Hallo,
Sommerzeit ist Sommerinterview-Zeit. Und ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich persönlich habe ein sehr gespaltenes Verhältnis zu diesem Format. Einerseits gehören die Zwiegespräche bei ARD und ZDF zwischen Hauptstadtjournalistinnen und Parteichefs, Kanzler oder Präsidenten dazu. Wenigstens etwas Konstanz für die deutsche Fernseh-Seele, wenn es schon kein Sportstudio und keinen Tatort gibt.
Andererseits kommt bei den Sommerinterviews meist wenig heraus, was über die üblichen Stanzen hinausgeht. Trotzdem werden die Interviews qua Tradition des Formats mit einem Nachrichtenwert aufgeladen. Dann berichten eben doch wieder alle darüber und man kann sich der Debatte nicht entziehen. Und auch bei uns in der Redaktion beschäftigt uns dann die Frage, ob man wirklich über jedes Stöckchen springen muss, das einem dort hingehalten wird.
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Spannender sind da die (gesellschaftspolitischen) Fragen, die sich rund um die Sommerinterviews ergeben. Man denke etwa an die Debatten rund um den „Scheiß AfD“-Song, mit dem die Aktivisten vom „Zentrum für Politische Schönheit“ das Sommerinterview mit AfD-Chefin Alice Weidel störten. Schon damals schrieb Nils Schniederjann zu den Sommerinterviews: „Dieses Spektakel klärt weder die Zuschauer auf, noch bringt es die politische Debatte in diesem Land voran. Das Sommerinterview-Format, einst als vertrautes Gespräch am Urlaubsort gedacht, als schönes politisches Sommergeplänkel, ist völlig überholt.“
Ein Jahr später gibt es diese Formate immer noch und wieder steht ein Gespräch mit Alice Weidel im ZDF an – nur wenige Wochen, nachdem ein antifaschistischer Song von Danger Dan und Igor Levit aus dem Programm gestrichen wurde. Was wiederum zu einer gesellschaftlichen Frage führt: Wie und mit wem bestücken Öffentlich Rechtliche ihr Programm? Diese Frage greift Freitag-Autor Stephan Hebel in seinem Kommentar auf.
Zum Kommentar von Stephan Hebel ➜
1. Heute wichtig
- Fast jeder vierte deutsche Betrieb nutzt generative KI. Doch nicht einmal jeder dritte davon schult auch seine Leute. Wer in Deutschland wirklich den Wandel verschläft
- „Coming Out“ in Glasgow: Was fasziniert Studierende im Ausland heute so an DDR-Filmen?
- Avantgarde und Klischees: Was Ise Gropius’ Tagebücher über das Bauhaus verraten
2. Made My Day
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➜ Linker Trommelwirbel:Schlagzeuger waren schon immer die Coolen. Für Sean Trischka gilt das ganz besonders. Auf seinem Insta-Account @leftist.kid.rock veröffentlicht er die Reihe Drummunism. Darin kombiniert er Reden linker Denker oder Internet-Fundstücke mit Schlagzeug-Solos. Das geht nicht nur gut ins Ohr, sondern liefert auch noch Denkanstöße und Internet-Gold.
Die ganze Sache erinnert sehr an ein virales Video aus Deutschland, das inzwischen auch schon einige Jahre auf dem Buckel hat. Damals begleitete der Schlagzeuger Jonny König die legendäre „Transrapid-Rede“ von Edmund Stoiber (zwar kein linker Denker, dafür aber der personifizierte Unterhaltungswert) auf seinem Schlagzeug. Das Originalvideo habe ich nicht mehr gefunden, aber eine Ahnung davon bekommen Sie hier
Zum Instagram-Account von @leftist.kid.rock
3. Kultur-Tipp
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➜ Gut zu lesen: Colson Whiteheads Harlem Shuffle stand schon lange auf meiner Leseliste. In meinen Sommerferien habe ich es jetzt endlich geschafft, den Roman um Ray Carney, einen Möbelhändler mit zwielichtigem Doppelleben, zu lesen: eine spannende Ganoven-Geschichte und ein wunderbares Porträt des New Yorker Stadtteils Harlem in den 60er Jahren – mit Aufstiegssehnsüchten, Rassismus, Kriminalität und guter Nachbarschaft.
Was das Ganze noch besser macht, ist die Tatsache, dass Harlem Shuffle nur der erste Teil der „Harlem-Trilogie“ ist. Ich konnte also direkt Teil 2, Crook Manifesto (deutscher Titel: Die Regeln des Spiels), dranhängen. Dieses Mal sind wir in den 70ern. Harlem verändert sich, Häuser stehen in Flammen und auch sonst geht es der Gegend nicht gerade gut. Aber Ray Carney schlägt sich weiter durch – mit den Fähigkeiten, die ihm ein Leben in Harlem an die Hand gegeben hat.
Colson Whitehead ist ein großartiger Beobachter des New Yorker Stadtlebens – mit den kleinen Bodegas, den Hotels und Bars, mit der scheppernden U-Bahn, dem Dreck und dem immer quirligen Leben, vor allem aber mit seinen (mitunter schrägen) Bewohnerinnen und Bewohnern. All das beschreibt er schonungslos hart und manchmal doch beinahe zärtlich – eine (Zeit-)Reise nach New York. Für Stadtliebhaber, wie ich einer bin, ein Muss.
Und noch eine gute Nachricht: Der dritte Teil, Cool Machine, erscheint Anfang Oktober unter gleichem Titel auch auf Deutsch.
4. Lese-Empfehlung
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➜ Reinlesen: Als gebürtiger Münchner und damit auch so etwas wie Bayer kommt man um die Heimatkrimis nicht wirklich herum. Ehrlich gesagt hält sich mein Lese-Appetit bei Titeln wie Dampfnudelblues in Grenzen. Aber interessant ist der Siegeszug dieses Genres doch. Heimatkrimis sind nicht nur ein literarischer Trend, sondern auch ein ökonomisches Phänomen. Sie erzählen vom deutschen Bedürfnis nach Heimat und Verbrechen. Warum sind diese Geschichten so erfolgreich, und was sagen sie über uns aus? Das haben sich Georg Seeßlen und Alf Mayer für uns angesehen.
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Die Leichen im Keller der Provinz: Wie ist der Boom der Heimatkrimis zu erklären?
Irgendwas mit „Heimat“ geht immer, und der Krimi ist sowieso das Meta-Genre, in das sich beinahe alles hineinpacken lässt. Was also liegt näher als eine Erfolgsformel namens „Heimatkrimi“? Dieser, weniger verdächtig auch „Regionalkrimi“ oder „Lokalkrimi“ genannt, ist die Verbindung des klassischen Whodunit mit Elementen volkstümlicher Unterhaltung und mal mehr, meistens weniger genauen territorialen Besonderheiten wie Sprachfärbungen, Landschaften, Architektur und Traditionen.
Der Mord macht die Provinz interessant, und die Provinz macht den Mord gemütlich. Der Idyllentrost, der Ermittlungsthrill und problemfreie Lachkultur – alles in einem. Deutsches Gemüt, was willst du mehr?
(…)
➜ zum ganzen Text
Damit sind wir am Ende dieses Newsletters angelangt. Ich wünsche Ihnen weiterhin einen guten Start in die Woche – ob Sie sich nun auf ein Sommerinterview am Sonntag zubewegt oder nicht. Falls Sie die TV-Interviews lieber meiden wollen, könnten Sie zu einem Buch von Colson Whitehead greifen – oder Sie spielen mal ein Ründchen in der Freitag-App. Mein persönliches Highlight ist Summaroo.
Viele Grüße,
Ihr
Benjamin Knödler
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