Altlasten und kein Ende: Der neue Bär-Chef muss sich gedulden mit dem Neustart
Der Abschluss eines Sanktionsverfahrens gegen Julius Bär bringt neue Missstände ans Licht. Die Aufseher geben die Privatbank nur unter Auflagen frei. CEO Stefan Bollinger kann sich gleichwohl freuen.
04.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten

Der Julius-Bär-CEO Stefan Bollinger muss schaffen, woran sein Vorgänger scheiterte: die Risikokultur der Bank in den Griff bekommen.
Denis Balibouse / Reuters
2019 gab Julius Bär in Russland Vollgas. Der damalige Regionalchef nahm sich vor, das Geschäft der Bank im Riesenreich rapide auszubauen. In wenigen Monaten wollte er zweihundert reiche Russen als Neukunden gewinnen und zusätzliche Kundenberater einstellen, wie er dem Branchenportal «Finews» sagte. Die Privatbank stellte sich damit gegen den Trend. Nach der Annexion der Krim zogen westliche Banken Personal aus Russland ab, auch die UBS und die Credit Suisse.
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Heute rächt sich die forsche Gangart für die Privatbank. Die Finanzmarktaufsicht (Finma) hat diese Woche den Abschluss eines Verfahrens gegen Julius Bär publik gemacht. Die Aufseher rügen in ihrer Mitteilung den «sehr hohen Risikoappetit der Privatbank» ungewohnt scharf.
Dass die Finma die Russland-Connection von Julius Bär untersucht hat, war bisher nicht bekannt. Die Behörde hatte 2025 ein Verfahren gegen die Privatbank wegen Verdachts auf Verletzung der Geldwäschereibestimmungen eröffnet. Dabei geht es um Kunden aus dem Umfeld von zwei «politisch exponierten Personen» aus Russland, wie die Finma schreibt. Julius Bär habe über Jahre hinweg die Herkunft von Vermögenswerten zu wenig abgeklärt und hinterfragt.
Dabei missachtete die Bank sogar ihre eigenen Regeln. 2019 machte Bär laut der Finma eine Ausnahme bei der Aufnahme eines neuen Kunden, «weil ein Mitarbeiter der Bank eine Empfehlung zugunsten des russischen Kunden» abgegeben habe. Dieser soll «eine enge persönliche Verbindung» zur Familie eines politisch heiklen Kunden gehabt haben.
Statt einer Absolution gab es neue Auflagen
Um wen es sich bei den problematischen russischen Kunden handelt, ist unklar. Es gibt allerdings Hinweise, dass Verantwortliche des Russland-Desks von Julius Bär auch persönlich mit politischen Kreisen verbandelt waren. Der ehemalige Russland-Chef soll mit der Tochter eines weissrussischen Geschäftsmanns verheiratet sein, wie ein lokales Rechercheportal berichtete. Dieser unterhielt enge Verbindungen zum Regime des Diktators Lukaschenko. Seit Mai 2021 steht der Geschäftsmann auch auf der Sanktionsliste der Schweiz.
Der Russland-Chef hat die Bank Bär inzwischen verlassen und ist heute in Dubai aktiv. Die Bank betonte auf Anfrage, der frühere Russland-Chef habe sich «auf eigenen Wunsch und aus persönlichen Gründen entschieden, Julius Bär zu verlassen».
Für Julius Bär sind das alles Altlasten, welche die Privatbank und ihr Chef Stefan Bollinger gerne hinter sich lassen möchten. Der frühere Goldman-Sachs-Banker stiess Anfang 2025 zu Bär, um aufzuräumen. Mit dem Abschluss des Verfahrens habe Julius Bär einen «wichtigen Meilenstein erreicht, der die Anstrengungen bestätigt, die wir in den vergangenen zwanzig Monaten unternommen haben», so wird Bollinger in einer Mitteilung der Bank zitiert.
Das Finma-Verfahren schwebte wie ein Damoklesschwert über der Bank Bär. Seit Monaten hat sie auf den Abschluss gehofft, der sie von den Fesseln der Aufsicht befreien sollte. Doch statt einer Absolution erhielt die Bank neue Auflagen. Bis 2032 muss sie der Finma Berichte über Risiko-, Fehler- und Compliance-Kultur einreichen. Gemäss einem früheren Finma-Insider ist es aussergewöhnlich, dass solche Pflichten öffentlich gemacht werden.
Das dürfte auch damit zu tun haben, dass die Bank eine Wiederholungstäterin ist. In den letzten zehn Jahren führte die Finma fünf Enforcement-Verfahren gegen Julius Bär. Enforcements sind das schärfste Instrument der Behörde. Nur bei der Credit Suisse musste sie noch häufiger einschreiten. Wie die untergegangene Grossbank liess sich auch Julius Bär lange nicht gross beeindrucken.
Bank verdiente Millionen
Neben der Verletzung der Geldwäschereibestimmungen trugen Bär auch die Verstrickungen in den Signa-Skandal eine Rüge ein. Die Bank hatte ab 2019 acht Kredite an den österreichischen Immobilien-Pleitier René Benko vergeben. Zeitweise hatte sie mehr als 1 Milliarde Franken bei Benko ausstehend. Ende 2023 schlitterte Signa in die Insolvenz. Anfang 2024 musste Julius Bär rund 600 Millionen Franken abschreiben.
Jahrelang hatte Bär mit Benko gutes Geld verdient, Mitarbeiter kassierten Provisionen in Millionenhöhe. Die Verbindungen reichten bis ganz nach oben.

Der ehemalige VR-Präsident Romeo Lacher.
Romeo Lacher, der damalige Präsident von Julius Bär, sei ein Vertrauter des Immobilienunternehmers gewesen, heisst es in Gerichtsdokumenten aus Österreich. Sein direkter Zugang zu Lacher habe Benko geholfen, ständig neue Kredite von der Privatbank zu erhalten. Der Abschreiber der Benko-Kredite kostete Lacher und den damaligen Bär-CEO Philipp Rickenbacher den Job.
Im Sommer 2026 haben sich Julius Bär und der Insolvenzverwalter der wichtigsten Signa-Gesellschaften geeinigt. Dem Vernehmen nach hat die Privatbank einen einstelligen Millionenbetrag bezahlt und gleichzeitig Anteile an gewissen Vermögenswerten der Signa bekommen. Beide Seiten äussern sich nicht zu der Einigung.

Philipp Rickenbacher, ehemaliger CEO von Julius Bär.
Keystone
Risikoreiche, aber lukrative Kunden
Nun lassen die Aufseher Bär wieder von der Leine – zumindest ein bisschen. Die Finma reduziert die zusätzlichen Eigenmittel, welche die Privatbank für Geschäfte mit risikoreichen Kunden halten muss, von 500 Millionen auf 250 Millionen Franken. Die Bank hat aber immer noch die Auflage, sich von zu risikoreichen Kunden zu trennen. Erst wenn diese weg sind, kann sie ihren Geschäften wieder ungehindert nachgehen. Zudem ziehen die Aufseher 10 Millionen Franken Gewinn ein, den Bär mit den beiden russischen Kunden erzielt hatte. Die Behörde hat ausserdem gegen drei ehemalige Mitarbeiter der Privatbank Verfahren eröffnet.
Dem Vernehmen nach richten sich diese nicht gegen Lacher und Rickenbacher. Der frühere CS-Banker Lacher rettete sich in die Rente, Rickenbacher ist mittlerweile Krypto-Investor und Präsident der Branchenvereinigung Crypto Valley Association. Beide wollten sich nicht zu der Finma-Untersuchung äussern.
Stefan Bollinger hat personell aufgeräumt. Der Risikoverantwortliche Oliver Bartholet, der Chief Operating Officer Nic Dreckmann, die Finanzchefin Evie Kostakis mussten alle gehen. Mit einer neu besetzten Spitze habe Julius Bär gute Voraussetzungen für einen Neuanfang, «Kultur wird von oben gelebt», sagt der Analyst Andreas Venditti von der Bank Vontobel. Die Aufräumarbeiten seien aber noch nicht abgeschlossen. Vor allem die problematischen Kundenbeziehungen müssten weiter abgebaut werden.
Trotzdem versprüht die Bär-Spitze Zuversicht. Dort geht man davon aus, dass 2026 das erfolgreichste Jahr in der Geschichte der Bank werden wird. Nur drei Tage nach der Finma-Schelte bedachte Bollinger die Aktionäre mit einem Geschenk: Bär darf mit dem Plazet der Aufsicht eigene Aktien im Wert von 600 Millionen Franken zurückkaufen.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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