Matriarchalische Gesellschaft
Antike chinesische Felsmalereien enthalten Blut, das von Geburten stammen könnte
Die Zuojiang Huashan Rock Art verblüfft mit ihrer Widerstandsfähigkeit in extremen klimatischen Bedingungen. Das hat mit dem verwendeten Blut zu tun
Reinhard Kleindl
Felszeichnungen gibt es seit zehntausenden Jahren und auf fast allen Kontinenten der Erde. Während manche zu den frühesten Kunstwerken der Menschheit zählen, entstanden andere erst vor relativ kurzer Zeit.
In der Region Guangxi im Süden Chinas gibt es Felszeichnungen, die mit einem Alter von etwas mehr als 2000 Jahren vergleichsweise jung sind. Sie stammen wohl von einer matriarchal organisierten Gesellschaft von Jägern und Sammlern, die Fischerei betrieben. Darüber geben historische Geschichtsbücher aus der Han-Dynastie Aufschluss, die außerdem berichten, dass die Menschen in dieser Gegend keine Ehe kannten und wechselnde Sexualpartner hatten. Auch das Konzept der väterlichen Abstammung war ihnen unbekannt.
Für die Wissenschaft sind die markant rot gefärbten Darstellungen von Schwangerschaft und Menschen beim Geschlechtsakt zum Teil rätselhaft. Schon seit längerer Zeit ist bekannt, dass zum Anmischen der Farbe auch Blut verwendet wurde, das allerdings nicht für die rote Färbung verantwortlich ist. Dahinter steckt der darin enthaltene rote Ton. Nun machte ein chinesisches Team rund um Wu Meng von der Shandong University eine überraschende Entdeckung, wie eine neue Studie im Fachjournal Journal of Archaeological Science berichtet.
Schichtweise
Das Team wollte der Frage nachgehen, wie die Zeichnungen unter den klimatischen Bedingungen, die vom subtropischen Monsun beherrscht sind, so gut erhalten bleiben konnten. Organische Bindemittel können Derartiges nicht leisten. Proben für Untersuchungen zu nehmen war gar nicht so einfach, wie das Wissenschaftsportal IFLScience berichtet. Die Farbe war so mit dem Fels verbunden, dass ein Bohrer verwendet wurde. Chemische Untersuchungen ergaben, dass die Farbe in zwei Schichten aufgetragen wurde.
Die erste Schicht bestand aus einer Grundierung, die aus erhitzten Tierknochen, Vogelkot, Kalkstein und Muscheln bestand. Diese Komponenten verbanden sich zu einer Mischung aus Kalziumphosphat und Kalziumoxid, also gebranntem Kalk. Vermischt mit Wasser und Blut entstand eine Art Mörtel. Dieser wurde aufgetragen und durfte etwas antrocknen, bevor mit rotem Pigment aus eisenoxidreichem Lehm darübergemalt wurde.
Auch wenn das verwendete Blut nicht die rote Färbung lieferte, war es entscheidend für den Prozess. Die Proteine aus dem Blut sorgten für eine biologisch induzierte Mineralisierung des Mörtels zu Kalziumkarbonat, also demselben Material, aus dem auch der darunterliegende Kalkstein besteht. Damit verschmolz das Pigment gewissermaßen mit der Felswand, was die gute Haltbarkeit erklärt.
Proteine von Schwangeren
Doch welches Blut wurde für die Malereien verwendet? Die Forschenden analysierten die Zusammensetzung und fanden heraus, dass es großteils menschliches Blut war, das hier zur Anwendung kam. An einer Stelle waren es bis zu 99 Prozent, mit einem geringen Anteil von dem Blut pflanzenfressender Tiere. Anderswo stammte immerhin 40 Prozent des Blutes von Rindern.
Es galt zu klären, welche Menschen hier ihr Blut zur Verfügung gestellt hatten. Dem Team gelang es, einige der Proteine zu identifizieren, die einen Hinweis darauf gaben. Einerseits war in dem Blut sogenanntes Prolactin-induziertes Protein, andererseits Lactotransferrin nachweisbar. Beide Bestandteile stehen mit der Milchproduktion bei hochschwangeren Frauen in Verbindung, während sie sonst bei Menschen im Blut selten sind.
"Das Blut könnte von Frauen bei der Geburt stammen", mutmaßt das Forschungsteam in der Studie. "Der Prozess könnte mit der Verehrung weiblicher Fruchtbarkeit in der damaligen Gesellschaft in Verbindung stehen." Mehr als eine Vermutung ist das bisher allerdings nicht. (Reinhard Kleindl, 20.8.2026)
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