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Besser leben
Wie öffne ich meine Beziehung richtig?
Wie gehe ich mit Eifersucht um? Wie kann ich vertrauen? Wir haben mit der Psychotherapeutin Natascha Ditha Berger darüber gesprochen, wie eine offene Beziehung gelingen kann
Interview
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Anne Feldkamp
Keine Frage, es wird heute viel geredet über unterschiedliche Beziehungsformen. Doch wie setze ich eigene Wünsche um? Wir haben die Psychotherapeutin und klinische Sexologin Natascha Ditha Berger um Rat gefragt.
STANDARD: Es heißt oft, das Öffnen einer Beziehung sei für viele Paare ein letzter Rettungsversuch. Was ist da dran?
Berger: Das kommt vor, meist ist das Vorhaben nicht von Erfolg gekrönt. In diesen Fällen handelt es sich oft um beziehungsverlängernde Maßnahmen, die nicht lange funktionieren. Öffnet man eine Beziehung allerdings aus einer Position der Stärke, sind die Überlebenschancen sehr hoch.
STANDARD: Was meinen Sie damit?
Berger: Wenn beide sagen: Wir haben Lust darauf, wir wollen das machen, uns geht es gut miteinander. Und wir wollen weiterhin, dass es uns gut geht. Es muss ja nicht gleich um Geschlechtsverkehr gehen. Allein Flirten oder auch mal Knutschen bringt Leben in eine Beziehung, man spürt sich anders. Wir alle kennen das aus unserer Kindheit: Wenn es heißt, das darfst du nicht, wird das super interessant. Ich merke in der Praxis: Manchmal wird etwas, was man darf, weniger reizvoll.
STANDARD: Sind offene Beziehungen heute noch unkonventionell? Oder so verbreitet wie nie?
Berger: Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Es gibt US-Studien, die besagen, dass etwa 20 Prozent der Menschen in ihrem Leben schon mal poly gelebt haben. Polyamorie ist natürlich nochmal etwas anderes als eine offene Beziehung. Zudem sind die Dunkelziffern sehr hoch. Wie will man die komplexen Spielarten des Zusammenlebens also in Zahlen erfassen? Ziemlich verbreitet ist aber das Wissen, dass es biologisch nicht angedacht ist, nur eine Person attraktiv zu finden. Mir ist es ein Anliegen, bewusst zu machen, dass das Interesse an einer Person außerhalb der Beziehung nicht mit Unzufriedenheit in der Beziehung gleichzusetzen ist. Das sagt beispielsweise auch die belgische Psychotherapeutin Esther Perel. Bezeichnend sind die Ergebnisse eines Fragebogens, mit dem US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner nach ihren Beweggründen für Sex gefragt wurden.
STANDARD: Die da wären?
Berger: Die Lust am Verbotenen, zum Beispiel in Form einer Affäre. Diesen Kick bekomme ich in einer Beziehung nicht – maximal über Rollenspiele.
STANDARD: Wie beginne ich, über meine Bedürfnisse zu sprechen?
Berger: Zum Beispiel so: Ich beschäftigte mich gerade mit einer Sache, wollen wir darüber reden? Ist das Öffnen der Beziehung eine oder eher keine Option für uns – was sagst denn du dazu? Oder ich lasse ein Buch auf dem Tisch liegen und schaue, was passiert.
STANDARD: Wird heute offener über Beziehungsformen gesprochen?
Berger: Ganz sicher. Ich glaube, dass es offene Beziehungsform auch früher viel öfter gab, als man glaubt. Ich leite eine psychotherapeutische Gruppe, in der es um alle möglichen Formen von Beziehungen geht. Oft erzählen Teilnehmerinnen davon, was ihre Eltern ausprobiert haben. Im Unterschied zu damals haben wir jetzt Begriffe wie beispielsweise Polyamorie dafür. Auch unsere Kaiser und Könige waren nicht monogam, es gab offizielle Mätressen. Im Unterschied zu heute kamen die Frauen allerdings zu kurz, ihnen war das nicht erlaubt. Heute sind offene Beziehung und Polyamorie für mich ein maximal feministisches Thema.
STANDARD: Was sind die Vorteile einer offenen Beziehung?
Berger: Bin ich happy, ist das Gefühl ansteckend. Ich sage auch immer: Poly ist die maximale Selbsterfahrung, da gehört für mich die offene Beziehung dazu. Sobald eine dritte Person involviert ist, haut es mir alle meine Themen um die Ohren. Anders gesagt: Wenn ich wachsen möchte oder wissen will, was meine Themen sind, könnte ich versuchen, eine Zeit poly zu leben. Man muss ja nicht dabei bleiben.
STANDARD: Welche Möglichkeiten gibt es, eine Beziehung zu öffnen?
Berger: Es gibt sehr viele Optionen. Den meisten liegt es, sozial monogam und sexuell nicht monogam zu leben. Man sucht sexuelle Abenteuer, will aber eine Hauptbezugsperson haben. Ein sexueller Dreier kann eine einmalige Sache sein – aber sich natürlich auch wiederholen. Dann gibt es Triaden und hier geschlossene Triaden: Alle haben was miteinander. Dafür Menschen zu finden, ist eine enorme Herausforderung. Der Klassiker wäre, dass jede oder jeder von einer Kernbeziehung ausgehend noch eine andere Beziehung eingeht. Es entsteht ein "Polykül".
STANDARD: Wie schaffe ich es, in einer offenen Beziehung Vertrauen zu schaffen?
Berger: Vertrauen kommt, wenn ich mich verletzlich zeige und mich zumute. Wenn es möglich ist, würde ich mit dem Partner, der Partnerin darüber reden, was einem einfällt. Allerdings in dem Bewusstsein, dass die Dinge sowieso anders kommen. Ich bin kein großer Fan von Regeln. Regeln würden garantiert irgendwann gebrochen werden.
STANDARD: Werden monogame Partnerschaften zu hoch gehalten?
Berger: Definitiv. Ich empfinde Eigenverantwortung, ein eigenes Leben zu leben als etwas Gutes. Was macht denn sexy? Es ist begehrenswert, wenn ich weiß, wer ich bin und was ich machen will. Das ist viel anziehender, als wenn ich dem Gegenüber vermittele: Ich brauche dich unbedingt; kümmere dich bitte, bitte um mich. In unserer Großelterngeneration kommt es öfter vor, dass nach dem Tod des einen drei Monate später der andere stirbt, weil er oder sie allein gar nicht mehr leben kann. Diese Co-Abhängigkeit gehört aufgebrochen. Es sollte auch viel mehr in platonische Freundschaften investiert werden.
STANDARD: Was tun, wenn man in einer offenen Partnerschaft plötzlich eifersüchtig auf den begehrteren Partner, die Partnerin wird?
Berger: Das kann passieren. Männer überschätzen ihren Marktwert maßlos. In heteronormativen Beziehungen ist der Klassiker, dass der Mann die Beziehung öffnen möchte. Er liegt ihr Ewigkeiten in den Ohren, sie stimmt irgendwann zu. Beim gemeinsamen Besuch im Single-Club hat sie die Zeit ihres Lebens und er steht mehr oder weniger allein in der Ecke.
STANDARD: Wie kann eine offene Beziehung trotzdem gelingen?
Berger: Das ist keine einfache Geschichte. Deswegen komme ich wieder zurück zur Eigenverantwortung. Es fängt immer bei mir selber an. Ich muss mich um mich selber kümmern und dafür sorgen, dass es mir gut geht. Das kann man lernen. Ich gehe davon aus, dass mein Partner oder meine Partnerin gern und freiwillig mit mir zusammen ist. Mein Gegenüber wird mir also nicht absichtlich wehtun. Wenn, dann redet man darüber, was einen sorgt. Beim Dreier empfehle ich gern, einen Sexworker dazu zu holen. Dann ist der Energieausgleich nämlich ein anderer.
STANDARD: Queere oder schwule Beziehungen werden selbstverständlicher geöffnet. Was kann ich als heterosexuelles Paar von diesem Umgang lernen?
Berger: Ein Grund, warum ich ein Buch über "Mono-offen-poly" geschrieben habe, ist, dass es den "Monos" guttun würde, sich mit jenen Dingen zu beschäftigen, mit denen die "Polys" sich ständig auseinandersetzen.
STANDARD: Was wäre das?
Berger: Ein Anfang wäre, diese Hollywood-Beziehungen, die wir alle im Kopf haben, zu hinterfragen. Oder Narrative infrage zu stellen. Wie zum Beispiel "wenn ich nicht eifersüchtig bin, kann ich nicht richtig verliebt sein." Wie wäre es, sich mit dem Partner, der Partnerin zu freuen? So nach dem Motto: Du kommst gut gelaunt heim, weil du eine leiwande Zeit mit jemand anderem hattest.
STANDARD: Wir sollten uns von dem starren Konstrukt sexueller Exklusivität verabschieden?
Berger: Genau. Mir hat sich eine Szene aus einer US-Serie eingebrannt. Da wurde der Protagonist von einer Arbeitskollegin geküsst, daraufhin hat die Freundin Schluss gemacht. Dabei hat er nicht einmal zurückgeküsst. Da denke ich mir, wo sind wir denn?
STANDARD: Was tue ich, wenn ich am Land wohne und mir schwertue, eine offene Beziehung zu leben?
Berger: Am Anfang steht die Frage, worum geht es? Will man gemeinsam andere Pärchen daten? Oder allein Tinder-Dates checken? Viele weichen in die Städte aus und leben ihre Wünsche weit weg von daheim aus. Das ist gar keine so schlechte Variante, die die Dating-Plattformen natürlich erleichtert haben.
STANDARD: Was halten Sie davon, offen über das eigene Beziehungskonzept zu sprechen?
Berger: Das ist nicht ganz so einfach. Einerseits geht es da um Selbstschutz, um Kraft und Ressourcen. Andererseits um verantwortliches Handeln: Zieht man möglicherweise Kinder und andere Beteiligte ohne ihren Willen in etwas hinein? Aber ich bin ein Fan von Testballons, à la "schau, ich habe da einen Artikel im Standard gelesen, was sagst du denn dazu?" Man spürt sofort, wie die Leute reagieren und kann entscheiden, wie man weitertut.
(Anne Feldkamp, 27.7.2026)
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