Serie: Analoges Leben
Zwischen Spaß und Gehirntraining: Ein Besuch beim Bridgeklub in Wien
Im ersten Wiener Gemeindebezirk lädt der Bridgeclub Wien zum Kartenspielen ein. DER STANDARD hat sich erkundigt, was an dem Spiel fasziniert
Christina Rebhahn-Roither
Ist Bridge einsteigerfreundlich? "Auf jeden Fall", sagt Bridgetrainer Robert Winkler. "Es gibt Kurse und Literatur. So ein Kurs dauert zehn mal zwei Stunden, dann kann man die Grundregeln." Es ist vielleicht nicht ganz das, was sich viele unter einsteigerfreundlich vorstellen, zumindest verglichen mit Spielen wie Uno. Dass Bridge ein größeres Projekt ist, gibt auch Winkler zu: "Wenn man sich nicht viel Zeit nehmen will, würd ich's nicht machen, weil dann ist man frustriert."
Hat man sich Bridge aber einmal verschrieben, kommt man schwer wieder los, so scheint es. Manche, die man hier im Bridgeclub Wien im ersten Bezirk trifft, spielen schon Jahrzehnte, es fallen Worte wie "infiziert" und "ein Hobby auf Lebensdauer". Vereinfacht erklärt geht es bei dem Kartenspiel darum, als Paar vorherzusagen, wie viele Stiche gemacht werden – und das dann auch zu erfüllen.
Bis ins hohe Alter
An einem Dienstag im Juli sind einige Menschen zum "Betreuten Spielen" gekommen. Winkler schaut ihnen über die Schultern und gibt Tipps. Erfahrung bringen hier alle schon mit. "Mein Vater hat mich 1975 gebeten, Bridge zu lernen, weil er eine Partnerin benötigt hat", erzählt eine Frau. Es dauere sehr lange, bis man gut ist, "manche erreichen es nie". Und sie ist überzeugt: "Bridge ist nicht zum Spaß", sondern "damit die geistige Fähigkeit gewährleistet ist".
"Bei mir ist es eigentlich umgekehrt", sagt ihr Gegenüber Gina. "Ich hab' vor drei Jahren begonnen und es macht mir immer noch viel Spaß." Ihr Alter wollen nicht alle am Tisch verraten, eine Dame ist 77, eine "ein bisschen mehr", eine "ein bisschen weniger". Die Runde kennt aber auch jüngere Bridge-Fans. Jolan, 74, spielt am Nebentisch. Sie ist seit knapp drei Jahren beim Bridgeklub. "Es geht mir gar nicht nur um das Kartenspiel, sondern dass mein Hirn trainiert wird und dass ich viele liebe Menschen kennengelernt habe." Die Seniorin hat mehrere Enkelkinder, zum gemeinsamen Kartenspielen sei allerdings "zu wenig Zeit", erzählt sie. "Die Kinder im Gymnasium sind sehr eingespannt."
Klubobmann Josef Paulis erzählt, dass der seit 1967 bestehende Klub aktuell um die 180 Mitglieder hat. Vor der Pandemie seien es 400 gewesen. Die jüngsten seien um die 20, das älteste Mitglied über 90. Das Durchschnittsalter sei "hoch". Während Winkler weiter durch den Raum streift, bereitet Paulis nebenan das Nachmittagsturnier vor. Genug Platz gibt es allemal, die Räumlichkeiten sind 500 Quadratmeter groß.
Nord-Süd gegen Ost-West
Ein paar Stunden später strömen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Turniers durch die Tür. Kaffee wird gebracht, eine Frau steht vor dem Aushang der Tischordnung und liest "Sieben, Ost-West". Die Paare, die sich am Tisch gegenübersitzen, nennen sich nach den Himmelsrichtungen: Nord-Süd spielt gegen Ost-West. Nach drei Runden wechseln die Ost-West-Paare einen Tisch weiter. Die Karten werden nach jedem Spiel aufgehoben. "Das heißt bei so einem Turnier spielen alle anwesenden Nord-Süd-Spieler gegen alle anwesenden Ost-West-Spieler und alle haben dieselben Karten irgendwann in den Händen", fasst Paulis zusammen. Insgesamt dauert das mehr als drei Stunden.
Die Karten werden von einer Maschine gemischt und ausgeteilt. "Wenn ich die Karten selber austeile, weiß niemand im Nachhinein, welche Karten sie gehabt haben", erklärt Paulis. "Am Ende bekommen die Spieler, wenn sie wollen, eine Aufzeichnung, welche Spiele heute gespielt worden sind." So könne man nachvollziehen, welche Partie man gut oder schlecht gespielt hat.
Turnierteilnehmerin Ingeborg bespricht das Spiel manchmal mit ihrem Spielpartner nach, aber auch nicht immer, wie sie erzählt. In 20 Jahren Bridge sei ihr noch nie fad geworden. "Man muss so viel denken dabei, es ist gut fürs Gehirn und wirklich interessant." Nach der Runde tippt sie die Ergebnisse in einen Bridgecomputer, der aussieht wie ein Taschenrechner. "Da sieht man, was man im besten Fall spielen hätte können". Ist es gut für sie gelaufen? "Nicht besonders", sagt sie und lacht.
Besprechung mit Mehlspeise
Während es beim Turnier sehr ruhig zugeht, hat sich in einem separaten Raum eine kleinere Gruppe zusammengesetzt. Hier liegen alle Karten offen am Tisch, die letzte Runde wird gerade rege nachbesprochen. "Ich hab' früher schon Turniere gespielt, aber mein Hirn setzt ein bisschen aus, jetzt spiele ich lieber so", sagt Uta.
Der einzige Mann am Tisch beobachtet und gibt Tipps. Er habe ihnen Bridge beigebracht und nun gebe es die wöchentliche Dienstagsrunde, in der das Spiel besprochen wird, erzählt Uta. "Er hat ein Bridge-Hirn, das ist unwahrscheinlich!" Kurz lenken riesige Marillenschifferl die Aufmerksamkeit auf sich – "Bitte heb' das Sackerl auf, das muss ich mir mit nach Hause nehmen!" – danach lauscht die Runde den Erklärungen des erfahrenen Spielers zu dieser "skurrilen Partie".
In diesem Raum geht es deutlich lockerer zu als beim Turnier. Was da wie dort auffällt: Handys spielen im Bridgeklub keine Rolle. Wobei, nicht ganz: Einmal richtet sich die Aufmerksamkeit doch auf ein Telefon, aber auch nur, weil es vergessen wurde. (Christina Rebhahn-Roither, 28.7.2026)
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