Queer und muslimisch - warum ein Coming-out in vielen Moscheen schwierig bleibt

Über Homosexualität werde in Moscheen teilweise abwertend gesprochen. Das sagte der Münsteraner Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide am Donnerstagabend dem WDR. Aus Sicht des Professors sollte der Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day (CSD) ein Anlass für die Moscheegemeinden sein, ihre Haltung zu ändern.

In NRW gibt es rund 1.000 Moschee-Gemeinden. In wie vielen dieser Moscheen bekommt man Ärger, wenn man sich als queere Person zu erkennen gibt?

Aber es ist schwierig für Betroffene, sich zu outen. Denn traditionell gilt Homosexualität als Sünde. Welchen Ärger man bekommt, hängt davon ab, wo man sich befindet - in einer gemäßigten oder in einer eher fundamentalistischen Moschee. Ich vermute, dass in den meisten Moscheen einem zumindest gesagt wird, dass das Praktizieren von Homosexualität eine große Sünde sei.

Was muss sich aus Ihrer Sicht an dieser Haltung ändern?

Khorchide: Oft wird bei dieser Haltung mit der Religion selbst argumentiert. Man beruft sich zum Beispiel im Koran auf die Geschichte des Propheten Lot. Die geht eigentlich so: Lot hat zwei Männer zu Besuch. Die Gäste werden aber von Männern aus dem Dorf überfallen und vergewaltigt. Der Koran kritisiert genau das: die Gewalt gegen Gäste als Zeichen von Gästefeindschaft.

Aber die islamische Tradition hat daraus ein generelles Verbot für Homosexualität abgeleitet. Das gibt die Geschichte von Lot aber nicht her. Wir müssen den Koran stattdessen historisch-kritisch lesen. Wir brauchen eine Re-Lektüre der Textstellen, die instrumentalisiert werden, um queeres Leben im Namen des Islams abzulehnen.

Was bedeutet das konkret?

Khorchide: Wir müssen die jungen Menschen möglichst schon ab dem Kindergarten über Vielfalt aufklären. Und sie sensibilisieren: Was bedeutet Verschiedenheit, was bedeutet, dass die Welt sehr heterogen ist? Dabei muss auch das Thema Männlichkeit angesprochen werden. Denn Homosexualität unter Frauen wird kaum als Problem thematisiert.

Aber sobald es um Männer geht, dann stört das viele. In dieser Vorstellung kann ein Mann nur ein Mann sein, wenn er heterosexuell ist. Männlichkeit wird dabei verstanden als positive Demonstration von Macht, Stärke und Kontrolle. Einem Homosexuellen werden diese Eigenschaften in der islamischen Community häufig abgesprochen.

Was muss in den Moscheen passieren, um diese Veränderungen herbeizuführen?

Khorchide: Wir brauchen Imame, die queeres Leben aufgeklärt und weltoffen interpretieren. Dazu müssen die Imame selbst nach einem offenen Islam-Bild ausgebildet werden. Und es muss zweitens auch die Frage der Finanzierung von Moscheen geklärt werden. Sie muss unabhängig von ausländischen und islamistischen Einflüssen erfolgen.

Der deutsche Staat kann Standards setzen, wenn er die Vergabe von Fördergeldern an Moscheen an Kriterien knüpft. Zum Beispiel für den Umgang mit Themen wie Homosexualität und Antisemitismus. Dann sind Moscheen auch Teil der Lösung und leisten Aufklärungsarbeit. Und drittens brauchen wir in den Moscheen auch Jugendarbeit, um junge Menschen mit einem aufgeklärten Islam auch tatsächlich zu erreichen.

Was können Moscheen dabei gegen Radikalisierung tun?

Khorchide: Es reicht nicht, dass Moscheen sagen, wir sind gegen Radikalisierung, gegen Gewalt, gegen Terror. Darüber hinaus müssen sie auch Alternativangebote machen, um junge Menschen zu erreichen. Wir wissen heute, dass sich junge Menschen hauptsächlich über Social-Media radikalisieren. Sie gehen nicht mehr in die klassischen Moscheen.

Es reicht daher nicht zu sagen, das hat mit uns nichts zu tun. Bei uns radikalisieren sich keine jungen Menschen. Moscheegemeinden müssen sich die Frage stellen: Was tun wir, um junge Menschen mit einem offenen Islambild zu erreichen? Die Gemeinden müssen auch selbst in den sozialen Medien aktiv werden und aufgeklärte Angebote über den Islam als Religion verbreiten.

Das Interview wurde geführt von WDR-Reporter Dominik Reinle.

Sendung: WDR.de, Wie Moscheen mit queeren Menschen umgehen sollten, 31.07.2026, 05:01