Die Stars strahlen jetzt schon heller, und der Champagner perlt edler. Jetzt noch ein bisschen mehr Exzess – und das ZFF spielt ganz oben mit. Staunende Beobachtungen eines Neuankömmlings.
Jens Ulrich Eckhard04.10.2026, 09.47 Uhr
6 Leseminuten
Aktualisiert
Festival mit Strahlkraft oder überkandidelter Sponsorenevent? Alexander Skarsgard bei der Premiere von «Wicker».
Andreas Rentz / Getty
«Beautiful.» John Turturro steht mit den Armen hinter dem Rücken
verschränkt am Panoramafenster seiner Suite in der vierten Etage des «Dolder Grand» und blickt auf die Stadt hinunter. Das Bellevue, die Oper, dahinter die blauen Berge und vorne der See im Silberglanz. «Really beautiful», murmelt er und dreht sich zu mir um.
Es ist der dritte Tag des Zurich Film Festival. Turturro, der
Hollywood-Veteran mit dem Schalk in den Augen und dem markanten Profil, der den meisten wohl als verrückter Bowler aus «The Big Lebowski» bekannt ist, empfängt an diesem Samstagnachmittag Journalisten, um über seinen neuen Film zu sprechen. Ein gutes Dutzend Interviews im 25-Minuten-Takt, Akkordarbeit «with a view». Der Hollywoodstar im abgeschotteten Luxushotel über den Dächern Zürichs: Ein Sinnbild für dieses Festival, denke ich, als ich nach dem Interview auf dem langen Hotelgang mit seinen holzvertäfelten Wänden und dem schalldämpfenden Teppich Richtung Ausgang trotte.
Ein kurioses Theater ist das für jemanden wie mich, der neu in Zürich
ist und erst vor wenigen Wochen mit dem Zug aus Berlin kommend aus dem Hauptbahnhof stolperte. Die Berlinale, die dort stattfindet, in jener
«Reichshauptstadt spielenden Provinzmetropole», wie es der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht einmal ausdrückte, ist der komplette Gegenentwurf zum ZFF. Kracht ist dieses Jahr als Drehbuchautor der «Eurotrash»-Adaption der Regisseurin Frauke Finsterwalder selbst Teil des Festivals.
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Der Altmeister John Turturro stellte seinen neuen Film «The Only Living Pickpocket in New York» vor.
Andreas Rentz / Getty
Weil man jedenfalls in der deutschen Hauptstadt nicht einfach entspannt Filme gucken kann, mutiert das dortige Filmfest alljährlich zum hochpolitischen Welttheater, an dem die ganz grossen Dinge verhandelt werden wollen. Eine Solidaritätsbekundung hier, ein offener Brief dort, irgendwer boykottiert irgendwas, und dann schaltet sich der Kulturstaatsminister ein oder der Bürgermeister. Als Zuschauer steht man die meiste Zeit in einer Schlange und wartet auf Einlass oder auf Resttickets, während einen die «Russenpeitsche» traktiert, jene Mischung aus klirrender Kälte und beissendem Wind.
Und trotzdem reden sie alle über die Berlinale, denn geredet wird dort,
wo zuerst geurteilt wird. Dort sehen die Zuschauer Filme im Wettbewerb, über die noch niemand geschrieben hat. Beim ZFF hat die Filmwelt ihr Urteil hingegen meist schon gefällt, in Cannes, Venedig oder Toronto. Zwar zählt auch das diesjährige Programm wieder Weltpremieren, doch die prominentesten zielen auf den deutschsprachigen Markt. Hinzu kommt, dass die cinephile Planstelle für die Schweiz bereits vergeben ist. Wer als ausländischer Kritiker einmal im Jahr ins Land reist, fährt im August an die Piazza Grande nach Locarno.
Ist das Zurich Film Festival also lediglich ein
überkandideltes Sponsorenfestival? Die Festivaldirektorin Reta Guetg kennt den Vorwurf. In einem Interview mit dem Branchenportal «Out Now» wehrte sie sich dieser Tage gegen den Vorwurf, das ZFF sei ein «Cüpli-Festival». «Wenn schon, sind wir hochkarätiger Champagner.» Nur rund zehn Prozent des ZFF sind öffentlich bezuschusst, ein gutes Drittel wird über Tickets und Gönner finanziert, die restlichen rund 60 Prozent des Budgets von 14 Millionen Franken tragen Sponsoren. Die wollen natürlich, dass alles glatt über die Bühne geht, entsprechend geräuschlos summen die vollelektrischen Limousinen vom Hauptsponsor durch die Stadt. Wer zahlt, will, dass es glänzt, nicht, dass es knallt.

Glanz und Glamour, so weit das Auge reicht: Naomi Watts bewarb ihren Film «The Housewife».
Andreas Rentz / Getty
Der erste Festivalsamstag mittags am Limmatquai. Vorne auf dem Dach des Coop-Gebäudes gegenüber dem Hauptbahnhof thront das Festival-Auge. Ich frage die Bedienung eines alteingesessenen Cafés, ob das ZFF unter den jüngeren Leuten in der Stadt ein Thema sei. «Ist ja schön gemacht unten am Bellevue», entgegnet sie, «aber ich hab’s ehrlich gesagt noch nie dahin geschafft. Das wirkt irgendwie wie eine Blase von Leuten, die dort ihr Ding machen.» Auch eine langjährige Schweizer Freundin gesteht, dass sie noch nie dort gewesen sei und das Festival als Branchenanlass verstehe. Trotzdem sei es bemerkenswert, wer dort immer vor Ort sei.
Gewiss, auch dieses Jahr ist es dem Festival gelungen, eine ganze
Riege von Hollywoodstars an die Limmat zu holen, von Julianne Moore und Naomi Watts über Tom Hiddleston und Willem Dafoe bis zu besagtem John Turturro. Die Berlinale lockt weniger Stars in den dunkeldeutschen Februar, und doch findet in den internationalen Kulturspalten und Feuilletons das ZFF kaum statt, fast so, als würden die meisten Filmredaktoren noch immer ihren August-Rausch in
Locarno entgiften. Oder sich statt in Zürich, dieser «Stadt der geldgierigen Oberleutnants und selbstherrlichen Strizzis», wie es in der Buchvorlage von «Eurotrash» klischiert heisst, auf den gleichzeitig stattfindenden Festivals in San Sebastian oder Hamburg herumtreiben.
Um in dieser Festivalflut doch noch wahrgenommen zu werden, entschied das ZFF, «Naza» kurzfristig ins Programm zu nehmen, einen israelkritischen Dok-Film über den Krieg in Palästina, der kürzlich in Venedig zu Standing Ovations und danach zu Debatten in den Zeitungen führte. Wo Gaza gerufen wird, ist Greta nicht weit. Prompt erschien die einstige Klima-Ikone am Dienstag auf dem Green Carpet, aber Moment, diesmal ging es ihr um die Westsahara und den Kampf der dortigen Sahraouis gegen den Staat Marokko. Als sie tags darauf auf einer Bühne im Corso-Kino sass, witterte sie angesichts der nur spärlich besuchten Podiumsveranstaltung eine Verschwörung. Das Zürcher Filmpublikum gegenüber auf dem Opernplatz überlegte sich kurz, ob es all das wert sei, sich einmal aufzuregen à la Berlinale, aber da kam auch schon der Kellner mit der Flasche und spülte noch mehr schäumenden Champagner in die Tulpen. «How dare you, Zurich.»

Klima, Gaza, jetzt Sahara: Greta Thunberg auf der Premiere von «My Home of Wind and Sand».
Andreas Rentz / Getty
Am Samstagabend im Festivalzentrum riecht jedenfalls alles sehr edel und neu, und man bekommt grosse Lust, Geld auszugeben. Ich kaufe mir eine Bratwurst und dann in der Filmecke eine DVD, und als sich das Zentrum gegen zehn Uhr allmählich leert, mache ich mich mit «Panzerkreuzer Potemkin» unter dem Arm und einem Senffleck auf der Jacke auf die Suche nach den Filmpartys in der Stadt. Ich streune den Limmatquai hinauf, kreuze die Bahnhofstrasse, vorbei am Löwenbräu-Areal über die Hardbrücke. Wo ist der «Tanz auf dem Vulkan», der während der Berlinale an jeder Ecke zu finden ist? Die berüchtigte Drehbuchautoren-Party, auf die man sich immer irgendwie hereinschleichen kann, die Sause in der Volksbühne, der Arte-Empfang, die Medienboard-Party am Holzmarkt, wo sich Absolventen der Ernst-Busch-Filmschule mit altgedienten Filmgrössen zusammentun und gerne einmal eben zusammen auf dem Klo verschwinden. Und wem das alles zu spannend ist, der kann auf einem der Empfänge der Landesvertretungen in den Ministergärten seinen Pinot grigio trinken, nur einen Steinwurf vom ehemaligen Führerbunker entfernt.
Die ZFF-Premieren sind jedenfalls gut besucht, wie die allabendliche
Menschenmenge vor dem Corso bezeugt. Auf Nachfrage teilt das ZFF mit, dass sich die Besucherzahl auf dem Niveau des Vorjahres bewege, als 135 000 Festivalgänger gekommen seien – trotz gestiegenen Preisen von bis zu 119 Franken für eine Kinokarte. Überall in der Stadt baumeln die Fahnen, und die Lokale im Seefeld verkünden an den Fensterfronten, man sei «Weinpartner» des ZFF. Und doch wirkt das Festival seltsam
abgekoppelt von der Stadt. Der Sechseläutenplatz und das Hotel auf dem
Berg als hermetische Orte, in die vornehmlich Branchenvertreter und ein gutsituiertes Publikum strömen?
Die Nacht endet schliesslich mit Cüpli im «Odeon». In seinem Reiseband «Ferien für immer» schildert Christian Kracht das Café als den Ort, vor dem einst nackte Schweizer und Autonome vorbeirannten und der «das gesamte Spektrum der antibourgeoisen Randexistenzen» anlockte. So weit müsste das Zurich Film Festival drüben auf der anderen Strassenecke gewiss nicht gehen – aber ein bisschen Exzess dürfte es schon sein.

Mit Handy, Haut und Haaren: Zaungäste am Festivalzentrum.
Andreas Rentz / Getty
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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