erst wieder, wenn man ein Stück herausgefahren ist. Ein Wald, in dem neben den Mitgliedern der Familie Schierholz 4.500 Hühner leben. Der Schierholz-Satz stammt von Friederike Schierholz, der ältesten von sechs Schwestern. Sie wohnt gleich gegenüber von dem Hof, auf dem sie aufgewachsen ist. Landwirtin wollte sie nie werden. Und auch keine ihrer Schwestern.

Schierholz ist eine der zehn Nominierten für die „Zukunftsmacherin 2026“. Ausschlaggebend war ihr landwirtschaftliches Engagement: Gemeinsam mit ihrem Mann Alexander setzt die 41-Jährige auf Anbaumethoden, die Erosion verhindern und Bodenorganismen schützen sollen. Außerdem haben die beiden eine mobile Hühnerhaltung aufgebaut, deren Produkte sie unter dem Titel „Wiesenei“ verkaufen. Im Hauptberuf ist Schierholz Berufsschullehrerin. Ihr Weg zur Landwirtschaft führt über Osteuropa und Tallinn, über das Thünen-Institut und ein Referendariat. Eine Geschichte des Anpackens.

„Ich muss noch eben meine Schuhe wechseln“, sagt Schierholz, lässt die Schlappen stehen und steigt in Gummistiefel. Wir fahren zu den Hühnern, tiefer in den Wald hinein. Auf schattigen Wiesen leben dort drei Herden mit je 1.500 Hühnern, auf 100 Hennen kommt ein Hahn. Große Mobilställe, die auf Kufen von Pappelwald zu Pappelwald verschoben werden können, bieten Legeplätze und nächtlichen Schutz.

In einem kleinen Pappelwald sind freilaufende Hühner zu sehen

Den Pappelwald für die Hühner pflanzten Schierholz und ihr Mann im Jahr 2020. © Katia Backhaus

Sie sei „nicht mit Gummistiefeln auf die Welt gekommen“, sagt Schierholz. Viele Hobbys habe sie gehabt als Kind, keins davon hatte mit dem zu tun, was sie täglich umgab: Ackerbau und Tierhaltung. Entwicklungshilfe fand sie spannend, liebäugelte mit dem Journalismus, entschied sich nach Absagen aber für ein Studium der Agrarwissenschaften. Wer studiert, geht nach dem Abschluss nicht in den Stall, sondern an den Schreibtisch, sagt Schierholz. Das tat auch sie und begann eine Doktorarbeit am Thünen-Institut in Braunschweig. Angekommen? Nein.

Was kam, war die erste Tochter. 2011, ein Jahr, in dem Weichen gestellt wurden: Heirat, Kind, Hausbau. Ein ruhiges Leben auf der eigenen Scholle? Mitnichten: Alexander, Schierholz‘ Ehemann, war viel unterwegs – als praktizierender Landwirt. Managte Großbetriebe in Osteuropa und wollte alles andere als weg von der Landwirtschaft. Schierholz zog immer mal mit, in die Ukraine, nach Polen, nach Estland. Dort verbrachten sie ein halbes Jahr als junge Familie. „Tallinn, das war schön“, erzählt sie.

Aber auch für sie sollte es beruflich weitergehen – zu Hause. 2012 begann sie ein Referendariat an der Berufsschule in Sulingen, schaffte den Spagat zwischen Kleinkind und Ausbildung und schloss erfolgreich ab. Mit ihren Schülern und Schülerinnen tauchte sie in Bodenkunde und Betriebswirtschaft ein. Sie rechneten und analysierten: Wie rentabel ist eigentlich so ein Hof im Vergleich zur Flächenverpachtung? Die Entwicklung der jungen Leute und von landwirtschaftlichen Betrieben zu begleiten, mache ihr große Freude, sagt sie.

Es folgte Tochter Nummer zwei, noch immer war Alexander wochenlang im Ausland. Dann kam die Frage auf, wie es um die Zukunft des Schierholz-Hofs steht. Der Vater ging auf die 60 zu, keine der Schwestern hatte sich auf die Nachfolge beworben.

„Zukunftsmacherin 2026“

Zum ersten Mal kürt die Mediengruppe Kreiszeitung im Landkreis Diepholz eine „Zukunftsmacherin“ – also eine Frau, die aktiv Ideen voranbringt, innovativ Projekte anschiebt und positiv Menschen mitreißt. Die Idee: Weibliches Engagement in den Fokus stellen und auszeichnen. Bei einer Gala am 23. September wird bekannt gegeben, wer die „Zukunftsmacherin 2026“ wird. In dieser Serie stellen wir die Top-Ten-Kandidatinnen vor.

Mit zwei kleinen Kindern eine neue Geschäftsidee entwickeln? Warum nicht – dachte Alexander. Warum – dachte Friederike. „Voll easy“, sagte er. Die Idee: Hühnerhaltung in Mobilställen, wenig Arbeit, viel Tierwohl. „Es war nicht so einfach wie gedacht“, sagt Schierholz heute. Der Geflügelpestausbruch 2016 machte das erste Jahr zur Belastungsprobe. Doch wieder aufhören? Nein. „Wir hatten ein Branding, ein geiles Produkt, und wir haben uns für Vollgas entschieden.“

Nach zwei Jahren war das „Wiesenei“ so erfolgreich, dass Alexander seinen anderen Job aufgeben konnte. Aber er hatte aus Osteuropa Ideen mitgebracht: Direktsaat und regenerative Landwirtschaft, ohne Pflügen und Grubbern. „Das hat zu dem Zeitpunkt hier noch niemand gemacht“, sagt Schierholz. Die offizielle Hofübergabe erfolgte 2020, da war Tochter Nummer drei ebenso viele Jahre alt. Und Schierholz stand dort, wo sie sich nie gesehen hatte: in Gummistiefeln auf dem eigenen Hof.

Im Hauptberuf Lehrerin, zu Hause Landwirtin, beides sei ihr wichtig, sagt Schierholz. „Frauen in der Landwirtschaft reißen enorm viel, aber bezeichnen sich nicht als Landwirtin. Sie sagen: Ich helfe ja nur ein bisschen aus.“ Frauen müssten viel öfter bereit sein, sich als Landwirtin zu bezeichnen, findet sie. „Auch wenn sie nicht ständig auf dem Trecker sitzen.“ So wie Schierholz.