Wie Teodor Currentzis dem Tod musikalisch ins Gewissen redet

Festspielzauber

Wie Teodor Currentzis dem Tod musikalisch ins Gewissen redet

Der nicht unumstrittene Dirigent bezauberte mit dem Utopia Orchestra und kredenzte in Salzburg Werke von Kurtág, Berg und Brahms

Heidemarie Klabacher

Ein Dirigent in einem schwarzen Anzug dirigiert mit ausdrucksvollen Bewegungen ein Orchester während eines Konzerts. Im Vordergrund sind unscharf Orchestermusiker und Noten sichtbar.
Teodor Currentzis als Dirigent des Utopia Orchestra im Salzburger Großen Festspielhaus: strahlender Glanz und straff gespannte Linien.

Höhepunkt des Konzerts am Mittwoch im Großen Festspielhaus war Johannes Brahms' Ein deutsches Requiem für Sopran, Bariton, gemischten Chor und Orchester op. 45. Teodor Currentzis legt jedem Satz das für die Vokalisten und den jeweiligen Textinhalt ideale organische Tempo zugrunde. Ein gutes "Sprechtempo" etwa dem Part des Baritons Herr lehre doch mich, den Matthias Winckhler mit beredter Textdeutlichkeit wendig und klangvoll gestaltete. Auch im dramatischen Satz Denn wir haben hie keine bleibende Stadt war kein geifernder Prediger der Apokalpyse am Wort. Die Power der Überzeugungskraft kommt bei Winckhler aus der Intensität. Toll die Wechselrede mit dem Chor auch im überirdischen fünften Satz Ihr habt nun Traurigkeit. Traurig ist man als Zuhörer nach dieser Nummer eigentlich immer. Denn die besten Sopranistinnen singen diesen Satz meist nicht, wie man ihn sich ersehnt. Bis Iveta Simonyan das Wort ergriff: Delikat, leise und mit eindrücklicher Berdsamkeit, glasklaren, sicher in die höchsten Lagen gespannten Linien und strahlendem Glanz.

Teodor Currentzis ließ das opulent orchestrierte Werk fast so klar und transparent wirken wie die (ebenfalls authentische) Londoner-Fassung für zwei Klaviere. Gradezu kammermusikalisch klangen unter Currentzis etwa die Passagen der Holzbläser im Dialog mit dem Chor gleich im ersten Satz Selig sind die da Leid tragen. Homogenität und Transparenz des Utopia Choir – und dessen Textdeutlichkeit – sind singulär. Eine Referenz-Interpretation für viele Jahre.

Erkenntnis des Verlusts

Großartiges war vorangegangen. Der Tod bzw. dessen Bewältigung war der dramaturgische Begleiter durch dieses singuläre Konzert. Einen Grabstein aus Klang errichtete 1978/1989 György Kurtág für Stephan Stein, den Ehemann seiner Psychologin und engen Freundin Marianne Stein. Dieser Grabstein für Stephan op. 15c für Gitarre und Instrumentengruppen ist eine klangvolle Pianissimo-Studie. Ausgehend von Arpeggien der zunächst leeren Gitarren-Saiten, entschwebt alle Musik. Groß besetztes Schlagzeug, Klavier, Celesta, Zymbal, Harfe und Streicher tragen im Pianissimo den Sound auf Händen. Ein Schockmoment im Fortissimo gilt vielleicht der Erkenntnis der Tragweite des Verlustes. Dieser wurde von Teodor Currentzis am Pult des Utopia Orchestra in Kammer-Besetzung präzise gezündet und in erneutes Entschweben gelöst. Elliot Simpson spielte der Gitarrenpart in dieser kostbaren Klangminiatur.

Ebenso delikat und facettenreich im Sound gestaltete war der Orchesterpart von Alban Bergs Konzert für Violine und Orchester. Dem Andenken eines Engels. Die Geigerin Vilde Frang war nicht so sehr "Solistin" denn eine markante Impulse setzende "Erste unter Gleichen". So war die gesamte Wiedergabe ein großer, machtvoller Energiefluss. Die delikaten Walzer-, Landler- oder Volksmusik-Momente tauchten für Augenblicke auf, um – anders als Kriegsrelikte bei Niedrigwasser – alsbald elusiv wieder im Fließen aufzugehen. (Heidemarie Klabacher, 20.8.2026)

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