Berlin ist eine, aber nicht die Sportstadt

Kommentar Zurückgezogene Olympia-Bewerbung

Berlin ist eine, aber nicht die Sportstadt

Kai Wegner (rechts) vor einem Plakat der Olympiabewerbung. (Quelle: IMAGO / IPON)
Kai Wegner (rechts) vor einem Plakat der Olympiabewerbung. (Quelle: IMAGO / IPON)

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Natürlich ist Berlin auch nach dem Olympia-Rückzug noch eine Sportstadt.

Berlin ist Heimat des deutschen Meisters im Volleyball, im Basketball und im Eishockey. Im Handball ist der Titelgewinn ein Jahr her, aber noch immer können die Fans bei den Füchsen den besten Handballer der Welt spielen sehen. Zwei Fußballvereine gibt es auch, zwar weniger erfolgreich, aber mit Zehntausenden Fans.

Das alles ist aber Vereinssport. Hier haben sich Teams über Jahre eine Fanbasis erarbeitet - ob durch Erfolge oder ihre Kultur und Geschichte. Großevents sind anders.

Sportevents in Berlin sind kein Selbstläufer

Das zeigte sich in der Vergangenheit schon häufiger bei gescheiterten Bewerbungen, aber auch an kleineren Beispielen. Mal liegt es am mäßigen Interesse der Stadt, mal am Chaos auf Organisationsebene. Mal steckste einfach nicht drin.

Das Leichtathletik-Stadionfest Istaf erlebte beispielsweise schon goldene Zeiten – mit dem Höhepunkt 2007, zwei Jahre vor der Leichtathletik-WM in Berlin, als mehr als 70.000 Menschen zum Istaf kamen und das Olympiastadion mit der blauen Laufbahn weltweit bekannt wurde.

In diesem Jahr kamen rund 40.000 Zuschauer und das war schon ein wirklich guter Wert, voriges Jahr fand das Istaf vor weniger als 30.000 Menschen statt – das heißt dann im Olympiastadion: nichtmal halb voll. Das noch recht junge Tennisevent im Grunewald muss hart um Gäste kämpfen, trotz hochklassiger Spielerinnen. In diesem Jahr teilweise erfolgreicher als zuvor, aber selbst beim Comeback von Weltstar Serena Williams war es nicht ganz ausverkauft.

München läuft Berlin den Rang als Sport-Hauptstadt ab

Die harte Wahrheit zeigt sich vor allem bei deutschlandweiten Großevents: Berlin ist nicht mehr die Sport-Hauptstadt.

Ihr Name wird international immer ziehen. Das "Brandenburg Gate", die "Berlin Wall", vielleicht auch das Berghain - weltweit bekannte Stichworte.

Trotzdem fehlt die Stadt immer häufiger, wenn Deutschland ein Großereignis ausrichtet. Die Fußball-EM der Frauen wird nicht in Berlin gastieren, auch die Handball-WM der Männer findet ohne Spiele in Berlin statt. Gespielt wird stattdessen bei beiden Turnieren unter anderem in München.

Die bayerische Landeshauptstadt und Berlin sind kulturell und politisch entgegengesetzte Pole. Bei der Olympiabewerbung wäre München wohl der große Konkurrent und zumindest laut der DOSB-Evaluierungskommission auch Favorit auf die deutsche Bewerbung gewesen. München ist seit Jahren dabei, in die Lücke zu stoßen, die Berlin immer weiter öffnet. Die PR-Agentur Burson veröffentlichte kürzlich ihr Ranking der internationalen Sportstädte: München schaffte es als einzige deutsche Stadt in den letzten Jahren mehrfach in die Top 10, Berlin rangiert auf Platz 34.

Keine Frauen-EM, weil Berlin bei den Männern schlecht plante

München hat mehr Geld, mehr Bock und häufig auch mehr Plan, wenn es um die Organisation von Sportevents geht.

Ein gutes Beispiel sind da die zwei Fußball-Europameisterschaften in Deutschland: Beim Turnier der Männer vor zwei Jahren wurde in beiden Städten gespielt. Während in Berlin die Kosten im Vergleich zur ursprünglichen Kalkulation grotesk explodierten, lief es in München weitgehend nach Plan. Nur folgerichtig, dass Berlin auf Basis der negativen Erfahrungen kein Interesse an Spielen der Frauen-EM signalisierte, München hingegen stand schnell mit einem Konzept parat. Der Fußballverband Uefa ist häufig ein willkommener Sündenbock, in diesem Fall könnten die Fehler aber auch schlicht im fehlenden Berliner Organisationstalent begründet sein. Zuspruch in der Bevölkerung gewinnt man so nicht.

Wolfgang Männig, Sportökonom und Olympiasieger im Rudern, entwarf am Mittwoch im rbb24 Spezial eine weitere These: Die Berliner Gesellschaft sei historisch begründet vielleicht auch nicht die einer passionierten Sportstadt. Viele Künstler und Freunde der Clubszene, früher dazu im Westen ein Auffangbecken für Wehrdienstverweigerer, so seine Begründung.

Dem Argument kann man teilweise folgen - auch ohne Klischeezuschreibungen. Denn Berlin stand jahrelang auch international eher für seine belebte Clubszene und für alternative Lebenskonzepte als für den ansässigen Sport.

Berlin wird sich am Sonntag als Sportstadt zeigen

Natürlich gibt es Positivbeispiele: Die Basketball-WM der Frauen sorgte für einen Zuschauerrekord. Sie war aber auch ein Event, das gut in den Zeitgeist einer bislang seltener angesprochenen Sport-Community der Stadt passte – Basketball ist als weiblicher Sport sehr gut darin, mit seinen Stars den Nerv eines modernen Feminismus zu treffen.

Auch am Sonntag werden wir wieder einmal sehen, dass Berlin sich für Sportevents begeistern kann. Dann werden sich die Straßen der Stadt in eine Rennstrecke für einige der besten Marathonläuferinnen der Welt und direkt im Anschluss in eine Partymeile für Zehntausende verschwitzte Freizeitläufer verwandeln. Der Marathon ist ein Feiertag in Berlin, seit Jahren - und übrigens auch deutlich beliebter als der in München. Aber der Marathon ist eben auch fast gratis für die Bewohner (es sei denn, sie wollen mitlaufen).

Berlin hat ein Sportpublikum, Berlin hat Freizeitsportler - natürlich ist Berlin auch eine Sportstadt, aber eben nicht nur. Und genau deshalb, weil es hier so viel anderes gibt, werden große Zugeständnisse an sportliche Kommerzveranstaltungen in Berlin härter verhandelt als anderswo. Das haben in der Vergangenheit Fußballvereine mit Stadionbau-Träumen erfahren und jetzt schon zum zweiten Mal eine Olympia-Kampagne.

Sendung: rbb|24, 24.09.2026, 21:26 Uhr

Audio: rbb|24, 24.09.2026, Simon Wenzel

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