1,96 Meter Länge, einen Meter Breite und 1,85 Meter Höhe – das sind die Abmessungen von Finja. In geschwungener Schrift ist der Name über einer verchromten Zierleiste neben einem Fenster des Miniatur-Wohnwagens angebracht. Im Keltischen bedeutet Finja unter anderem „weiß“ und „schön“.
Das passt zu dem schneeweißen Anhänger, den sein stolzer Besitzer Ole Krack innerhalb von neun Monaten selbst gebaut hat. Aber nicht nur den Namen hat der Frankfurter mit Bedacht gewählt. Bis Finja im Sommer 2024 zum ersten Mal über den Asphalt rollen konnte, hat sich Krack sehr viele Gedanken über sehr viele Details gemacht. „Sie sollte nicht aussehen wie eine Kiste“, sagt der Vierundfünfzigjährige.
Finja ist ein Fahrradwohnwagen, in der Szene „FaWoWa“ genannt. Wie viele dieser Gefährte mit Muskelkraft und meist auch elektrischer Unterstützung durch Deutschland gezogen werden, ist nicht bekannt. Die Szene ist überschaubar, sie tauscht sich vor allem im Forum www.fahrradwagen.com aus, das seit 2021 existiert. Aktuell sind dort 4000 Benutzer angemeldet. Laut Administrator Martin, der nur mit Vornamen angesprochen werden möchte, sind diese aber nicht alle aktiv. Er schätzt die Zahl der Benutzer, die tatsächlich einen Fahrradwohnwagen besitzen, auf etwa 400.
Statt ihn zu kaufen, selbst einen Wohnwagen bauen
Der Transport von Kindern, Hunden oder Lasten in speziellen Fahrradanhängern gehört mittlerweile zum Stadtbild; Wohnanhänger sind in diesem Markt noch eine Nische. Selbst beim Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC), der alle Fahrradthemen im Blick hat, gibt es kaum Informationen.
Ole Krack, Markenzeichen Panamahut, sitzt am Ufer des Mains in der schmalen Tür seines Anhängers und blickt ins Grüne. Er ist gerne in der Natur, ist schon immer viel geradelt. „Irgendwann kam die Idee: Wie wäre es, wenn ich einfach losfahren könnte und mein kleines Zuhause immer dabeihätte?“, erzählt er. Ein Zelt sei für ihn keine Lösung gewesen: „Ich wollte auch bei schlechtem Wetter die Tür hinter mir zumachen können, eine kleine Arche auf Rädern, mit Bett, Strom und allem, was ich für ein paar Tage brauche.“

Als Krack die ersten Fahrradwohnwagen im Internet sieht, ist sein Interesse geweckt. In Europa stellen einige wenige Manufakturen Fahrradwohnwagen in Kleinserien her, die ab 3500 Euro kosten. Nichts scheint unmöglich: Es gibt klapp- und faltbare Modelle oder Anhänger mit ausfahrbaren Seitenteilen. „Aber ich wollte nicht einfach einen fertigen Anhänger kaufen, sondern etwas Eigenes bauen, genau nach meinen Vorstellungen“, sagt Krack. Seine Materialkosten lagen zwischen 2000 und 3000 Euro; im Herbst 2023 startete er mit dem Bauprojekt.
„Ein ganz besonderes Lebensgefühl“
In der Fahrradwohnwagen-Szene findet man überwiegend handwerklich begabte Menschen und Tüftler, die ihren Anhänger selbst bauen. „Da gibt es einige, die haben es richtig drauf“, sagt Krack. Der Angestellte im öffentlichen Dienst, der einst eine Ausbildung zum Maurer absolviert hat, hält sich für einen durchschnittlich guten Handwerker. „Anfangs hatte ich aber ehrlich gesagt keine Ahnung, ob das am Ende überhaupt funktioniert“, sagt er. Viele Ideen und Tipps habe er sich in Youtube-Videos anderer Fahrradwohnwagen-Fans abgeschaut.
Als „Ole on Tour“ betreibt er seit Beginn des Baus selbst einen Youtube-Kanal, dokumentierte erst den Entstehungsprozess von Finja und nimmt heute seine rund 6000 Abonnenten mit auf seine Touren. „Das hat mir von Anfang an sehr viel Spaß gemacht“, sagt Krack. Darüber, dass der Kanal langsam, aber stetig wächst und erste Werbekooperationen erfolgen, freut er sich sehr. „Ich wollte dieses ganz besondere Lebensgefühl, das ich unterwegs mit dem Fahrrad und Finja empfinde, mit anderen teilen. Dieses Gefühl von Freiheit, einfach loszufahren, nicht genau zu wissen, was hinter der nächsten Kurve wartet“, sagt Krack. „Und zu merken, dass man manchmal viel weniger braucht, als man denkt.“

Weniger ist mehr – das ist zwangsläufig auch die Devise beim Bau eines Fahrradwohnwagens. Denn das Ziel der Tüftler lautet: So viel Gewicht wie nötig und so wenig Gewicht wie möglich. „Viele bauen nach dem ersten Anhänger einen zweiten, weil der erste zu schwer geworden ist“, sagt Krack. Ihm ist das nicht passiert. Bis auf einige Kleinigkeiten, die er optimieren möchte, ist er mit dem Ergebnis von Finja zufrieden.
Ihr Aufbau besteht aus vier Millimeter dünnem Pappelholz mit einem Dämmkern aus Styrodur. Die Teile hat Krack mit einem hochelastischen Kleb- und Dichtstoff verbunden. Beim Fahrgestell wurde der Frankfurter kreativ: Die Deichsel ließ er aus Teilen einer alten Massageliege schweißen. In der Anhängerkupplung sind Teile eines alten Fitnessgeräts und einer Kartuschenspritze verbaut. „Mir gefällt der Upcycling-Gedanke“, sagt Krack.
Fahrradwohnwagen mit Standheizung und Ventilatoren
Im gemütlichen Innern des Aufbaus hat Krack ein kleines Waschbecken mit Wasserpumpe installiert. Die Liegefläche von 196 mal 94 Zentimetern lässt sich durch Umlegen der Polster zu einem Sitz mit kleinem Tisch umbauen, auf dem Krack bei Bedarf mit seinem Gaskocher auch wettergeschützt kochen kann. Er hat einen zusätzlichen Klapptisch, Vorratsdosen und ein Schränkchen eingebaut, im Bettkasten befindet sich eine Styroporbox, um Lebensmittel kühl zu halten. Aus einem alten Rollo hat Krack eine kleine Markise angefertigt, für frische Luft und gutes Klima sorgen neben den beiden Fenstern zwei Ventilatoren. An kühlen Tagen betreibt Krack eine kleine dieselbetriebene Standheizung. Stromlieferanten sind ein Solarpanel mit einer Leistung von hundert Watt am Heck und eine kleine Batterie. Auch an einen Kohlendioxid-Melder hat er gedacht.
Die Liebe zum Detail ist unübersehbar: Damit sich Ole Krack wie zu Hause fühlt, hat er die Wände mit derselben Tapete ausgekleidet, die er daheim hat. Seine Ehefrau Agata hat die Vorhänge genäht, und selbstverständlich darf auch die obligatorische Lichterkette nicht fehlen.

Dass der 1,93 Meter große Mann in seinem Anhänger aufrecht sitzen kann, verdankt er seiner Frau. „Sie kam auf die Idee, eine Dachbox als Hochdach für mehr Kopffreiheit aufzusetzen“, sagt Krack. Auch wenn das Projekt zunächst nur für ihn geplant war, haben die beiden mittlerweile schon gemeinsam einen Kurztrip an den Rhein unternommen. „Es war beim Schlafen ein bisschen eng“, sagt Krack – nun denken sie darüber nach, einen zweiten Anhänger anzuschaffen.
Beim Anhängerbau geht es aber nicht nur um Funktionalität und Optik, sondern auch um Sicherheit. Kracks Gefährt hat ein Leergewicht von 110 Kilogramm, auf Reisen kommen noch einmal 20 Kilogramm hinzu. Eine ordentliche Last, die er mit seinem Pedelec ziehen muss und die bei einem Bremsmanöver eigene Kräfte entwickelt. Er habe deshalb am Anhänger eine Scheibenbremse eingebaut, die er vom Fahrradlenker aus bedienen könne. Perspektivisch wolle er aber auf eine Hydraulikbremse umrüsten.

Fahrradanhänger sind innerhalb der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung keine eigene Kategorie, sondern fallen unter den Begriff „andere Fahrzeuge“. Vorschriften über Abmessungen, Achslast, Gesamtgewicht, Beleuchtung und Bereifung sollen entsprechend der dafür festgelegten Regeln sinnvoll angewendet werden – was an manchen Stellen Interpretationsspielraum lässt. Eine TÜV-Abnahme ist nicht erforderlich.
„Wenn man einen Fahrradanhänger selbst baut, ist es besonders wichtig, dass dieser stabil und verkehrssicher konstruiert ist“, sagt Krack. Während der Fahrt dürfe sich nichts lösen oder abfallen, und niemand dürfe durch das Fahrzeug gefährdet oder verletzt werden. „Wer mit einem größeren Fahrradanhänger unterwegs ist, sollte sich seiner Abmessungen und seines Fahrverhaltens immer bewusst sein und entsprechend vorausschauend fahren“, findet Krack.
Ole Krack erlebt die „FaWoWa“-Szene als entspannte und freundliche Gemeinschaft. Erst kürzlich hat er zum ersten Mal an einem der Treffen teilgenommen, die von der Szene regelmäßig in verschiedenen Bundesländern veranstaltet werden. 200 Kilometer ist er dafür nach Beiseföhrt nahe Kassel geradelt, wo rund hundert Fahrradanhänger-Fans auf einem Campingplatz zusammengekommen waren. „Meine längste Tour bislang mit Finja“, sagt er. Wenn er mit seinem Anhänger unterwegs ist, übernachtet er auf Campingplätzen oder mit Erlaubnis auf privaten Grundstücken. „Und manchmal wird man angesprochen und eingeladen.“
Die Treffen der Szene dienen nicht nur der Geselligkeit, sondern es geht vor allem um den Austausch. Es wird gefachsimpelt, die neuesten Gefährte werden begutachtet, man holt sich Tipps und neue Anregungen. Noch ist die Frauenquote in der Welt der Tüftler und Selbstausbauer niedrig. „Aber grundsätzlich ist das ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Das Hobby vereint uns, es geht sehr herzlich und hilfsbereit zu“, sagt Krack. Dass man ihn sofort in die Gemeinschaft aufgenommen und seinen Eigenbau für gut befunden hat, freut ihn besonders. „Jetzt gehöre ich dazu“, sagt er.