Berlin. Herr Albert, die heutigen jungen Menschen haben bereits mehrere Umbrüche erlebt: die Pandemie, den Ukrainekrieg, jetzt einen Arbeitsmarkt, der von KI auf den Kopf gestellt wird. Wie blicken Sie auf diese Generation?
Mathias Albert: Die Gen Z ist zunehmend nicht mehr nur verunsichert, sondern auch perspektivlos. Ich würde sogar so weit gehen, sie als „lost generation“ zu bezeichnen.
Eine verlorene Generation – ist das nicht etwas sehr düster?
Tatsächlich wissen wir noch nicht, wie sich der Arbeitsmarkt mit KI wirklich entwickelt. Wir sind auch nicht in einer Situation, in der sich eine generationsweite kollektive Depression durchgesetzt hat. Wer sich momentan am wenigsten Gedanken machen muss, sind diejenigen mit mittleren Bildungsabschlüssen und Handwerksausbildung. Denn die KI wird so schnell kein Dach decken und keinen Wasserhahn reparieren. Aber was wir bei anderen jungen Menschen sehen, bietet durchaus Anlass zur Sorge.
Inwiefern?
Wir haben jetzt über viele Jahre von einem Teil der jungen Generation gesprochen, der abgehängt ist. Das waren bisher junge Menschen mit schlechten Startchancen, meist auch ohne Schulabschluss. Jetzt betrifft es aber nicht mehr nur die, sondern auch Junge in der obersten Bildungs- und Gesellschaftsschicht.
Die Politik hat den disruptiven Effekt von KI nicht erkannt.
Also nun auch Menschen, die sich bisher kaum Sorgen machen mussten?
Genau. KI macht möglicherweise deren Bildungsabschlüsse überflüssig. Selbst in Bereichen, die vermeintlich sicher waren – etwa mit einem Studienplatz in Informatik und einem juristischen Staatsexamen –, weiß ich als junger Mensch plötzlich nicht mehr, was ich später damit anfangen kann und ob ich überhaupt noch einen Arbeitsplatz bekomme. Das verunsichert enorm.
Sie sind Autor der Shell‑Jugendstudie und beobachten seit Jahren junge Menschen. Ist das eine neue Qualität der Verunsicherung?
Bisher haben wir einen erstaunlich großen Optimismus hinsichtlich der gesellschaftlichen Zukunftserwartungen gezeigt. Was aber die persönlichen Zukunftserwartungen vieler junger Menschen anlangt, wird jetzt für mich sichtbar und fühlbar, dass KI das in sehr kurzer Zeit gedreht hat. Wir erleben einen Anstieg von Apathie, Polarisierung und Perspektivlosigkeit.
DisruptHaben Arbeitnehmer zurecht Angst vor KI?
07.08.2026 Abspielen 40:54Wie wird sich diese Entwicklung auf unsere Gesellschaft und die Demokratie auswirken?
Wir können es nicht genau voraussagen. Aber wenn wirklich eine signifikante Zahl von Jugendlichen mit höheren Ausbildungen bald keine Jobs mehr findet, dann haben wir es mit einem neuen, gefährlichen Phänomen zu tun. Dann haben wir eine neue Masse an Menschen mit tatsächlichen Abstiegserfahrungen. Davon werden die politischen Ränder massiv profitieren.

Mathias Albert: Jugendforscher und Politikwissenschaftler an der Universität Bielefeld. Foto: PR
Weil populistische Parteien diese Ängste zu nutzen wissen?
Ja. Hinzu kommt: Richtige soziale Abstiegserfahrungen sind etwas ganz anderes als Abstiegsängste, wie sie etwa ältere AfD-Wähler haben. Die wohnen sicher in ihrem Eigenheim, aber gefühlt wird vieles schlechter. Das Geschäft im Dorf ist weg, die Kneipe ist weg. Nun könnte aber ein junger Mensch sagen: Ich habe Abitur gemacht, ich habe studiert, und jetzt finde ich tatsächlich keinen Job. Bisher war die Erwartung, dass ein Studium zumindest eine berufliche Perspektive eröffnet. Wenn diese Erwartung in größerem Umfang enttäuscht wird, entsteht erheblicher politischer Sprengstoff.
Mathias Albert
Mathias Albert ist seit 2010 für die deutsche Shell-Jugendstudie mitverantwortlich. Die empirische Untersuchung, die vom Mineralölkonzern Shell herausgegeben wird, befragt in unregelmäßigem Abstand Jugendliche im Alter von zwölf bis 25 Jahren. Erhoben werden unter anderem politisches Interesse und Einstellung, Sorgen und Zukunftsperspektiven der Jugend.
Seit 2000 ist Albert Professor für Politikwissenschaft an der Universität Bielefeld. Neben der Jugendforschung beschäftigt er sich mit internationalen Beziehungen, insbesondere mit Konfliktforschung und der Geopolitik der Polarregionen. 2026 erschien sein jüngstes Buch zu Exploration, Governance und Infrastrukturen in den Polarregionen im universitätseigenen Verlag.
Warum profitiert davon genau die AfD?
Schon jetzt wählen jüngere Menschen öfter die politischen Ränder, junge Männer vor allem rechts, junge Frauen vor allem links. Das hängt auch damit zusammen, dass die AfD, aber auch die Linke, auf Social Media top performen. Die anderen haben große Schwierigkeiten, Jugendliche über diese Kanäle wirksam anzusprechen. Damit finden sie aber in deren Lebenswelten, in deren Filterblasen, kaum statt. Dazu kommt, dass es den etablierten Parteien gerade nur schwer gelingt, eine positive Zukunftserzählung zu vermitteln. Die ist aber vor allem für die jüngere Generation wichtig.
Ist damit die politische Radikalisierung auch ein Symptom dafür, dass eine Gesellschaft jungen Menschen keine überzeugende Zukunftserzählung mehr anbieten kann?
Mit Sicherheit. Diese Erzählung kann aber nicht nur eine Modernisierungserzählung sein – nach dem Motto: mehr Wirtschaftswachstum, ökologisch oder nicht. Es muss eine verschiedene gesellschaftliche und Lebensbereiche umfassende Erzählung sein, die Jugendlichen Perspektiven bietet und sagt: Wir schaffen hier etwas Neues.

Editorial
Nach seinem Urlaub sollte Friedrich Merz diese 159 Seiten lesen
Martin KnobbeErklärt ein Mangel an solch einer Zukunftserzählung auch die generelle Politikverdrossenheit?
Die sogenannte Politikverdrossenheit gibt es so nicht. Wir haben in der Shell-Jugendstudie ein hohes Maß an politischem Interesse festgestellt. Was es gibt, ist eine Parteienverdrossenheit, weil die Gen Z sagt: Wir werden von der Politik nicht ernst genommen. Das kann man ihnen auch nicht verübeln, wenn man sich politische Entscheidungen ansieht.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Man schaue nur auf das Timing und die Art und Weise, wie über die Wiedereinführung der Wehrpflicht geredet wurde. Die jungen Menschen haben gerade die Lockdowns der Coronazeit hinter sich, und schon sind sie mit der allgemeinen Dienstpflicht konfrontiert. Das ist keine empathische Politik für junge Menschen.
Und beim Thema KI, wie müsste die Politik da vorgehen?
Zunächst müsste sie das Problem in dieser Schärfe wahrnehmen. Aber gerade mit Blick auf die Zukunftsaussichten der Jugendlichen hat die Politik den disruptiven Effekt von KI nicht erkannt. Dieser kommt für mich aber relativ deutlich auf uns zu. Und selbst wenn es am Ende nicht so schlimm kommen sollte: Die Verunsicherung ist bereits da und muss aufgefangen werden.
Es braucht bessere Bildungsangebote und eine klare Orientierung.
Und unser Bildungssystem, bereitet das die Jugendlichen ausreichend auf diese Umwälzungen vor?
Nein, die Schulen sind nicht darauf vorbereitet, und die Lehrer wissen nicht, wie sie mit KI umgehen sollen. Wenn ich mich daran erinnere, wie lange die Schulen während der Lockdowns gebraucht haben, um halbwegs auf Distanzunterricht umzustellen, war das schon ein Trauerspiel. Bei einer so grundlegenden Umwälzung ist es nicht einfacher.
Was müsste konkret passieren?
Es braucht bessere Bildungsangebote und eine klare Orientierung: Was ist erlaubt, was ist sinnvoll, welche Kompetenzen werden künftig gebraucht? Jugendliche stellen sehr konkrete und massive Anforderungen an Schulen und Universitäten. Sie wollen wissen, wie sie mit sozialen Medien, Fake News und nun mit KI umgehen sollen. Eine einzelne engagierte Lehrkraft kann dabei viel leisten, aber die meisten können Jugendliche nicht unterstützen, solange sie selbst keine Möglichkeit hatten, sich damit auseinanderzusetzen.

Handynutzung
Warum diskutieren wir neue Social-Media-Wege nur für Kinder?
Helfen Regulierungen wie ein Social-Media-Verbot?
Grundsätzlich muss man da sehr vorsichtig sein, weil ein Social-Media-Verbot auch bei Minderjährigen Freiheitsrechte beschneidet. Für unter Zwölfjährige würde ich es aufgrund der Studienlage befürworten. Noch wichtiger aber: Man sollte Jugendliche in ihrem Umgang mit Social Media unterstützen. Die größte Gefahr ist, dass soziale Medien Bestätigung in immer engeren Bubbles liefern und Differenzerfahrungen reduzieren können. Das verstärkt Ängste und Radikalisierung. Deshalb brauchen wir wieder mehr Jugendzentren.
Mehr Jugendzentren?
Das mag zunächst etwas plump erscheinen, aber diese physischen Orte der Begegnung sind vielerorts weg – besonders auf dem Land. Es gibt keine Dorfwirtschaft mehr, wo man sich treffen kann, kaum noch Jugendzentren. Das ist in Zeiten von KI fatal.
Verwandte Themen
AfDShellChatGPT
Universität BielefeldWeil Jugendliche sonst nur mehr ChatGPT um Rat fragen?
Das könnte durchaus passieren. Die Politik fragt oft, wie sie Jugendliche an sich binden kann. Die wichtigere Frage ist meiner Meinung nach: Wie können wir Jugendlichen Begegnungen ermöglichen, die nicht darin bestehen, sich nur noch mit Chatbots auszutauschen, sondern sich zu treffen und etwas Sinnvolles zu tun?
Herr Albert, vielen Dank für das Interview.
Erstpublikation: 26.08.2026, 19:49 Uhr.