Christian Sewing: Deutsche-Bank-Chef sieht keine Krise am Anleihemarkt

Anfang September, wenn das „Handelsblatt“ in Frankfurt seinen Banken-gipfel veranstaltet, waren die Zeiten an den Kapitalmärkten schon einmal ruhiger. In diesem Jahr nicht. Die Renditen an den Anleihemärkten gehen durch die Decke, was heißt, die Kurse für die Schuldverschreibungen geben deutlich nach.

„Ich sehe hier persönlich noch keine explizite Krise. Aber der Spielraum von Staaten, bei künftigen Krisen gegenzusteuern, wird immer geringer. Und insgesamt müssen sich Staaten, Unternehmen und Investoren darauf einstellen, dass Kapital knapper, teurer und selektiver wird – in einer Zeit, in der enorme Investitionen in Transformation, Sicherheit und Wachstum nötig sind“, kommentierte Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing in seiner Eingangsrede das Marktgeschehen.

Gute und nachvollziehbare Gründe

Und mit seiner Meinung stand Sewing nicht allein. Auch der Vorstandsvorsitzende der niederländischen Großbank ING, Steven van Rijswijk, verneint Anzeichen einer Krise. Selbst Bafin-Präsident Mark Branson, der sonst kaum eine Gelegenheit auslässt, vor einer Überbewertung der Märkte zu warnen, gab sich gelassen. „Für den Renditeanstieg an den Anleihemärkten gibt es gute und auch nachvollziehbare Gründe.“ Besorgnis erwecke aber, dass das Misstrauen der Märkte gegenüber der Tragfähigkeit der Staatsverschuldung wachse. Franz von Metzler, Vorstand des Bankhauses Metzler, betonte, dass die Aktienmärkte einen guten Grund hätten, dazustehen, wo sie stehen. „Aktien sind fundamental unterstützt. Es gibt auch keine KI-Blase.“

Auch auf dem Bankengipfel waren die am Sonntag anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt ein großes Gesprächsthema. Erstmals könnte in einem Bundesland die AfD den Ministerpräsidenten stellen.  Sewing fand klare Worte: „Ich möchte klar sagen, was wirtschaftlich und gesellschaftlich auf dem Spiel steht. Populistische Parteien geben vor, einfache Antworten zu haben. Tatsächlich propagieren sie Konzepte, die den Grundlagen unseres Erfolgs entgegenstehen“, sagte Sewing. Es müsse klar benannt werden, wohin ein solcher Kurs führe. Abschottung, Nationalismus und das Schüren von Misstrauen lösten kein einziges unserer Probleme. Vielmehr schwäche all das den Standort, schrecke Investitionen und Fachkräfte ab und gefährde Wachstum.

Die AfD beim Namen nennend, sagte Cornelius Riese, der Vorstandsvorsitzende der genossenschaftlichen DZ Bank, „ich finde nichts, was mich mit ihr verbindet“. Riese erklärte auch, dass die Stimmung im Land mehr von kleinen Unternehmen beeinflusst werde als von Dax-Konzernen. Dabei räumte er ein, dass in den vergangenen 20 Jahren in der Politik falsche Entscheidungen getroffen habe. Beispielhaft nannte der DZ-Bank-Chef die Energiewende und die Abhängigkeit vom russischen Gas.

Orlopp will es nicht „vermasseln“

Und auch die anstehende Übernahme der Commerzbank durch die Unicredit war ein Thema des Bankengipfels. Die möglichen Profiteure brachten sich schon in Stellung, allen voran Deutsche-Bank-Chef Sewing. Auf eine entsprechende Frage sagte er: „Wenn nicht, haben wir etwas falsch gemacht.“ Auch DZ-Bank-Chef Riese sagte, dass sich sein Haus auf die Fusion vorbereite. Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp betonte indes, dass ihre Bank „die Avanzen der Wettbewerber noch abzuwehren“ weiß, auch wenn Unsicherheit ihre Wettbewerber erfreue.

Abermals warb Orlopp um freundliche Gespräche. „Es gibt Gespräche mit Unicredit, und wir sollten es tunlichst nicht vermasseln“, sagte Orlopp und fügte hinzu: „Es gilt aufzupassen, dass keine Wertvernichtung stattfindet.“ Was ihre eigene Zukunft angeht, sagte Orlopp: „Ich habe einen Vertrag bis 2029. Aber ein Vertrag macht nur Sinn, wenn die Vertrauensbasis mit dem Aufsichtsrat stimmt und man sich über die Strategie einig ist.“