Nepal-Szenario in den Alpen: Bei Bergsturz müsste die Bevölkerung fliehen – „Verhindern werden wir es nicht“

Stand: 03.09.2026, 20:10 Uhr

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In den Alpen ereignete sich einst ein Bergsturz, der deutlich größer war als der aktuelle im Himalaya. Dass es wieder dazu kommt, ist nicht ausgeschlossen.

München – Es kam ohne Vorwarnung: Am 7245 Meter hohen Langtang Lirung im Himalaya brach ein gigantischer Gletscher ab, löste einen Bergsturz aus – und wenige Minuten später raste eine Schlamm- und Wasserwand mit bis zu 180 Stundenkilometern durch die Täler Nepals. Über 1000 Menschen sind tot, mehr als 4000 werden noch immer vermisst. Und nun stellt sich die Frage, die viele in den Alpenländern lieber nicht hören wollen: Kann so etwas auch hier passieren?

Die Sturzflut hinterließ Verwüstung an der Grenze zwischen China und Nepal – denkbar sind derlei Ereignisse überall, wo es Gletscher und Berge gibt.

Die Sturzflut hinterließ Verwüstung an der Grenze zwischen China und Nepal – denkbar sind derlei Katastrophen fast überall, wo es Gletscher und Berge gibt. © XinHua/picture alliance/dpa/XinHua

Jens Turowski vom GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung erklärt Merkur.de von Ippen.Media, was Berge zusammenhält – und warum die Gefahr größer wird: „Permafrost, also das Eis im Boden, das über den Sommer nicht auftaut, hält die Berge wie ein Kleber zusammen. Schmilzt das Eis, kann das den Berg destabilisieren.“ In den Alpen liegt die Permafrostgrenze zwischen 2200 und 3000 Metern – und sie verschiebt sich durch den Klimawandel weiter nach oben.

Extremer Mechanismus wohl Ursache für Nepal-Katastrophe: Energie wie 1000 Tonnen TNT

Die Katastrophe in Nepal erklärt Turowski mit einem seltenen, aber extremen Mechanismus: Beim Abgang großer Fels-Eis-Massen kann durch Reibung so viel Wärme entstehen, dass Eis innerhalb von Minuten schmilzt und sich zur Sturzflut entwickelt. Zwar gibt es noch andere Mechanismen, die Sturzfluten auslösen können, am Langtang Lirung deutet aber alles auf die reibungsindizierte Schmelze als Ursache hin. „Andere Mechaniken sind nicht so schnell“, so Turowski. 

Das Ergebnis war im Himalaya verheerend: Etwa acht bis zehn Minuten nach der Rutschung erreichte das Wasser einen 20 Kilometer entfernten Grenzposten – es war mit 150 bis 180 km/h unterwegs. Das freigesetzte Energieäquivalent laut Turowskis Berechnung: rund 1000 Tonnen TNT. Das geschätzte Volumen der abgegangenen Masse: 350.000 bis 500.000 Kubikmeter.

Auch Berg in Bayern ist gefährdet: Acht Meter tiefer Spalt gräbt sich durch den Hochvogel

Auch in Bayern gibt es einen Berg, den Forscher mit Sorge beobachten. Am Hochvogel in den Allgäuer Alpen klafft direkt unterhalb des Gipfelkreuzes ein Spalt – 40 Meter lang, acht Meter tief, drei Meter breit. In den vergangenen fünf Jahren hat er sich um 30 Zentimeter vergrößert. Forscher der TU München messen jede Bewegung im Hundertstel-Millimeter-Bereich. Schätzungen zufolge könnten rund 260.000 Kubikmeter Geröll ins österreichische Hornbachtal abgehen.

Turowski benennt den Hochvogel als gefährdeten Berg in Bayern und betont: „Da passiert etwas, das aber auch intensiv beobachtet wird.“

Experten schließen Nepal-Szenario in den Alpen nicht aus – „aber die Bevölkerung kann geschützt werden“

Ein Nepal-Szenario in den Alpen? „Ein Ereignis dieser Größenordnung kann man in den Alpen nicht komplett ausschließen, aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr viel geringer“, sagt Turowski. Geomorphologe Jan Blöthe von der Universität Freiburg warnt bei Merkur.de ebenfalls: „Ähnliche Ereignisse können auch in den Alpen vorkommen.“ Ein Bergsturz in vergleichbarem Ausmaß ereignete sich zwar bereits in den Alpen, das ist jedoch lange her. 7496 Jahre v. Chr. gingen beim Flimser Bergsturz neun bis zwölf Kubikkilometer Masse ab.

Aber schon deutlich kleinere Mengen können enormen Schaden hinterlassen. Das Schweizer Dorf Blatten wurde im Mai 2025 durch einen Bergsturz von schätzungsweise bis zu neun Kubikmetern zu 90 Prozent zerstört – die Bevölkerung war rechtzeitig evakuiert worden. Genau darauf setzt Turowski: „Ereignisse der Größe wie im Himalaya würden sich mit Vorlauf ankündigen. Und die Alpen werden gut beobachtet. Verhindern werden wir diese Ereignisse nicht, sicher nicht. Aber die Bevölkerung kann geschützt und rechtzeitig evakuiert werden.“ Gerät ein Berg einmal ins Rutschen, hilft nur noch die rechtzeitige Flucht.

Gegenüber der Frankfurter Rundschau (ebenfalls von Ippen.Media) weist auch Holger Frey auf den Stellenwert der Früherkennung hin. „Heute haben wir Technologien, die es grundsätzlich ermöglichen, solche Ereignisse zu erkennen und vorherzusagen“, erklärt der Geologe vom wissenschaftlichen Expertennetzwerk GAPHAZ. „Die große ungelöste Herausforderung ist jedoch, dass wir normalerweise nicht wissen, wo wir suchen sollen.“ (Quellen: Jens Turowski/GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung, eigene Recherche, dpa) (moe)