Provokationen aus Russland: General schlägt härtere Nato-Reaktionen vor

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Polnischer General über russische Provokationen gegen Nato-Länder: «Was uns fehlt, ist eine gemeinsame harte Antwort»

Putin teste die Grenzen jedes einzelnen Nato-Staats, sagt Jaroslaw Gromadzinski. Er beschreibt das Drehbuch des russischen Präsidenten für den hybriden Krieg und erklärt, wie dieser die Schwächen der westlichen Demokratie für seine Zwecke missbraucht.

Paul Flückiger27.09.2026, 05.30 Uhr

5 Leseminuten


Ein ukrainischer Soldat hält Wache an der Küste des Schwarzen Meeres.

Ein ukrainischer Soldat hält Wache an der Küste des Schwarzen Meeres.

Johanna Maria Fritz für NZZaS

Frage: Polens Aussenminister Radoslaw Sikorski hat gerade in seiner Rede vor der Uno in New York vor «einer grossen Aktion» Russlands gegen den Westen noch in diesem Jahr gewarnt und harte Gegenmassnahmen angemahnt. Wie sieht das aus militärischer Perspektive aus?

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Antwort: Jaroslaw Gromadzinski: Niemand weiss, wann Russland was genau unternimmt. Wichtig ist aber die Abschreckung, und hier stimme ich Sikorskis Äusserungen zu. Wir müssen Russland zeigen, dass wir nicht auf den Knien sind, sondern aufrecht stehen und uns verteidigen können. Diese Rhetorik sollte in ganz Westeuropa und Amerika dieselbe sein. Leider aber verhält sich der Westen Russland gegenüber unterwürfig.

Zur Person

Wikimedia; CC BY-SA 4.0

Jaroslaw Gromadzinski

Der 55-Jährige ist Generalleutnant der polnischen Armee und war zuletzt Kommandant des Eurokorps in Strassburg. 2024 wurde er auf Betreiben der neu gewählten polnischen Regierung abberufen und 2025 in den Ruhestand versetzt. Gromadzinski ist seither Vorsitzender des Defence Institute in Warschau.

Frage: Welches Ziel verfolgt Russland im Westen?

Antwort: Russland kennt die Schwäche des Westens: Demokratie und vor allem Wahlen, die Machtverschiebungen erlauben. Darauf nimmt Moskau mittels hybrider Kriegsführung Einfluss. Es geht Moskau darum, die Gesellschaft zum Druck auf die Politik zu verleiten. Russlands Ziel ist eine Verunsicherung und damit einhergehend die Zerstörung des Vertrauens der Bürger in die eigene Regierung.

Frage: Dieser hybride Krieg wird in letzter Zeit immer intensiver.

Antwort: Ja, es gibt immer mehr Terrorakte, Sabotage und Diversion. Erst vor zwei Tagen gab es in Polen eine Brandstiftung bei der Starlink-Zentrale für ganz Mitteleuropa. In Tschechien, der Slowakei, Estland und auch Polen brannten Rüstungsfirmen. In Deutschland tauchen Drohnen auf, ein Kraftwerk wurde angegriffen. Bei diesen hybriden, informellen Attacken unter dem Level eines offenen, bewaffneten Konfliktes geht es darum, die Gesellschaft zu verunsichern. Das wirkt sich auf die Politik aus. In Polen führte dies zu höheren Verteidigungsausgaben und zur Anschaffung moderner Kriegstechnik, vor allem auch von Raketen, die weit bis nach Russland reichen. Das Ziel sind 2000 Kilometer. Dies muss Russland abschrecken, zumal die Ukraine im Jahr 2022 über keine solche Waffen verfügte. Aber die militärische Abschreckung verhindert keine hybride Kriegsführung. Denn Destabilisierung ist seit Jahrzehnten der Kern der russischen Aussenpolitik.

Frage: Was kann der Westen dagegen unternehmen?

Antwort: Russlands stärkste Waffe ist heute das Internet, vor allem die Internetmedien. Russische Troll-Farmen stimulieren dort Trends. Der heutige Bürger ist sehr anfällig für Desinformationen, die den Sabotageakten folgen. Russland erklärt via traditionelle und neue Medien, dass die Regierungen unfähig seien. Und was macht der Westen? Er bekämpft die Desinformation mit Richtigstellungen, aber er spricht nicht zu den Russen, klärt sie nicht auf. Im Kalten Krieg gab es noch Radio Free Europe, das auf Russisch in die Sowjetunion sendete. Heute gibt es nichts dergleichen. Und dies wäre wieder bitter nötig. Doch der Westen spricht heute nur mit Putin. Der jedoch hört seit zwanzig Jahren nicht zu. Das ist eine grosse Schwäche des Westens.

«Leider verhält sich der Westen Russland gegenüber unterwürfig.»

Frage: Wie organisiert Russland die Sabotageakte in europäischen Ländern, wo es anders als im Baltikum keine russische Minderheit gibt?

Antwort: Die meisten Sabotageakte werden von Nichtrussen ausgeführt, in Polen sind es viele Ukrainer und Weissrussen. Sie tun es nicht aus politischen oder ideologischen Gründen, sondern um Geld zu verdienen. Ostukrainer werden auch erpresst mit Familienangehörigen in den besetzten Gebieten, denen etwas Böses passieren könnte, falls sie einen Auftrag nicht ausführen. Dazu braucht es keine Führungsoffiziere oder Geheimdienstler vor Ort, es genügt das Internet. Dies erschwert auch den Kampf dagegen, denn es gibt keine politischen Gruppe wie früher, die man unterwandern könnte, stattdessen sind die Täter «einsame Wölfe» mit ökonomischen Problemen.

Frage: Ist Russlands Ziel, wie Sie sagen, wirklich nur Verunsicherung der Gesellschaft? Putin verfolgt doch bestimmt auch ein militärisches Ziel.

Antwort: Russland ist heute wirtschaftlich, finanziell und auch militärisch nicht in der Lage, einen offenen Krieg gegen Nato-Mitglieder zu führen. Europa alleine hat ein 20 Mal höheres Bruttoinlandprodukt als Russland, die Ukraine dagegen gerade einmal zehn Prozent der russischen Wirtschaftsleistung. Das sind ganz andere Grössenordnungen! Russland ist sich bewusst, dass es zuerst eine Wirtschaftsmacht werden müsste, deshalb überschreitet es die rote Linie nicht. Aber das bedeutet nicht, dass Russland nicht nach Eskalation strebt. Es testet deshalb gerade jedes einzelne Land, sucht überall die Grenzen. Drohnen fliegen mittlerweile über die Grenze nach Rumänien, Polen, Estland, Lettland und Litauen und wohl bald auch Finnland. Auch Kampfflugzeuge und Helikopter verletzten den Nato-Luftraum. Und solange es nur bei diplomatischen Noten und ewigen Diskussionen bleibt, werden sie weiterhin dorthin fliegen. Was uns dagegen fehlt, ist eine gemeinsame harte Antwort.

Frage: Wie sollte diese aussehen? Wollen Sie Drohnen und auch Flugzeuge, die den Luftraum verletzen, abschiessen? Wie am Donnerstag den russischen Helikopter?

Antwort: In letzter Konsequenz, ja. So wie die Türkei an der Grenze zu Syrien 2015 nach mehreren vergeblichen Warnungen einen russischen Su-24-Kampfjet abgeschossen hat, was ihr in den Augen Moskaus Respekt einbrachte. Aber vorher wären für uns heute vor allem wirtschaftliche Sanktionen angebracht wie etwa die Schliessung der Nato-Ostgrenze für eine bestimmte Zeit. Bei jeder nächsten Luftraumverletzung – die als russischer Mittelfinger gegen die Nato gelesen werden muss – sollte der wirtschaftliche Preis erhöht werden. Diese Konsequenzen kann man eskalieren lassen, dazu braucht es keine Geschosse. Ein Abschuss kann nur die allerletzte Stufe sein. Doch das Problem ist, dass in einem Bündnis wie der Nato zuerst alles diskutiert werden muss. Das verlangsamt die Reaktion. Dieser Schwäche ist sich Russland bewusst. Daher wird es eher zum Unfall, zum Beispiel einem Zusammenprall zweier Flugzeuge, als zu einem Abschuss kommen. Doch auch dies muss nicht zum Krieg führen, denn in Friedenszeiten spielen erst einmal Politik und Diplomatie die wichtigste Rolle. Krieg ist – nach Clausewitz – nur die Ultima Ratio.

Frage: In letzter Zeit gab es mehrere russische Angriffe in der Nähe der polnisch-ukrainischen Grenze. Müsste Polen diese Drohnen nicht bereits über der Ukraine abschiessen können?

Antwort: Nein, damit würden wir uns direkt in einen offenen militärischen Konflikt mit Russland begeben. Was sich jedoch verbessern muss, ist der Informationsaustausch Kiews mit Warschau über Drohnen und Raketen im ukrainischen Luftraum, damit die polnische Armee diese sofort abschiessen kann, sobald sie über die Grenze fliegen.

Frage: Das Baltikum und die sogenannte Suwalki-Lücke zwischen Polen und Litauen gelten als besonders gefährdet. Ist das so?

Antwort: Russland hat für jedes Nato-Land ein eigenes Drehbuch: In Lettland zum Beispiel versucht es, die grosse russische Minderheit gegen die Regierung aufzuwiegeln. Die Drohnen flogen im Mai dorthin, im Oktober wird gewählt. In Polen wird erst im Oktober 2027 gewählt, in Frankreich im April und in Estland Anfang März 2027. Russlands hybride Kriegsführung richtet sich auch nach dem Wahlkalender. An der Suwalki-Lücke sehe ich in diesem Moment kein Risiko.

Frage: Es geht Russland also nur darum, den Westen von der militärischen Hilfe für die Ukraine abzubringen?

Antwort: Genau dies zeigen die Sabotageakte in Deutschland. Zuerst waren es Internet-Kampagnen gegen die Ukraine, doch als Berlin die Hilfe für die Ukraine stattdessen verstärkte, folgten Anschläge.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

5 Kommentare

Mirco Schmid

vor 3 Stunden

Die grösste Gefahr von Russland geht im Informationsraum aus. Diesen nutzt es, um eine geschlossene Politik zu vermeiden. Ganz lässt sich das in einer Demokratie leider nicht vermeiden. Und Russland hat bei Parteien wie der AfD oder dem BSW auch Erfolge. Sie wissen genau, mit welchen Ängsten sie spielen müssen, welches Gefühl der Frustration sie bedienen müssen, um die Parteien zu untergraben, die sich für ein geschlossenes Europa einsetzen. Die Hauptgefahr ist nicht das Militär. Russland hat nicht genug Soldaten als das sie Europa erobern oder besetzen könnten. Es wäre wie ein ein Flusslauf, der in einer Wüste vergehen würde. Die Weite wie die zunehmend dichte Besiedlung immer tiefer im Westen sind nur mit einer Masse zu meistern, die Russland nicht aufbringen kann. Russland interessiert sich primär für die Staaten der ehemaligen Sowjetunion und wird versuchen, diese vom Rest von Europa zu trennen. Das beginnt politisch, wie jetzt. Sind sie allein, dann können militärische Schritte folgen. Wichtige wäre es, wenn Europa sich geostrategisch klar Positionieren würde. Es müsste ein Kompass sein, den alle Staaten unterstützen und nicht nur auf Russland ausgerichtet sein. Nur ist das extremschwierig. Denn Oppositionsparteien werden das sofort nutzten um sich zu profilieren. Warum? In der Innenpolitik gibt es aufgrund der desolaten Situation nur wenig, was sich reissen lässt. Die klammen Finanzen erlauben keine grossen Geschenke. Also greift man an, wo sich etwas bewegen lässt, dass einen wenig oder nichts kostet.

Vincent Kraeutler

vor 3 Stunden

"In letzter Zeit gab es mehrere russische Angriffe in der Nähe der polnisch-ukrainischen Grenze. Müsste Polen diese Drohnen nicht bereits über der Ukraine abschiessen können? Antwort:Nein, damit würden wir uns direkt in einen offenen militärischen Konflikt mit Russland begeben. " Naja, oder?

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