Popjournalismus in Deutschland: Wo die Coolness zuhause war

Stand: 01.09.2026, 14:21 Uhr

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Auf dem Festival für 50 Jahre „Musikexpress“.

Auf dem Festival für 50 Jahre „Musikexpress“. © Imago Images

In „Gegenwart machen“ wird die Blütezeit des deutschen Popjournalismus in Szene gesetzt.

Als der Sprachlehrer Wolf Schneider seinen Zeigefinger reckt und „Weg mit den Adjektiven!“, gar „Weg mit den Marotten!“ ruft, hat Wolfgang Welt nicht aufgepasst. „Deutsch für Profis“ ist keine Richtschnur für den Ruhrpott-Solitär, der schreibend lieber eigenen Geboten folgt: „Ich hab die Kassette bislang nur über meinen Walkman (den billigen von Tchibo: deleted) gehört, vor allem nachts beim Nachhausetorkeln.“ So die Einleitung zu einer Alan-Vega-Besprechung.

Das Buch

Erika Thomalla: Gegenwart machen. Eine Oral History des Popjournalismus. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2026. 256 S., 36 Euro.

Kurz darauf wird er den aufstrebenden Musikanten Heinz Rudolf Kunze im „Musikexpress“ als „eine Art singenden Erhard Eppler“ bloßstellen – was ohne empörte Zwischenrufe nicht zu haben ist. Die von Welt im Herbst 1977 selbst gestellte Frage „Wo gibt’s die deutschen Rockschreiber?“ ist damit eindrucksvoll beantwortet. – Merkwürdigerweise wird Wolfgang Welt in dem Buch „Gegenwart machen“ an keiner Stelle erwähnt. In der von Erika Thomalla kuratierten „Oral History des Popjournalismus“ tummeln sich ansonsten die mehr oder minder aktiven Akteurinnen und Akteure eines Medienzeitalters, das zwischen dem Ende der 1970er Jahre und dem Beginn des folgenden Jahrtausends erblühte.

Die in München lehrende Kulturwissenschaftlerin hat rund 90 Interviews geführt, nach Themenfeldern sortiert, einzelne Passagen zu Kapiteln geordnet. Triumph und Niedergang einer deutschen Zeitschriftenszene in ausgewählten Beispielen: „Mode & Verzweiflung“, „Elaste“ und „Tempo“, „Titanic“ und „SZ-Magazin“, schließlich die prägenden „Sounds“ und „Spex“. Das Verzeichnis der Interviewten streckt sich über sechs zweispaltig bedruckte Seiten. Von Johanna Adorján über Christoph Gurk und Thomas Meinecke zu Hans Zippert. Namhafte und Vergessene, Eiferer und Davongekommene. Eine bunte, mittlerweile ins Pensionsalter entrückte Gesellschaft.

Ausgehend von den im Dunstkreis der autonomen Linken entstehenden Stadt- und Szenemagazinen – der Frankfurter Pflasterstrand als ein Titel unter Hunderten – entwickelt sich ein „neuer Sound“, der sich als Gegenklang zu einer „normierten“ Nachkriegswelt begreift. Was – auch im Gefolge des Punk-Ausbruchs – anhebt, ist ein Schreiben, das keinen Wert legt auf „Objektivität“ oder die „Ideologie der Authentizität“, sich stattdessen mit einem ironischen Do-it-yourself-Gestus wappnet. Ins Zentrum rückt die zuvor im BRD-Journalismus „nicht erlaubte“ Ich-Perspektive, die ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Eine Soul-Asylum-Scheibe wird beispielsweise für Clara Drechsler zu einer körperlichen Herausforderung: „Ich habe die jetzt so oft gehört, dass ich gleich kotzen muss.“

Anfang der 80er ist das aus dem Geist des amerikanischen New Journalism entsprungene Rock-Medium „Sounds“ an sein Ende gekommen, der vorherrschende Stil zum „Jargon“ erstarrt. Eine junge Schreibergeneration will weg von den Wünschen altgewordener „Jeansjacken-Hippies“. Weg auch von Titelbildern, auf denen die leicht bekleidete Runaways-Sängerin von der Zeile „Fünf feuchte Träume für Herren von 8 bis 80 – L.A. Lolitas“ flankiert ist. Wer anderes möchte, landet schließlich unter dem Dach von „Spex“, deren Werdegang in „Gegenwart machen“ ansehnlich dokumentiert ist. Ein Plus, mit dem etliche andere Kapitel – in denen sich zuweilen die Eitelkeiten häufen – nicht aufwarten können.

Was von der ehemaligen „Spex“-Gesellschaft berichtet wird, sind Sagen aus einer Zeit dunkel glühender Romantik. Noch geschieht die Herstellung des Heftes analog, wird geklebt und geschnitten, noch sind alle „gleichberechtigte Selbstausbeuter“. Heimat ist die Redaktion, der Arbeitstag wird in die Nacht verlängert, ausgedehnt in Bierstuben und Konzerthallen. Bloße Belustigung jedoch ist verboten. Der Mix macht’s, wie Kiepenheuer-Mann Helge Malchow zu Protokoll gibt: „Popjournalistisches Nerd-Wissen, avancierte postmoderne Theorie und spätmarxistische Kulturkritik.“

Die Kreativität geht mit dem Mauerfall

Lassen wir Johanna Adorján ergänzen: „Was cool ist und was nicht, das war damals eine wichtige Frage. Codes waren wichtig.“ Wer textet, ist ebenfalls immens bedeutend. In „Plattenspieler“, einem willkommenen Gesprächs- und Ergänzungsbuch von 2005, sagt der Autor und Moderator Klaus Walter: „Das war der Zeitpunkt, wo zum ersten Mal auch Schreiber zu Stars wurden, in Deutschland.“

Clara Drechsler, deren Passagen zum Besten in dem reichhaltig bebilderten „Gegenwart machen“ zählen: „Der Text wollte selbst eine Kunstform sein.“ Habitus und Ästhetik ersetzen Analyse oder Service. Phantasie ist gefragt, der „Mut zur Ungerechtigkeit“. „Natürlich“, schreibt Drechsler in der letzten „Spex“-Ausgabe vom Januar 2019, „gibt es dann Probleme mit so etwas wie Objektivität. Aber was ist objektiv? Was sind Tatsachen?“ – Noch etwas Romantik und Unterfütterung gefällig? Bitteschön. „Man ging durch eine kalte, dunkle, immer regnerische Scheißstadt und traf sich in Kneipen, um Punkrock zu hören. Man wollte sich nicht mit möglichst vielen Menschen verbrüdern oder in friedlichen Begegnungsräumen treffen. Sondern noch innerhalb dieser kleinen verschworenen Gemeinschaft wollte man sich streiten und bekriegen. Gerade das war das Produktive.“

Kreativer Streit und Produktion bröckeln mit dem Mauerfall. Ein aufkommender „Bausparkassen-Journalismus“ entbehrt jeder Leichtigkeit, treibt eine „Akademisierung“ der Inhalte voran. Es sind die 2000er Jahre, und die deutsche Alternativ-Presse verlässt peu à peu die Regale. Underground ade. Dass es ökonomisch nicht mehr funktioniert, wird hier nicht verschwiegen. Zeitungskrise, Anzeigenkrise, Journalismuskrise.

Die grauen Seiten der Verhältnisse thematisiert Erika Thomalla durchaus. Miese Bezahlung, fehlende Arbeitsverträge und Sozialleistungen sind an der Tagesordnung. Um Brot und Bier auf dem Tisch zu haben, werden die kurz zuvor besprochenen – bedichteten? – Tonträger an durchreisende Plattenhändler verkauft. Dass in der Historie des deutschen Popjournalismus nur sehr wenige Frauen und kaum Personen mit „migrantischem Hintergrund“ eine Rolle spielen, ist ebenfalls kein Ruhmesblatt.

„Der Popjournalismus ist leider mausetot“, urteilt Lothar Gorris auf Seite 243 mit einem Seufzer. – Mausetot, echt?