Stand: 25.09.2026, 19:32 Uhr
Kommentare

Es geht um Mord und Blutrache: Ein Tötungsdelikt auf einer libanesischen Großhochzeit aus dem Jahr 2011 könnte Auslöser für neue Gewalttaten in Hamm sein.
Hamm – Die Zeit heilt offenbar nicht alle Wunden. Ein 15 Jahre zurückliegender Mord auf einer Hochzeitsfeier im Ruhrgebiet soll Auslöser für eine Bluttat sein, zu der es zu Wochenbeginn in Hamm gekommen war. Das bestätigt die Dortmunder Staatsanwältin Maribel Andersson auf Anfrage von WA.de. Es geht um Clan-Strukturen und um eine offenbar tief verfeindete Großfamilie aus dem Libanon.
Bei der Bluttat vom Montag, 21. September, waren in den frühen Abendstunden mehrere Dutzend Personen mit Baseballschlägern und Teleskopschlagstöcken aufeinander losgegangen. Ein 23-jähriger Mann aus Hamm war dabei auf dem Toom-Baumarkt-Parkplatz an der Dortmunder Straße niedergestochen und schwer verletzt worden. Rund 50 Personen folgten dem Schwerverletzten anschließend zum Krankenhaus, in das er mit einem RTW eingeliefert worden war.
Überraschende Wende: Flammt 15 Jahre alter Ehrenmord wieder auf?
Die Polizei war mit einem Großaufgebot an Kräften vor der Barbara-Klinik in Hamm im Einsatz. Dort kam es zu keinen weiteren Ausschreitungen. So weit die Personalien bekannt sind, soll es sich um in Deutschland geborene Personen mit libanesischem Hintergrund handeln. Die meisten von ihnen sollen einer Großfamilie zugehören. „Es gibt Hinweise auf Clanstrukturen“, sagte Staatsanwältin Maribel Andersson gegenüber WA.de.

Bei dem von ihr erwähnten Hochzeitsmord könnte es sich um einen Fall handeln, der sich im Juni 2011 zugetragen hat. Auf einer libanesischen Großhochzeit mit 700 bis 1 000 Gästen in Bottrop war es zu einer Massenschlägerei gekommen. Im Verlauf des Tumults wurde ein 32-jähriger Mann aus Gladbeck mit einem Messer erstochen. Auslöser waren offenbar vorangegangene Streitigkeiten um eine andere Heirat und Trennung innerhalb der Verwandtschaft. Ein weiterer 50-Jähriger aus Lünen wurde auf der Feier schwer verletzt. Wie in alten Zeitungen nachzulesen ist, hatte sich die Schwester des Todesopfers von einem der späteren Täter getrennt.
Dieser Mann aus Arnsberg-Neheim und dessen Bruder wurden vor dem Essener Landgericht im Juli 2012 wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Prozess gegen die zur Tatzeit 24 und Jahre alten Männer begann Ende 2011 und fand unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt. Es wurde befürchtet, dass die Hinterbliebenen des Todesopfers einen Killer beauftragt hätten, um die Angeklagten im Gerichtssaal zu erschießen.
Vater des Bottroper Mörders niedergestochen
Dazu kam es nicht, aber: Im Februar 2012 wurde der Vater des Bottroper Mörders in Bielefeld niedergestochen. Er überlebte nur knapp. Die Täter flüchteten. Der Vater des Bottroper Opfers sollte hinter dem Ehrenmord-Anschlag stecken. Ihm wurde im August 2012 in Bielefeld der Prozess gemacht. Er wurde im März 2014 wegen Anstiftung zum Mord zu drei Jahren Haft verurteilt.
Handelt es sich um den Bottrop-Fall, dann könnten einer oder mehrere Verurteilte aktuell ihre Haftzeit hinter sich haben und wieder auf freiem Fuß sein. Einem verurteilten Mörder kann schließlich nach 15 Jahren die Restverbüßung der lebenslangen Haft in eine Bewährungsstrafe umgewandelt werden. Ist deshalb der Streit wieder ausgebrochen und am Montag, 21. September, in Hamm aufgeflammt? Von der Staatsanwaltschaft Dortmund gibt es dazu noch keine Antwort. Die Ermittler der eingesetzten Mordkommission seien derweil noch dabei, die komplexen familiären Verstrickungen zu analysieren, sagt Staatsanwältin Maribel Andersson. Sowohl die Beschuldigten als auch die Opfer entstammten zumindest in Teilen offenbar ein- und derselben Familie.

Kurz nach der Auseinandersetzung auf dem Hammer Baumarkt-Parkplatz wurden vier Verdächtige in Tatortnähe von der Polizei in einer Wohnung aufgespürt und festgenommen. Es handelte sich um zwei 29 und 34 Jahre alte Männer aus Bergkamen, einen 33-Jährigen aus Werne sowie einen 18-Jährigen aus Arnsberg. Der 29-Jährige soll das Messer eingesetzt haben. Er befindet sich derzeit in Untersuchungshaft und schweigt zum Tathergang. Gegen einen weiteren Beschuldigten wurde der U-Haftbefehl ausgesetzt, teilte Staatsanwältin Maribel Andersson am Freitag mit. Die beiden anderen Männer befänden sich auf freiem Fuß, würden aber weiter als Beschuldigte gesehen. Ermittelt wird wegen versuchten Totschlags.
Das 23-jährige Opfer wurde am Montag nicht schwerst verletzt. Lebensgefahr habe nicht bestanden, teilt die Staatsanwaltschaft mit. Der Mann befinde sich aber weiterhin im Krankenhaus.
Wie erst jetzt bekannt wurde, gab es möglicherweise bereits am Samstag, 19. September, ein gewalttätiges Aufeinandertreffen der verfeindeten Gruppen. Vor der Sparkasse in der Innenstadt sollen da um kurz vor Mitternacht mehrere Personen aufeinander losgegangen sein. Zeugen sprachen gegenüber der Polizei davon, dass Schlagstöcke und eine Machete oder ein Messer zum Einsatz kamen. Es soll mindestens einen Geschädigten gegeben haben, der sich aber genau so wie die anderen Beteiligten vom Tatort entfernt hatte, ehe die Polizei dort eintraf.