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Die schweizerisch-argentinischen Farmer Kurt und Christian Zweifel glaubten schon früh an Javier Mileis Reformkurs. Zweieinhalb Jahre später sind sie noch überzeugter vom libertären Präsidenten.
Als ich vor gut zwei Jahren das erste Mal mit Kurt und Christian Zweifel sprach, war Javier Milei gerade einmal sechs Monate Präsident Argentiniens. «Der Unterschied zwischen einem Verrückten und einem Genie ist der Erfolg», sagte Kurt Zweifel damals über Milei. Heute, zweieinhalb Jahre nach dessen Amtsantritt, sind Vater und Sohn noch überzeugter von dem Libertären als damals.
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Die Zweifels sind Argentinier und Schweizer zugleich. Kurt Zweifel kam als Zweijähriger nach Argentinien. Sein Vater war vom Schweizer Getreidehändler André & Cie. nach Buenos Aires entsandt worden. Kurt studierte später Ingenieurwesen an der ETH Zürich und arbeitete für den Schweizer Maschinenbauer Sulzer in Osteuropa, Russland und lange in den USA.
Sein Sohn Christian wuchs in Buenos Aires auf und besuchte die Universität in den USA. Danach arbeitete er in der Finanzbranche, zuletzt für die UBS in Genf. Dann kehrte er nach Argentinien zurück und übernahm das operative Geschäft der Familienfarm «La Maria Luisa». Dort lebt er mit seiner Frau und seinen drei Töchtern.

Christian Zweifel an einem Tor seiner Ranch «La Maria Luisa» in der argentinischen Provinz Buenos Aires.

Die Ranch der Zweifels liegt nahe der Provinzstadt Trenque Lauquen, 450 Kilometer westlich von Buenos Aires.
Der Hof liegt bei Trenque Lauquen, rund fünf Autostunden westlich von Buenos Aires, er ist seit hundert Jahren in Familienbesitz. Die Zweifels bewirtschaften dort rund 3000 Hektaren mit Mais, Soja und Weizen und halten etwa 500 Rinder.
Frage: NZZ am Sonntag: Vor zwei Jahren glaubten Sie beide, Milei könne die Wende für Argentinien bringen. Hat Milei Ihre Erwartungen erfüllt?
Antwort: Kurt Zweifel: Eigentlich bin ich heute noch überzeugter von ihm als damals. Er ist die Rettung für dieses Land. Wenn Milei nächstes Jahr nicht wiedergewählt wird, kehren wir zum Desaster zurück.
Antwort: Christian Zweifel: Mir geht es ähnlich. Ich habe Milei in der ersten Runde gar nicht gewählt. Erst in der Stichwahl habe ich für ihn gestimmt. Heute sage ich: Das war die beste Stimme, die ich je abgegeben habe.
Frage: Stört Sie nicht seine aggressive Art, mit der er politische Gegner und Medien behandelt?
Antwort: Kurt Zweifel: Mich stört seine Schimpferei, klar. Aber ich schaue eher auf das Ergebnis als auf die Form. Vielleicht müsste er manchmal etwas flexibler sein.
Frage: Was hat sich unter Milei geändert?
Antwort: Kurt Zweifel: Die Argentinier haben aufgehört, ständig über Inflation, Wechselkurs und Dollarkäufe zu sprechen. Das haben wir viele Jahrzehnte täglich gemacht. Jetzt drehen sich die Sorgen um andere Dinge: Wirtschaftswachstum, Beschäftigung. Das sind, wenn man so will, gesündere Sorgen.
Frage: Die makroökonomische Stabilisierung ist aber längst nicht bei allen Argentiniern angekommen. Industrie, Bau und Teile des Handels leiden weiterhin. Erleben Sie heute zwei verschiedene Argentinien?
Antwort: Christian Zweifel: Ja. Ich habe zum Beispiel einen Freund, der hochwertige Fenster und Türen verkauft. Seit zwei Jahren verkauft er praktisch nichts mehr. Er schlägt sich durch und versucht, sich neu zu erfinden. Er hat Milei gewählt und ist natürlich nicht glücklich mit ihm, weil die Baubranche stagniert. Aber er sagt, er würde Milei wieder wählen, wenn er an die Zukunft seiner Kinder und des Landes denke.
Antwort: Kurt Zweifel: Das Problem ist, dass Argentinien sich gerade öffnet, während sich die Welt eher abschottet. Dadurch kommen sehr viele chinesische Produkte ins Land. Ein argentinisches KMU, das vielleicht tausend Stück eines Produkts herstellt, konkurriert plötzlich mit einer chinesischen Fabrik, die hunderttausend produziert.
Für 2026 rechnen Ökonomen mit rund zwei Prozent Wirtschaftswachstum. Die Inflation dürfte bis zum Jahresende auf etwa 25 Prozent sinken, während die Arbeitslosigkeit mit rund 7,5 Prozent relativ hoch bleibt. Für 2027 erwartet der IWF wieder ein stärkeres Wachstum von rund vier Prozent und einen weiteren Rückgang der Inflation auf etwa 12,5 Prozent zum Jahresende.
Antwort: Christian Zweifel: Man muss aber auch die andere Seite sehen. Diese Unternehmen waren jahrzehntelang geschützt. Manche konnten schlechte Produkte zu Preisen verkaufen, die höher waren als die für bessere Produkte aus dem Ausland. Jetzt müssen sie effizienter werden.

Die Zweifels halten auf ihrer Ranch etwa 500 Rinder.

«Die beste Stimme, die ich je abgegeben habe": Christian Zweifel hat bei der Stichwahl im November 2023 sein Kreuz bei Milei gemacht.
Frage: Sie erleben diesen Strukturwandel aus einer privilegierten Perspektive. Der Landwirtschaft geht es gerade besonders gut.
Antwort: Kurt Zweifel: Unsere Ergebnisse sind positiv, obwohl unsere Kosten, vor allem für Diesel und Dünger, um fast 40 Prozent gestiegen sind. Gleichzeitig sind aber auch die Preise unserer Produkte stark gestiegen. Sonnenblumen sind heute etwa 50 Prozent mehr wert als vor einem Jahr, Weizen 35 Prozent, Soja 30 Prozent und Mais 20 Prozent. Wir haben den Vorteil, dass unsere Ländereien seit langem in Familienbesitz sind. Wenn wir den Wert des Bodens nicht berücksichtigen, liegt unsere Rendite derzeit bei ungefähr 30 Prozent nach Steuern.
Frage: Bei 30 Prozent Rendite könnte man allerdings sagen: Natürlich sind Sie von Milei überzeugt – Sie gehören zu den Gewinnern seiner Politik.
Antwort: Christian Zweifel: Als Unternehmer haben wir unter der Regierung von Cristina Fernández de Kirchner teilweise mehr Geld verdient als unter Milei. Wir haben zum Beispiel einen neuen Mähdrescher mit einem fünfjährigen Kredit zu einem festen Zinssatz gekauft. Durch die Inflation ist die letzte Rate, die wir gerade zahlen, weniger wert als eine Tankfüllung.
Antwort: Kurt Zweifel: Wer ein Unternehmen, Ersparnisse und Zugang zu Krediten hatte, konnte mit der Kirchner-Regierung durchaus Geld verdienen. Am härtesten traf die Inflation die Armen. Für sie war sie eine Steuer.
Schweizer Auswanderer gehörten im 19. Jahrhundert zu den Pionieren der argentinischen Landwirtschaft. Noch heute werden Farmern mit Schweizer Pässen rund 850 000 Hektaren Agrarland zugerechnet. Damit gehören sie zu den grössten ausländischen Investoren in der argentinischen Landwirtschaft. Schweizer wie Donald Hess und Dieter Meier investierten vor allem in Wein, Familien wie die Zweifels dagegen in Getreide und Viehzucht, andere Schweizer züchten Schafe in Patagonien. Wohlhabende Schweizer Familien besitzen in Argentinien Farmen als Kapitalanlage.
Antwort: Kurt Zweifel: Gutes Ackerland kostet hier immer noch ungefähr 10 000 Dollar pro Hektare. In Brasilien sind es etwa 20 000 Dollar, in den USA 40 000 Dollar. Wer heute Agrarland in Argentinien kauft, kann nach Steuern ungefähr vier Prozent Rendite in Dollar erzielen. Dazu kommt die Möglichkeit, dass der Boden selbst an Wert gewinnt.

Christian Zweifel schaut nach den Maiskörnern, die er zwei Tage zuvor auf seinen Feldern gesät hat.

Der Preis für Mais hat in Argentinien seit Juni – dem Beginn des meteorologischen Winters auf der Südhalbkugel – deutlich angezogen.
Frage: Was hat sich auf Ihrer Farm unter Milei im Alltag verändert?
Antwort: Christian Zweifel: Wir achten heute viel stärker auf die Kosten. Früher waren Strom, Wasser, Benzin oder Diesel subventioniert. Die Preise waren eine Fiktion. Als Unternehmer konnte man sagen: Ungefähr wird es schon passen. Jetzt funktioniert das nicht mehr. Die Unternehmen müssen effizienter werden.
Frage: Ist auch die Korruption zurückgegangen?
Antwort: Kurt Zweifel: Nach meinem Eindruck deutlich. Milei findet allerdings immer noch überall krumme Geschäfte. Es gab so viel Korruption, dass man das nicht von einem Tag auf den anderen aufräumen kann. Aber ich sehe heute weniger Korruption.
Frage: Vor zwei Jahren haben Sie gesagt, Milei wolle nicht nur die Wirtschaft reformieren, sondern die Kultur eines Landes verändern. Ist dieser Kulturwandel eingetreten?
Antwort: Christian Zweifel: Er beginnt, aber er wird sehr lange dauern. Im Staat hat sich einiges geändert. Ein kleines Beispiel: Wir haben gerade einen Pick-up-Truck gekauft. Die Formalitäten für die Zulassung und viel von der Bürokratie, die es früher gab, sind verschwunden. Heute ist das sehr einfach. Man merkt langsam, dass Dinge anders funktionieren können. Aber ein Kulturwandel braucht viel länger als eine wirtschaftspolitische Reform.
Antwort: Kurt Zweifel: Vor zwei Jahren war Mileis Ansatz eher wirtschaftlich, libertär. Heute nehme ich bei ihm stärker eine andere Färbung wahr: die Betonung westlicher und christlicher Werte, seine Haltung gegen Abtreibung und andere gesellschaftspolitische Positionen der Rechten. Ein bisschen wie Meloni oder Trump. Das stört mich aber nicht.
In Argentinien allerdings hat Milei an Popularität verloren. In einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Poliarquía lehnen 57 Prozent seine Regierung ab. Für die Präsidentschaftswahl 2027 ist das Rennen dennoch offen. Im Duell mit Axel Kicillof, dem peronistischen Gouverneur der Provinz Buenos Aires, liegen beide in den jüngsten Umfragen weitgehend gleichauf. Milei setzt darauf, dass sich die Wirtschaft weiter erholt und die Wähler seine Reformen nicht aufs Spiel setzen wollen.

Ein Teil des Familienhauses der Zweifels auf der Ranch. Das Land ist seit 100 Jahren im Besitz der Familie.

Christian Zweifel in seinem Büro auf der Ranch. Er glaubt an die Zukunft Argentiniens.
Frage: Milei hat Argentinien sehr eng an Donald Trump und die USA gebunden. Ist das nicht ein Risiko?
Antwort: Christian Zweifel: Für mich ist die Nähe zu den USA grundsätzlich gut. Ich bin sehr proamerikanisch und habe zwölf Jahre in den Vereinigten Staaten gelebt. Man muss bei Trump allerdings aufpassen, dass er Argentinien geopolitisch nicht zu sehr vereinnahmt. Etwa wenn es um militärische Präsenz geht.
Frage: Gleichzeitig ist China für Argentinien ein enorm wichtiger Handelspartner. Milei wollte anfangs keine Geschäfte mit kommunistischen Staaten machen.
Antwort: Kurt Zweifel: Das hat sich geändert. Milei hat bald eingesehen, dass das Unsinn war. Natürlich kann Argentinien den Handel mit China nicht abbrechen.
Während die Farmer Kurt und Christian Zweifel auf die weitere Öffnung Argentiniens setzen, fürchten ihre Berufskollegen in der alten Heimat diese Konkurrenz: Die EU hat gerade den Markt für brasilianische Fleischimporte geschlossen. Das Schweizer Parlament billigte erst kürzlich das Freihandelsabkommen mit dem Mercosur. Das war nur möglich wegen eines 517-Millionen-Franken-Pakets zum Schutz der Schweizer Landwirtschaft.
Frage: Entfernt sich Argentinien mit Milei von Europa?
Antwort: Kurt Zweifel: Argentinien war traditionell stark auf Europa ausgerichtet. Heute orientiert es sich eindeutig stärker an den Vereinigten Staaten. Das sieht man beispielsweise auch bei den Rüstungskäufen. Gleichzeitig bleibt Europa aber wirtschaftlich wichtig. Jetzt gibt es das Mercosur-Abkommen, und Europa ist auch an argentinischer Energie interessiert.
Frage: Viele Argentinier kaufen weiterhin Dollar, weil sie Mileis wirtschaftlicher Wende noch nicht trauen. Wie ist das bei Ihnen?
Antwort: Christian Zweifel: Ich habe alle meine persönlichen Ersparnisse ins Land geholt und in Argentinien investiert. Die Zeit wird zeigen, ob ich recht habe. Aber heute in Aktien des Ölkonzerns YPF zu investieren, ist für mich vergleichbar damit, 1920 Coca-Cola-Aktien zu kaufen.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»




