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Mitten in den weltumspannenden Krisen der 1970er-Jahre erhob sich ein globaler Trend: Disco war nicht einfach nur ein Musikgenre. Es war ein Lebensgefühl, das Freiheit und gemeinsames Feiern auf der Tanzfläche verhieß – ein Ort, an dem Herkunft und Hautfarbe keine Rolle spielten. Der Wintergarten feiert diese Ära nun mit der neuen Show „Disco“ und verwandelt sich dafür mit vielen Finessen selbst in eine Diskothek. Regisseur Rodrigue Funke verrät vorab, worauf man gespannt sein darf.
Herr Funke, Disco erlebt gerade eine große Renaissance, etwa mit dem Themensommer beim TV-Sender Arte. Wie kam der Wintergarten auf die Idee zu der Show?
Rodrigue Funke: Wir freuen uns natürlich sehr, dass das Thema so aktuell ist. Ursprünglich wollte schon Georg Strecker, mein Vorgänger als Geschäftsführer und Intendant, eine Show mit der Musik der 70er-Jahre machen. Ich finde jedoch, der Begriff Disco umfasst noch ein bisschen mehr und geht über die Musik hinaus, weil er auch die Bezeichnung eines Ortes ist, der bis heute einen ganz bestimmten Vibe ausstrahlt. Damit sind wir in der Show nicht so festgelegt. Aber es wird auch extrem viel Musik aus den 70ern geben. Man hätte noch als Subtext die politische Geschichte von Disco anreißen können, die vor allem das schwarze Amerika betraf. Doch weil wir alle gerade in einer schwierigen Zeit leben, habe ich mich dafür entschieden, eine reine Feel-Good-Show zu machen. Wir konzentrieren uns jetzt auf gute Laune, gute Gefühle und tolles Entertainment.
Was verbinden Sie persönlich mit der Disco-Ära?
Ich selbst bin ja in musikalischer Hinsicht ein Kind der 90er. Aber natürlich verbinde ich mit der Disco-Zeit die großen Diven wie Gloria Gaynor und ihren Hit „I Will Survive“. Außerdem ist Disco für mich die Musik zum Tanzen schlechthin.
Wie setzen Sie diese Vision musikalisch um?
Wir haben uns diesmal entschlossen, nicht wie gewohnt in den Musikshows im Wintergarten mit einer Band und vier Sängern zu arbeiten. Zwar haben wir auch zwei Live-Musiker dabei und eine Sängerin, die am Trapez singt, aber die Mehrheit der Tracks spielen wir im Original. Ich wollte unbedingt die unglaublichen Stimmen dieser Ära wie die von Donna Summer hören. Dafür haben wir in den Sound investiert und für ein erstklassiges Hörerlebnis unter anderem acht neue Lautsprecher angebracht. Wir haben auch einen Musikproduzenten an Bord, damit wir in manche der Tracks einen modernen Beat integrieren können. Wir gehen also sehr kreativ mit der Musik um.
Haben Sie die Setlist der Show nach persönlichen Favoriten oder den größten Disco-Hits ausgewählt?
Die Bandbreite ist so enorm, dass wir gar nicht alles unterbringen können. Wir verknüpfen zwar viele Titel in Mash-ups und Medleys, dennoch wird mancher Song nur beim Ein- oder Auslass zu hören sein. Geplant sind aber auch Nummern wie „Heart of Glass“ – ein Song, den man nicht sofort mit der Disco-Ära verbindet, der atmosphärisch aber perfekt in die Show passt. Wir haben zudem darauf geachtet, dass die Stücke generationsübergreifend funktionieren.
Warum ist es Ihnen wichtig, dass Jung und Alt etwas mit den Songs anfangen können?
Zum einen möchte ich diese Lieder der jungen Generation zugänglich machen, um sie dafür zu begeistern. Zum anderen bin ich aber auch darüber erstaunt, dass sie Songs wie „MacArthur Park“ durchaus kennen, den Donna Summer in ihrer Version 1978 weltberühmt machte. Zahllose Remixe und Samples haben dafür gesorgt, dass Lieder wie dieses, die man früher als Evergreen bezeichnete, nie gestorben sind. Sie kommen offensichtlich zu jeder Zeit zum Einsatz, wenn gute Laune auf dem Dancefloor gefordert ist. Als Regisseur träume ich aber natürlich auch davon, dass sich der ältere Teil des Publikums ein bisschen in die eigene Jugend zurückversetzt fühlt. Die meisten, wenn nicht alle, verbinden mit genau diesen Liedern Erinnerungen an eine gute, alte Zeit.
Neben der Musik hat auch die Mode die Disco-Ära geprägt. Wie setzen Sie das optisch in der Show um?
Die Schlaghose darf natürlich nicht fehlen; es wird glitzern und flimmern, aber wir nehmen auch Anleihen bei David Bowie. Disco ist ja auch ein Ort, an dem sich alle getroffen haben. Da gab es auch mal einen Rocker oder jemanden, der in Leder gekleidet war. Nicht zu vergessen die schwule Szene, die ihren ganz eigenen Stil hatte. Wenn es in der Show eine politische Botschaft gibt, dann die einer gelebten Vielfalt. Ich glaube, wir hatten selten einen so diversen Cast wie jetzt. Der jüngste Künstler ist gerade mal 20 Jahre alt, der älteste über 60. Die Akrobaten kommen aus unterschiedlichen Ländern und von verschiedenen Kontinenten. In der Show vereint sich diese ganze Vielfalt. Bei der Neuausrichtung des Wintergartens ist es mir zudem ein großes Anliegen, dass unser Publikum diverser wird. Dazu tragen die internationalen Gäste der Produktion einiges bei.
Warum führen Sie bei der Show gemeinsam mit Rachel Dowse Regie?
Als neuer Geschäftsführer und Intendant bin ich stark daran interessiert, neue kreative Talente für unsere Branche zu gewinnen. Rachel kenne ich jetzt seit vier Jahren. Sie hat hier im Wintergarten als Tänzerin und Dance Captain angefangen. Dann hat sie als Choreografin gearbeitet, und bei meiner letzten Show „Varieté Gaga“ war sie meine Regieassistentin. Sie ist sehr begabt, daher wollte ich, dass wir diesmal gleichberechtigt Regie führen. Dabei möchte ich meine Erfahrungen an sie weitergeben und so einer Vertreterin der jüngeren Generation dabei helfen, einen eigenen Weg im Showgeschäft zu finden. Zudem ist die Produktion tänzerisch geprägt und sie ist eine tolle Choreografin. Damit steht sie auch für eine Weiterentwicklung des Wintergarten-Gedankens, junge Talente nicht nur auf der Bühne zu fördern, sondern sie auch in anderen Positionen einzusetzen.
Sie bilden also gerade eine Regisseurin aus, von der Sie hoffen, dass sie zukünftig im Wintergarten inszenieren wird?
Das könnte man so sagen. Wir profitieren beide davon. Die neue Generation ist nicht nur kreativ, sie ist auch technisch sehr bewandert, schneidet Musik schnell und beherrscht verschiedenste Computerprogramme, um Choreografien zu entwickeln. Das ist eine große Unterstützung für das kreative Arbeiten. So macht man das heute eben. Da hat die junge Generation uns Alten dann doch ein bisschen was voraus. Ich zeige ihr wiederum die speziellen Kniffe, die man im Varieté braucht.
Welche Tricks muss man denn kennen?
Ein Gedanke, der mich bei jeder Show beschäftigt, ist zum Beispiel, wie man die Bewegung der Artisten in ein Gefühl beim Zuschauer verwandelt. Da sie vom Tanz kommt, sieht Rachel alles aus dieser Perspektive. Aber dann weise ich sie darauf hin, dass wir hier ein Varieté-Publikum haben, für das sich die eine Pirouette nicht unbedingt von der nächsten unterscheidet. Die Zuschauer wollen in der gesamten Breite der Darstellung unterhalten werden. Deshalb müssen unsere Tänzer auch Rollschuh fahren, verschiedenste Kostüme tragen und unterschiedliche Stile beherrschen. Es ist mir auch immer wichtig, dass wirklich jede einzelne Persönlichkeit sichtbar wird, obwohl alle synchron sind und in einer Gruppe zusammenarbeiten. Natürlich muss das Publikum auch immer aufs Neue überrascht werden mit dem, was wir uns ausgedacht haben. Wenn man sich die Show fünf Minuten lang anschaut, darf man noch keine Idee davon haben, was in den nächsten fünf Minuten passiert.
Welche Twists gibt es denn beim Thema „Disco“?
Dabei wird bei uns natürlich nicht einfach nur zwei Stunden lang getanzt. Wir interpretieren Disco und die Discokugel auch völlig neu. Berlin ist zwar nicht Disco, aber sehr wohl eine tanzende Stadt. Mit der Clubkultur, an die wir thematisch andocken, treffen wir den heutigen Zeitgeist. Ich baue gerade eine Szene mit einer Kontorsionistin, die sich darum dreht, dass alle um einen herum im Club tanzen, während man sich selbst in der Menge allein und einsam fühlt. Wir verwandeln aber auch Whitney Houstons Dancefloor-Klassiker „I Wanna Dance with Somebody“ bei einer Hand-auf-Hand-Nummer in eine Ballade. Wir arbeiten auf allen Ebenen mit dem Unerwarteten, damit es spannend bleibt.
„Disco“: Wintergarten Varieté, Potsdamer Str. 96, Tiergarten, Tel. 58 84 33, Voraufführungen 26.–29.8. + 2.9., 20 Uhr, 30.8., 18 Uhr, Premiere am 3.9., 20 Uhr, Informationen: www.wintergarten-berlin.de
Geboren 1978 in Ost-Berlin, wurde Rodrigue Funke die Liebe zur Bühne schon in die Wiege gelegt. Sein Großvater war Schauspieler und Intendant des Landestheaters Neustrelitz, seine Großmutter Ballettmeisterin und Revuetänzerin bei der Ufa in Babelsberg. Seine Mutter arbeitete mehr als 30 Jahre als Kostümbildnerin beim Berliner Ensemble. Mit sieben Jahren trainierte er bereits Akrobatik, mit 15 ging er auf die Staatliche Artistenschule. Erst trat er als Handstandartist auf, dann entwickelte er mit dem Luftakrobaten Christoph Gobet die Duo-Trapeznummer „Die Sorellas“. 2015 beendete er seine preisgekrönte Artistenkarriere und wandte sich neuen Aufgaben zu. Auf der Bühne des Wintergarten Varietés Berlin stand er zum ersten Mal mit 15 als Artistenschüler. Sein Regiedebüt gab er dort 2018. Heute ist er Intendant und Geschäftsführer des Hauses.