Zu Besuch in einer der letzten Wiener Buchbindereien in der Josefstadt

Die Florianigasse im 8. Bezirk ist ein bisschen aus der Zeit gefallen. Es gibt dort Studentenlokale wie in den 80er-Jahren („Tunnel“, „Café Merkur“), den lauschigen Schönbornpark, ein paar fein herausgeputzte Zinshäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Und eine der letzten handwerklich betriebenen Buchbindereien der Stadt.

Auf Nummer 5a, vis-à-vis vom Bezirksgericht Josefstadt, ist vor 19 Jahren „Die Buchbinderin“ eingezogen. Kerstin Czerwenka, 50, stammt aus Klagenfurt und wollte ursprünglich Glaserin werden. Ihre damals beste Freundin hatte sich in der Fachschule in Kramsach angemeldet, sie schloss sich an, hat aber bald festgestellt, dass das nichts für sie ist. „Ich wollte nicht mehr Schul’ gehen, sondern gleich eine Lehre machen.“

Ihre Mutter las in der Zeitung, dass in einer Buchbinderei eine Lehrstelle frei wird, „und hat mich quasi gezwungen, hinzugehen“, erinnert sich Czerwenka. „Es hat mir getaugt, und ich bin dabei geblieben.“

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Als sie vor 19 Jahren zufällig an dem leerstehenden Geschäftslokal vorbeikam, sah Kerstin Czerwenka diese rote Tür - und wusste: Das muss ich haben!

Verliebt in eine Tür

Nach der Lehre in Klagenfurt ging sie nach Wien, wo sie zehn Jahre in einem Betrieb im 2. Bezirk arbeitete. Dann hat sie sich selbstständig gemacht. Das hübsche Lokal in der Florianigasse hat sie zufällig, im Vorbeigehen, entdeckt. Es stand leer, sie schaute durchs Fenster – und verliebte sich spontan in eine rote Tür, die in einen hinteren Raum führt. „Da hab ich mir gedacht: Das muss ich haben!“ Vor ihr war eine Vinothek drin gewesen, überall waren kleine Mäuerchen, in denen die Weinflaschen gelagert wurden. Die mussten alle raus, aber die rote Tür ist natürlich geblieben.

Kärntnerin in Wien

Dass Kerstin Czerwenka Kärntnerin ist, hört man ihr an. „Im Sommer vermisse ich den See“, gibt sie zu. Davon abgesehen aber lebe sie gerne in Wien: „Ich mag das Leben in der Großstadt sehr“, sagt sie. „Vor allem, dass man so viele Möglichkeiten hat, dass man jeden Tag woanders fortgehen könnte. Tu ich eh nicht – aber ich könnte!“

Wer ist die Kundschaft einer Buchbinderei? Czerwenka arbeitet für zwei Bibliotheken, die Zeitschriften bei ihr binden lassen; auch ein paar Anwaltskanzleien zählen zu ihren Stammkunden.

Oder Studentinnen und Studenten, die ihre Diplomarbeit binden lassen. Wobei das inzwischen erstens Masterarbeit heißt und zweitens oft nur noch digital abgegeben werden darf. „Das ist für Buchbinder natürlich fatal.“

Auch dass das Bundesgesetzblatt seit 2004 nicht mehr auf Papier erscheint, war ein schwerer Schlag für die Branche. „Jede Anwaltskanzlei und viele Institutionen mussten das haben. Da hat es Buchbindereien gegeben, die haben quasi nichts anderes gemacht als Bundesgesetzblätter zu binden, das waren bis zu sieben Bände im Jahr. Das ist alles weggebrochen.“

Kein Wunder, dass es immer weniger Betriebe gibt. Geht ein Buchbinder in Pension, findet sich meistens kein Nachfolger. Die paar Buchbindereien aber, die es noch gibt – „sieben oder acht“ sind es, schätzt Czerwenka –, haben genug zu tun.

Einen großen Teil ihres Geschäfts machen heute Aufträge von Privaten aus. „Vieles sind Geschenke“, sagt sie. „Ein Abschiedsbuch für die Lehrerin, wo jedes Kind eine Seite gestaltet. Für Jubiläen, Geburtstage. Oder für Hochzeiten. Unlängst hatte ich ein Kochbuch, wo für ein Brautpaar Rezepte gesammelt wurden. Und das waren voll coole Rezepte! So was hab’ ich immer wieder, und das taugt mir. Ein persönlicheres Geschenk gibt’s gar nicht.“

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In der Florianigasse im 8. Bezirk sieht vieles noch so aus wie früher. Eine Buchbinderei passt hier sehr gut hin.

Lieblingsbücher

Zwischen 50 und 200 Euro kostet so ein Einzelstück, je nach Umfang, Material und Aufwand. Hin und wieder bringen Kunden auch ihr zerlesenes Lieblingstaschenbuch vorbei. „Das kriegt dann meistens eine neue Klebebindung und einen festen Einband.“

Weil es hier um Liebe geht, spielt Geld in solchen Fällen eine untergeordnete Rolle. Der Preis schwankt zwischen „quasi nix“ und 70 Euro – je nachdem, wie kaputt das Buch ist. Eine solche Reparatur ist wirtschaftlich oft nicht argumentierbar, aber Czerwenka hält sich da raus: „Die Kunden entscheiden.“

Im Sommer ist die Buchbinderei in der Florianigasse drei Wochen lang geschlossen. Kerstin Czerwenka ist dann am See.

www.buchbinderin.at

kurier.at  |  02.08.2026, 8:00