Der Fotohof ist ein Imperium der Fotografie im Salzburger Stadtteil Lehen. Galerie, Edition, Bibliothek, Archiv – auf vier soliden Beinen steht diese Produzentengalerie, die eine Heimat inmitten eines Mischgebiets mit viel sozialem Wohnungsbau gefunden hat und die sich über mehrere Gebäude verteilt. Neben den Ausstellungs- und Veranstaltungsräumen gibt es eine Bibliothek mit 18.000 Bänden zur Geschichte der Fotografie, darunter viele rare Katalogerstausgaben, ein Archiv nebst Fotostudio und Dunkelkammer sowie Räume für die Verlagsarbeit der hauseigenen Edition.
Es gebe drei Dinge, für die Salzburg in der Welt bekannt sei, sagt Langzeitmitglied Michael Mauracher: die historische Altstadt, die Festspiele und den Fotohof. Zum Glück hat das Mozart nicht gehört. In der Welt der Fotografie ist der Fotohof allerdings eine Hausnummer, jedenfalls bekannter als in der Stadt Salzburg selbst, wo man jenseits der Kulturszene weniger wahrgenommen werde, so der Eindruck von Vereinsmitglied Rainer Iglar.

Dazu muss man wissen, dass der 1981 gegründete Fotohof von dem gleichnamigen Fotohof-Verein zur Förderung von Autorenfotografie getragen wird. Bis heute ein Kollektiv mit einer Sammel-Mailadresse, sind zum F.A.Z.-Gespräch mit Birgit Sattlecker, Rainer Iglar, Michael Mauracher, Martin Mlineritsch, Peter Schreiner und Herman Seidl sechs der aktuell neunzehn Mitglieder erschienen.
Seit 45 Jahren machen sie ein exzellentes Programm. Knapp 1000 Ausstellungen stehen auf der Habenseite, Mann-Frau-Parität ist Standard. Der Blick ins Onlinearchiv zeigt viele bekannte Namen wie Inge Morath, Heinz Cibulka, Edith Tudor-Hart, Gerti Deutsch, Wolf Suschitzky, aber vor allem verblüfft, wie früh diese jeweils in Salzburg gezeigt wurden. Damals noch am ersten Stammsitz im Nonntal, 2012 wurde die neue, viel großzügigere Bleibe im Stadtwerke-Areal bezogen.
Beim Rundgang kommt die Frage auf, wie das denn geht, so viele unterschiedliche Charakterköpfe unter einen Hut zu bringen? Diplomatische Antwort: Man diskutiere stets so lange, bis alle einigermaßen versöhnt nach Hause gehen könnten. Zerwürfnisse im größeren Stil habe man bislang auf diese Weise erfolgreich umschifft.
Die Jugend Algeriens sucht die Zukunft
Vor Kurzem eröffnet wurde die Ausstellung „Oran“ der 1978 geborenen französischen Fotografin Margot Wallard, die sich auf die Spuren ihrer vor zwölf Jahren verstorbenen Großmutter geheftet hat. Diese lebte in der algerischen Stadt Oran, wo auch Wallards Mutter geboren wurde. In Vitrinen zeigt sie Memorabilien wie Fotoalben und Dokumente des algerischen Zweigs der Familie, das älteste datiert aus dem Jahr 1868. Unter die Fotos der Großmutter mischt Wallard ihre eigenen Bilder, die, weil in Sepia getönt, von den historischen Aufnahmen auf den ersten Blick nicht unterscheidbar sind.
Wallard reiste 2018 das erste Mal nach Oran, sie wollte sich mit der Jugend des Landes kurzschließen, und schlüpfte dazu in die Rolle der Straßenfotografin. Sie habe, erzählt sie im Gespräch mit der F.A.Z., viele gastfreundliche Begegnungen genossen, ein ums andere Mal sei sie mit den Worten „Willkommen zu Hause“ begrüßt worden. Besonders ein Café in der Altstadt habe es ihr angetan, einer der wenigen Orte, wo sich in dem muslimischen Land Männer und Frauen begegnen können. Großformatige Porträtfotografien, die sie mit diversen Digitalkameras einfing, zeugen von diesen Kontakten.

Bis vergangenes Jahr, nachdem sie bei einer Demonstration fotografierte und festgenommen wurde, das Regime die Einreise verweigerte und sie in die nächste Maschine zurück nach Frankreich setzte. Seither hat man keinen ihrer Visumanträge genehmigt. Dem Geheimdienst sei womöglich die Unterscheidung zwischen einer politischen Aktivistin und einer künstlerischen Fotografin nicht bewusst gewesen, spekuliert Wallard höflich. Die junge Generation wolle unbedingt die Zukunft gewinnen. Die Aufarbeitung historischer Altlasten – wie etwa des Algerienkriegs – käme jedoch kaum voran, das sei weitgehend vermintes Gelände.
Als Draufgabe gibt es anlässlich des 200. Jubiläums der Fotografie – 1826 machte Nicéphore Niépce das erste Bild aus seinem Arbeitszimmer – einen „Salon“, in dem Fotografen aus dem Großraum Salzburg jeweils ein Frühwerk zeigen. Michael Mauracher ist mit einem Winterbild aus dem Zillertal vertreten, blauer Schattenwurf, noch halbwegs intakte bäuerliche Welt und doch aus heutiger Sicht auch ein Vorgriff auf die touristischen Verheerungen, wie sie der Tiroler Lois Hechenblaikner dokumentiert.
Dahinter steckt immer ein kluger Kopf
Peter Schreiner, der bei Peter Hendricks in Kiel studiert hat, zeigt ein Bild, auf dem Fotohof-Mitglied Nadine Weixler bei der Maniküre sitzt, aber eine der beiden Hände gehört dem Fotografen. Karin Peyker konnte kein Bild einreichen, weil sie, wie sie in einem stattdessen gezeigten Brief schreibt, ihr Frühwerk durch einen Digitalcrash und eine Überschwemmung eingebüßt hat. Manchmal stellen sich Archivierungsfragen erst gar nicht.
Das 2015 eröffnete Archiv, das sich auf österreichische Fotografie konzentriert, ist in den Räumen eines ehemaligen Supermarktes untergebracht. 500 Quadratmeter, zwei klimatisierte Räume, an der Tür ein Poster „You do not make a picture you take it“. Die Schieberegale gehörten bis vor Kurzem Alfred Seiland, der von 1995 bis 2001 die F.A.Z.-Kampagne „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“ fotografierte. Eine Schenkung, grinst Herman Seidl, „in Leoben abgebaut und hier wieder eingebaut, das machen wir auch noch nebenbei. Wir sind so etwas Ähnliches wie Nebenerwerbsbauern.“ Alle hätten Brotberufe, die freilich in den allermeisten Fällen mit dem Medium Fotografie zu tun haben.

Immerhin gibt es eine Pauschale von 20 Euro je geleisteter Arbeitsstunde. Das Geld kommt von der Stadt Salzburg, die sich den Fotohof nicht nur rund 800.000 Euro im Jahr Zuschuss kosten lässt, sondern ihm auch die angemessene Adresse spendiert hat: Inge-Morath-Platz 2. Ein kleiner Zuschuss kommt von der staatlichen Verlagsförderung, 30.000 Euro erhält die Edition Fotohof derzeit im Jahr. 420 Kataloge wurden in den vergangenen viereinhalb Jahrzehnten veröffentlicht, der Verlag besucht auch die Buchmesse Frankfurt oder die Super Books in München.
Man könne, sagt Peter Schreiner, der als Senior Lecturer in der Klasse für Fotografie und Neue Medien der Universität Mozarteum Salzburg unterrichtet, „eklatant anders handeln als ein Museum“ – nämlich viel schneller in den Entscheidungsprozessen. Denn alle Mitglieder seien Profis, alle könnten alles, Entwicklung, Reproduktion digitale Bearbeitung.
Der Zulauf von Fotografen, die schon einmal über ihren Vorlass sprechen wollen, ist stetig, auch jenseits der Gründergeneration des Fotohofs. Das liege auch daran, so Herman Seidl, „dass wir hochwertig lagern und digitalisieren“. Raumtemperatur knapp 20 Grad, um die 50 Prozent Luftfeuchtigkeit. Seidl gewährt einen Blick in die Schatzkammer und öffnet eine graue Archivbox mit Prints von Inge Morath. 1982 hat der Fotohof sie zum ersten Mal ausgestellt, nachdem man sie zuvor in New York besucht hatte.
Auch 15.000 Negative lagern hier, und ein reger Leihverkehr ist im Gange mit internationalen Ausstellungsorten und Museen. Im vergangenen Jahr habe man für fünfzehn externe Ausstellungen Bildmaterial bereitgestellt, so Seidl. Hinter dem Dokumentenarchiv gibt es ein Apartment für Gäste, praktisch in einer Stadt hoher Hotelpreise.
Fest im Blick hat man die Nachwuchsarbeit, man will schließlich kein Greisenverein werden. Der alle zwei Jahre ohne Altersbeschränkung ausgeschriebene Wettbewerb „Fotohof Calling“ lief soeben zum dritten Mal. Aus 380 Einreichungen hatte eine Jury zehn Fotokünstler ausgesucht, die nun am ersten Oktoberwochenende in Salzburg zusammenkamen, um ihre Arbeit vorzustellen. Newcomer trafen auf Routiniers, mit dabei etwa der deutsche Fotograf Rudolf Bonvie, der mehr als drei Jahrzehnte nach seinem ersten Auftritt im Fotohof wieder dorthin zurückkehrte. Zu den Wesensmerkmalen eines Imperiums gehört eben auch die Kontinuität.
