Premierenbericht
Androzide können auch amüsant sein: "Chicago" an der Volksoper
Mit der Neuproduktion des Musical-Klassikers gelingt Lotte de Beer ein Gesamtkunstwerk. Etwas weniger Comedy und Kinder hätte es aber sein dürfen
Stefan Ender
Sollen Frauen morden dürfen wie die Männer, also reichlich und ruchlos? Unbedingt! Schon aus Gründen der Gleichberechtigung beziehungsweise der ausgleichenden Ungerechtigkeit. In den frühen 1920er-Jahren ließ in Chicago nicht nur der Gangsterboss Al Capone töten, in der Millionenstadt am Lake Michigan (in Bälde wahrscheinlich: Lake Melania) fand auch eine Serie von Androziden statt, die von Frauen begangen wurden (Androzid ist die Bezeichnung für das Töten von Männern ihres Geschlechts wegen). Die Boulevardpresse, als Ahnherrin der Social-Media-Pest seinerzeit die Fame-Generatorin und Fake-News-Schleuder vom Dienst, griff die Fälle sabbernd auf, elektrisierte damit die Öffentlichkeit und machte Mörderinnen kurzzeitig zu Medienstars.
Ist die Welt, insbesondere ihr menschlicher Besatz samt dessen kapitalistischem Betriebssystem, moralbefreit und verkommen? Al Capones Zeitgenosse Bertolt Brecht hätte wohl gesagt: schon eher. Der deutsche Dramatiker und sein Kompagnon Kurt Weill schlugen in der Dreigroschenoper diesbezüglich einen Ton an, den John Kander, Fred Ebb und Bob Fosse in ihrem Musical-Vaudeville Chicago aufzunehmen versuchten. Das Buch von Ebb & Fosse ist nicht ganz so haifischzahnbestückt wie das von Brecht, die Musik ist etwas süffiger geraten. Neun Jahre nach seinem Geniestreich Cabaret ließ Kander 1975 noch einmal freudvoll die Trompeten quäken, die Saxofone näseln und die Tuba furzen. Verbeulte, freche, kunterbunte Klänge, die das komödiantische Element frei Haus mittransportieren.
Weniger Brecht und mehr Comedy sieht man denn auch in Lotte de Beers Chicago-Inszenierung. Das primärfarbenbunte Dreigespann, das die Direktorin als kindliche Conférenciers einsetzt, möchte man lieber heute als morgen in die Obhut von Mary Poppins geben. Bettina Mönch spricht die Roxie Hart mit Naivenstimme und schaut mit Smokey Eyes unter karottenrotem Haar in die schlechte Welt. Im Knast der männermordenden Frauen ist sie für die quirlige Myrthes Monteiro (als Velma Kelly) Rivalin um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und des geldgeilen Rechtsverdrehers Billy Flynn.
Nougatweiche Korruptheit
Mönch und Monteiro performen schlichtweg fulminant und machen den Währinger Gürtel kurz zum Broadway von Wien. Katia Ledoux, die Volksopern-Carmen, hat vom klassischen Mezzo erfolgreich auf Musicaltechnik umgelernt: kraftvoll und doch nougatweich ihre korrupte Knastdomina Mama Morton. Lionel von Lawrence bemüht sich als Billy Flynn um körpersprachliche Unverwechselbarkeit: der Gang irgendwo zwischen Bruce Darnells Catwalk-Zielstrebigkeit und Harald Juhnkes zögerndem Schlenkern, im Gesicht ein Zahnpastalächeln. Gern hätte man miterlebt, was Rainhard Fendrich in den späten 90er-Jahren aus dieser Partie gemacht hat. Zehn Jahre nach Axel an der Himmelstür sieht man Jakob Semotan, mittlerweile zum Volksopern-Faktotum avanciert, wieder an der Seite von Bettina Mönch, jetzt als deren unscheinbaren Ehemann Amos Hart.
Chicago ist denn auch ähnlich gesamtkunstwerkartig genial geraten wie die damalige Arbeit von Peter Lund (Regie), Sam Madwar (Bühne) und Daria Kornysheva (Kostüme). Christof Hetzer hat eine Showtreppe vor konkaven, flechtenartig eingefärbten Betonwänden errichten lassen. Die zauberhaften Licht- und Nebelstimmungen von Alex Brok und eine drehfreudige Bühne bringen Sinnlichkeit und Abwechslung in die Szenerie. Dazu offerieren die Kostüme von Jorine van Beek eine Symphonie gedeckter Farben; weite Schnitte kontrastieren mit Lingerie-Knappheit, die großflächigen Schmutzflecken auf edlen Stoffen und Roben dürfen gesellschaftskritisch gelesen werden.
Fetzig, smart, lustvoll
Arielle Smith formt das Staatsballett und den Chor gern zu einer faszinierenden, seeanemonenartigen Kollektivbeweglichkeit. In den Choreographien für Mönch und Monteiro weiß die gebürtige Kubanerin auch mit Ironie und Mut zum Klamauk zu unterhalten, so etwa beim Finale. Unter der Leitung von Mayaan Franco spielt das Volksopernorchester Jazz so fett, fetzig, bunt, smart und lustvoll, als ob es die letzten hundert Jahre nichts anderes gemacht hätte. Alles in allem also: mordsmäßig gut. (Stefan Ender, 26.10.2026)
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