Superstar will zweiten WM-Titel Messi gegen Spanien: Letzter Walzer für den "Floh"?
Stand: 17.07.2026 • 20:07 Uhr
Für Lionel Messi war das deutsche "Sommermärchen" ein Albtraum. Bei seiner ersten WM schied der Superstar 2006 mit Argentinien im Viertelfinale gegen das DFB-Team aus. 20 Jahre später steht der Ausnahmefußballer bei seiner sechsten Weltmeisterschafts-Teilnahme zum dritten Mal im Finale und peilt am Sonntag gegen Spanien seinen zweiten Titel an.
In den vergangenen Tagen war Diego Maradona in Argentinien wieder in aller Munde. Das Land blickte auf den neu aufgerollten Prozess um den Tod des 2020 verstorbenen Fußball-Idols, der in seiner Heimat fast wie ein Gott verehrt wurde. Während vor Gericht die letzten Stunden des früheren Kapitäns rekapituliert werden und ein siebenköpfiges medizinisches Team, das sich um ihn kümmerte, wegen "aller Arten von Unterlassung" angeklagt ist, kämpft im fernen Amerika Maradonas Nachfolger als argentinische Fußball-Lichtgestalt, Lionel Andrés Messi Cuccitini, mit dem Nationalteam um die Titelverteidigung.
Bei einem Sieg am Sonntag (21 Uhr MESZ, im Audiostream bei sportschau.de) im Finale gegen Spanien hätte "La Pulga" (der "Floh") oder "El Messias" (der "Messias"), wie der 39-Jährige wahlweise ehrfürchtig gerufen wird, Maradona in Argentinien wohl endgültig in den Schatten gestellt.
Zumal diese WM noch viel mehr die WM von Messi ist als die Endrunde 2022 in Katar. Denn ohne ihren Kapitän wären die Südamerikaner ziemlich sicher schon längst rausgeflogen. Nicht nur, weil er acht Tore und vier Vorlagen zum Finaleinzug beisteuerte, sondern weil er in die Rolle des Anführers schlüpfte. Das Fußball-Genie ist plötzlich auch ein Mentalitätsmonster.
Messi-Vertraute: "Er ist wie ein Tier im Dschungel"
"Er hat gelernt, Blut zu riechen. Er ist wie ein Tier im Dschungel, das sein Rudel in einer Gefahrensituation beschützt", sagte die Journalistin Cristina Cubero im Gespräch mit der argentinischen Zeitung "Clarin" über Messi. Die stellvertretende Chefredakteurin der spanischen Zeitung "Mundo Deportivo" hat den Argentinier viele Jahre lang begleitet, als er beim FC Barcelona spielte. Über 700 Partien von Messi habe sie gesehen, so Cubero. Von seiner Unberechenbarkeit sei sie aber noch immer "verblüfft", erzählte die Journalistin, die zu "Barca"-Zeiten sogar Vertraute des Offensivspielers war.
Cubero weiß also, wie der Weltstar tickt. Dennoch ist sie überrascht, dass er bei der Endrunde in den USA, Kanada und Mexiko eine so dominante Rolle einnimmt. "Wir hätten nicht gedacht, dass er nach seiner Zeit bei Inter Miami in einer vergleichsweise weniger intensiven Liga so zur Weltmeisterschaft kommen würde", sagte sie mit Blick auf das nun schon drei Jahren andauernde Engagement von Messi in der US-Profiliga MLS.
Kapitän in der K.o.-Phase Garant fürs Weiterkommen
Doch der Wechsel ins Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten hat offenbar den fußballerischen Horizont des Argentiniers erweitert. Wurde er viele Jahre lang im Nationalteam von seinen Mannschaftskameraden getragen und war primär dafür zuständig, Tore zu schießen und vorzubereiten, ist er nun Genie und Anführer in einer Person. "Seine Motivation ist es, die Mannschaft nicht zu enttäuschen. Sie gibt ihm neue Energie", erklärte Cubero. Die unbändige Liebe zum Team habe für seine Wandlung gesorgt, so die Journalistin. "Wenn Leo sieht, dass sein Rudel in Gefahr ist, wird er tödlich", ergänzte sie ein wenig martialisch.
Mit dieser "Halb-Mensch-halb-Tier-Mentalität" hat Messi den Titelverteidiger ins Finale geführt. Ob im Sechzehntelfinale gegen Kap Verde (3:2 nach Verlängerung), Achtelfinale gegen Ägypten (3:2 nach 0:2-Rückstand), Viertelfinale gegen die Schweiz (3:1 nach Verlängerung) oder im Semifinale gegen England (2:1), der Kapitän war jeweils entscheidend daran beteiligt, dass sein Team sich in die nächste Runde rettete.
Gegen die "Three Lions" legte er in der Schlussphase mustergültig zwei Tore auf, überzeugte aber einmal mehr auch als Mentalitätsmonster. "Als die Engländer ein Tor erzielten, erwachte das Biest in ihm", beobachtete Cubero. Für die Spanierin ist Argentinien "der schlimmste Gegner" im Finale. Zwar seien die Iberer das fußballerisch bessere und ausgeglichenere Team, doch der Titelverteidiger rage durch seine "emotionale Komponente" heraus.
Und eben durch seinen Kapitän. "Leo hat sicherlich keinen Pakt mit dem Teufel, sondern mit Gott geschlossen, um die Spiele so zu entscheiden, wie er sie entscheidet", glaubt die Journalistin.
Messi und das Nationalteam - lange keine glückliche Liaison
Ein Pakt mit Gott - das wäre aus Sicht vieler Argentinier dann ja ein Pakt mit Maradona. Denn als solcher wurde der Ausnahmekicker ja spätestens nach dem WM-Sieg 1986 in seiner Heimat verehrt. Und Messi? Mit ihm fremdelte das Land lange, weil er das Nationalteam nicht schneller zu einem weiteren Titel führte. 2016 trat der Offensiv-Star sogar kurzzeitig zurück, nachdem er im Finale der Copa America gegen Chile bei der 2:4-Niederlage im Elfmeterschießen vom Punkt aus gescheitert war.
Lionel Messi, dieser ebenso komplette wie geniale Fußballer, er schien der Unvollendete zu bleiben. Der Ungeliebte. Der Untröstliche. Doch das Blatt wendete sich noch für den Mann aus Rosario. Nachdem er mit Barcelona auf Vereinsebene Champions-League- und Meisterschafts-Triumphe gefeiert hatte, holte er 2021 endlich auch mit Argentinien den ersten Titel. In Brasilien führte der viermalige Weltfußballer die Auswahl zur Südamerikameisterschaft. Damit war der Bann gebrochen. Es folgte der WM-Sieg 2022 in Katar sowie der erneute Copa-Erfolg 2024.
Gegen Spanien 207. Länderspiel-Einsatz
Schon jetzt hat Messi alles erreicht, was ein Fußballer erreichen kann. Und nebenbei auch noch seinen Sparstrumpf ganz ordentlich gefüllt. Doch wer den 39-Jährige beim Training mit seinen Teamkameraden von Inter Miami beobachtet, der sieht einen Mann, der noch immer mit derselben Begeisterung bei der Sache ist wie zu Beginn seiner Karriere. "Nach dem Spiel gegen England sprang er rum wie ein Kind. Das hat er vorher noch nie gemacht", beobachtete Cubero.
Die spanische Journalistin wird das Finale am Sonntag mit gemischten Gefühlen verfolgen. "Es ist schwer, sich Messi als Gegner vorzustellen. Er ist einer von uns", sagte die Frau, die den Argentinier seit seinem 14. Lebensjahr begleitet. Ein Jahr zuvor war er zu "Barca" gewechselt. Und ein paar Jahre später wurde er in die spanische Nationalmannschaft berufen. "Aber das war für Leo unmöglich", so Cubero.
Messi wollte für Argentinien auflaufen. Mit nur 18 Jahren debütierte er 2005 für "La Albiceleste". 21 Jahre später hat er 206 Länderspiele für sein Heimatland bestritten. Einsatz 207 kommt am Sonntag gegen Spanien hinzu und könnte sein letzter sein. Der zweite WM-Titel wäre eigentlich ein perfekter Moment, um von der großen Bühne abzutreten. Andererseits ist dieser Lionel Messi eigentlich noch viel zu gut, um seine Nationalmannschafts-Laufbahn zu beenden.