WM 2026: Tuchel in England harsch kritisiert, aber wohl nicht vor dem Aus

Englands Trainer Thomas Tuchel hat die Hände zusammengefaltet

Analyse

Coach denkt nicht an Rücktritt Harsche Kritik an Tuchel - Trainer darf wohl weitermachen

Stand: 16.07.2026 • 18:21 Uhr

Thomas Tuchel wird nach dem verpassten Finaleinzug Englands bei der WM im Königreich fast in der Luft zerrissen. Fans, Ex-Nationalspieler und die Presse kritisieren den deutschen Coach für seine Einwechslungen und die taktische Umstellung nach dem Führungstreffer gegen Argentinien. Um seinen Job muss der 52-Jährige aber wohl nicht bangen.

"Sie hatten mehr Angst davor, aus dem Turnier auszuscheiden, als den Hunger, das Turnier zu gewinnen." Gesagt hat diesen Satz Thomas Tuchel. Und zwar nicht am Mittwochabend nach der 1:2-Niederlage Englands im WM-Halbfinale gegen Argentinien, sondern im Januar 2025 bei seinem Amtsantritt als Nationalcoach. Seinerzeit war der aus Krumbach stammende Fußballlehrer zu den Auftritten der "Three Lions" bei der Europameisterschaft 2024 befragt worden. Mit seiner Aussage übte er indirekt auch Kritik an seinem Vorgänger Gareth Southgate.

Damit stand Tuchel fraglos nicht allein. Southgate wurde im Königreich immer wieder vorgeworfen, das Potenzial des Teams nicht auszuschöpfen und zu destruktiv agieren zu lassen. Dehalb musste der frühere Nationalspieler seinen Posten nach 102 Spielen auch räumen. Auf ihn folgten Interimslösung Lee Carsley und dann eben Tuchel, von dem sich erhofft wurde, die Mannschaft taktisch auf ein neues Niveau zu heben.

Typischer Fall von Bumerang

Und nun verhob sich jener Tuchel nach fast einhelliger Meinung der englischen Fans, Presse und TV-Experten gegen den Titelverteidiger. "Feigheit" wird dem deutschen Trainer unter anderem vorgeworfen, der einst selbst die Angst des Teams vor dem Siegen in der Southgate-Ära monierte. Typischer Fall von Bumerang eben.

Joe Cole fordert Trennung von Thomas Tuchel

"Als jemand, der unter Gareth Southgate gespielt hat, sehe ich keinen großen Unterschied zwischen der Zeit, als er Trainer war, und dem, was wir bei dieser Weltmeisterschaft gesehen haben", erklärte der 96-malige Nationalspieler Kyle Walker der "Sun". Tuchel müsse sich selbstkritisch wegen seiner Auswechslungen und taktischen Anpassungen gegen Argentinien hinterfragen, kritisierte der 36-Jährige.

Der frühere Angreifer Chris Sutton wählte noch drastischere Worte. "Das war eine Coaching-Katastrophe von Thomas Tuchel. Man kann nicht erwarten, 30 Minuten lang gegen die Qualität zu verteidigen, über die Argentinien verfügt. Das geht voll auf die Kappe des Trainers. Er hat die Wechsel vorgenommen. Er agierte zu defensiv - daher stellt sich für mich die Frage: Wie kann man Thomas Tuchel zutrauen, diese Mannschaft voranzubringen?", wütete der 53-Jährige.

Und Ex-Nationalspieler Joe Cole forderte bei "The Rest is Football" die Entlassung von Tuchel: "Ich habe mich nie mit einem deutschen Trainer für England wohlgefühlt. Wir sind England, oder? Ich finde, wir sollten in der Lage sein, einen Engländer als Trainer der englischen Nationalmannschaft zu haben. Ich habe einfach das Gefühl, dass wir darüber nachdenken sollten."

Maßnahmen des Trainers griffen nicht

Die Liste derer, die nach Englands geplatztem Titel-Traum Tuchel öffentlich dafür verantwortlich machten, ist sehr, sehr lang. So verspürte auch Thomas Müller, einst beim FC Bayern München nicht gerade der Lieblingsschüler des Trainers, den Drang, seine Sicht der Dinge zu den Gründen des Ausscheidens darzulegen. "Ich kann nicht glauben und nicht verstehen, wie sich England nach der Führung verhalten hat. Ich kann nicht verstehen, wie man Argentinien zu einer Flanke nach der nächsten in perfekten Positionen einladen kann", schrieb der 2014-Weltmeister bei "X".

Auf derselben Plattform befand Spaniens Ex-Nationaltorwart Iker Casillas: "England schießt ein Tor und zieht sich zurück - ein feiger Ansatz. Sie haben ihren eigenen Strafraum nicht verlassen und Argentinien mehr Raum für Vorstöße gelassen. Es folgte die logische Konsequenz. England hat das Spiel mit dieser Spielweise ganz allein aus der Hand gegeben."

Fast alle, die Tuchels Ingame-Coaching gegen die Südamerikaner kritisierten, hätten sich mehr Mut von Tuchel nach der 1:0-Führung des Teams kurz nach der Pause gewünscht. Weil er jedoch nicht positionsgetreu wechselte, sondern für Angreifer Anthony Gordon und Mittelfeldmann Declan Rice Verteidiger einwechselte und auf eine Fünfer-Abwehrkette umstellte, wird dem akribischen Fußballlehrer nun mehr oder minder Inkompetenz vorgeworfen.

"Wir sind in uns zusammengefallen. Es fing beim Trainer und seinen Entscheidungen an. Die Spielweise war zu passiv. Gegen diese Mannschaft - den Weltmeister - kommt man damit nicht durch", monierte der frühere Torjäger Wayne Rooney. Zur Erinnerung: Einen Titel hat auch der Angreifer mit den "Three Lions" nie gewonnen. Wie übrigens auch all die anderen ehemaligen Auswahlspieler nicht, die nun Tuchel kritisieren.

Tuchel schlüpft freiwillig in Sündenbock-Rolle

Der 52-Jährige selbst zeigte in der Stunde einer seiner bittersten Niederlagen seiner Trainer-Karriere Größe. Zum einen erklärte er nachvollziehbar, warum er wie gewechselt und umgestellt hatte. Zum anderen schlüpfte Tuchel freiwillig in die Rolle des Sündenbocks: "Ich übernehme die Verantwortung."

Doch trägt Tuchel wirklich Schuld für die Niederlage? Die Einwechslungen der Verteidiger und die Umstellung von einer Vierer- auf eine Fünfer-Abwehrkette waren durchaus schlüssig. Der Coach erhoffte sich davon Lufthoheit und setzte auf Umschaltmomente. Das beides nicht eintraf, war dann schlichtweg auch der enormen fußballerischen Qualität und Wucht des Gegners geschuldet. Argentinien drehte auf wie ein Duracell-Hase, der statt mit einer Batterie mit Atomkraft angetrieben wird.

Ob sich England mit einer anderen taktischen Grundordnung oder anderen Einwechselspielern aus der Umklammerung von Messi und Co. hätte befreien können? Es ist zumindest anzuzweifeln - auch wenn dies nach der Partie kaum jemand tat. Dabei hatten den "Three Lions" nur ein paar Minuten zum Einzug ins WM-Finale gefehlt. Der Plan Tuchels wäre also fast aufgegangen. Aber eben nur fast. Und dementsprechend wird nun auch die Zukunft von Tuchel als Englands Nationalcoach diskutiert.

Vertrag bis zur Heim-EM: "Ich freue mich drauf"

Der Kontrakt des früheren Bundesliga-Trainers ist erst im vergangenen Februar bis 2028 verlängert worden. Dann heißt es "Football's Coming Home", wenn in England, Nordirland, Irland, Schottland und Wales um den EM-Titel gespielt wird. Mit Tuchel auf der Bank der "Three Lions"? Nach übereinstimmenden Medienberichten aus dem Königreich sieht der Verband keine Veranlassung dazu, den eingeschlagenen Weg zu verlassen. Dafür spricht auch die Aussage von Geschäftsführer Mark Bullingham nach dem WM-Aus: "Die Spieler und Thomas haben heute alles gegeben und das Team, die Trainer und der Staff hätten nicht härter während des Turniers arbeiten können."

Auch Tuchel selbst ist weit davon entfernt, die Brocken hinzuschmeißen. "Wir halten den Vertrag bis zur Heim-EM aufrecht. Ich freue mich darauf, auch wenn es im Moment schwierig ist, soweit vorauszudenken", erklärte der Coach. Zugleich wies er noch einmal darauf hinm mit dem Team durchaus Großes erreicht zu haben: "Viele große Fußballnationen sind schon vor dem Halbfinale ausgeschieden. Daher ist das schon eine Leistung."

Eine Leistung, die allerdings auch Vorgänger Southgate 2018 bei der WM in Russland mit den "Three Lions" geschafft hatte. Also alles beim Alten in "Good old England" - auch unter einem deutschen Trainer...