Der Circus Roncalli wird 50 Jahre alt. Wie er bis heute versucht, kein ganz normaler Zirkus zu werden.
Es war das Jahr 1975, als das österreichische Magazin Profil eine Nachricht in eigener Sache veröffentlichte: „Wir müssen Ihnen mitteilen: Unser ehemaliger Art Director wurde vom Wahnsinn gepackt und plant nun, einen eigenen Zirkus zu gründen.“
Dass der Mann – ein gewisser Bernhard Paul – dem Wahnsinn anheimfiel, war ein Glück. Bis zu 1.500 Menschen können das heute Nachmittag für Nachmittag, Abend für Abend bezeugen: die Besucher des Circus Roncalli. Wer damals vorausgesagt hätte, dass Roncalli mal seinen 50. Geburtstag feiern würde, wäre für verrückt erklärt worden. Und doch: In diesem Jahr ist es so weit.
Vor 50 Jahren gründete Bernhard Paul gemeinsam mit dem Wiener Chansonnier und Universalkünstler André Heller den Circus Roncalli. Nachdem sie ihren Zirkus schon 1975 beim Steirischen Herbst in Graz vorgestellt hatten, feierte er im Mai 1976 in Bonn Premiere. Ein Kunstwerk, das einschlug.
Roncalli – das Buch
Pünktlich zum Jubiläum ist der Interview-Bildband „Die Roncallis“ von taz-Journalist Dominik Baur erschienen. In ausführlichen Gesprächen erzählen 14 Menschen, die an der Roncalli-Erfolgsstory mitgeschrieben haben, ihre Geschichten: Clowns, Artisten, Tierlehrer, aber auch Mitwirkende, die nie in der Manege standen. Erhältlich ist das Buch auf scalala.de, im taz-Shop oder der Buchhandlung Ihres Vertrauens.
Ein paar Jahrzehnte später sitzt der Clown Pic in seinem Atelier in St. Gallen und erinnert sich. „Zu der Zeit war der Zirkus im Niedergang begriffen. Damals ging es nur noch um Sensationen. Immer nur höher, weiter und immer mehr – die Zuschauer fanden das langweilig. Und dann war da dieser Zirkus, der auf Kommunikation, auf Kontakt aus war, wo auch die Kleinigkeiten zählten.“
Wiederauferstehung mit leisem Humor
Heller und Paul wollten den darniederliegenden Zirkus der Siebziger nicht wiederbeleben. Sie wollten ihn neu erfinden. Doch so ganz einig waren sie sich nicht darin, wie diese Erfindung auszusehen hatte. Irgendwas mit Karl Kraus und ungewöhnlichen Kostümen, angesiedelt irgendwo zwischen Commedia dell’Arte und absurdem Theater, irgendwie als Erinnerung an den Zirkus aus der guten alten Zeit – wann immer die gewesen sein mag – und doch wie frisch aus einem Fellini-Film gepurzelt. Wie ihr Roncalli überhaupt ein Zirkus voller Widersprüche war: traditionell, aber alternativ; intellektuell, aber populär; Bernhard Paul, aber eben doch auch André Heller.
An letzterem Widerspruch ist der Zirkus dann auch vorübergehend zerbrochen. André Heller ging, die Widersprüche blieben. Und vielleicht waren es gerade sie, die Roncalli später seinen Erfolg bescherten: das nicht Greifbare, zwischen dem Glamour der Zwanziger, Sgt. Pepper und Breakdance fröhlich dahin Mäandernde, das den Reiz dieses Zirkus bis heute ausmacht. And of course, Henry, The Horse, dances the waltz.
Pic, der Clown, kam mit seinem damaligen Partner Pello im Jahr 1980 zu Roncalli. In dem Jahr erlebte der Zirkus nach dem gescheiterten ersten Anlauf eine Wiederauferstehung. Eine Wiederauferstehung, an der Pic und Pello mit ihrem leisen Humor einen gehörigen Anteil hatten. Der Schweizer Kabarettist Emil Steinberger, der als Geldgeber und Regisseur kurzzeitig mit an Bord war und die Wiedergeburt erst möglich machte, hatte sie empfohlen. Acht Auftritte pro Vorstellung hatten die beiden in ihrer ersten Roncalli-Spielzeit. Und Pic wurde mit seinen riesigen Seifenblasen zum Sinnbild für Roncalli.
Foto: NAVIGO
Foto: NAVIGO
„Das ging schon beim Einlass los“, erzählt der Clown, „wo die Zuschauer von den Artisten mit kleinen Späßen empfangen wurden und rote Tupfen auf die Nase oder Backe gemalt bekamen. Die Menschen liebten das.“
Neben Pic steht im Atelier die große blaue Kugel mit den silbernen Sternen auf einem alten Autoreifen. In ihr ist Pic zu Beginn seiner Seifenblasennummer immer in die Manege gerollt. Jetzt kleben ein paar Notenblätter daran, er probt gerade für sein nächstes Bühnenprogramm. „Es gab ein Live-Orchester und einen roten Faden“, schwärmt er, „eine Königin aus Lipizza mit einem Kopffüßler, einer Riesenmaske, unter der Pello steckte, dazu moderne, klassische Musik. An vielen Orten schimmerte Ironie durch.“
Wer braucht schon Superlative?
50 Jahre Roncalli, ein halbes Jahrhundert unter der Ägide des Gründers, das hat im deutschsprachigen Raum noch kein Zirkus gefeiert. Von den Großzirkussen, die es im deutschsprachigen Raum gab und die Roncalli anfangs belächelten, fahren heute nur noch der Circus Krone und der Schweizer Nationalcircus Knie durch die Lande. Althoff, Hagenbeck, Barum, Williams, Sarrasani, Busch-Roland? Vergangenheit!
Roncalli ist noch da.
Es ist nicht leicht, dem Phänomen Roncalli auf die Schliche zu kommen. Aber es gibt Schlagwörter, die helfen könnten. „Gesamtkunstwerk“ ist eines. Die Vokabel hatten Heller und Paul schon in Graz im Gepäck. Aber das Gesamtkunstwerk Roncalli macht es einem nicht leicht, weil es keinem Konzept folgt. Hinter Roncalli steht kein Gedanke, sondern ein Gefühl.
Man könnte Ingredienzien aufzählen. Die historischen Zirkuswagen, die Kostüme, die Musik, die Begrüßung – all das gehört zur Zutatenliste. Und natürlich die Show selbst. „Das war keine Aneinanderreihung von Nummern, sondern eben ein richtiges Programm“, erzählt Emil Steinberger. „Artistisch gesehen waren das nicht unbedingt nur Spitzenleistungen, aber darauf kam es nicht an. Die Lindors am Trapez beispielsweise, das waren einfach tolle Menschen mit einer phantastischen Ausstrahlung.“
Aber auch Emil Steinberger war das „Drumherum“ besonders wichtig. Drei Tage vor der Premiere in Köln griff er noch selbst zum Pinsel und strich den Zentralkäfig bunt an. Damals war Roncalli noch im besten Sinne des Wortes ein alternativer Zirkus. „Ich fand auch, es wäre doch schön, wenn das Orchester nicht immer nur da oben sitzt. Die Musiker sollen sich mal vorstellen. Dann habe ich das so inszeniert, dass die, während sie spielen, die Stiege runterkommen und sich am Manegenrand positionieren. Das sind alles so Kleinigkeiten.“
Foto: NAVIGO
Immer schon war Roncalli ein bisschen mehr Theater als Leistungsschau. Ein Salto mehr oder weniger, wen kümmert es? Wer braucht schon Superlative auf einer Reise zum Regenbogen? Wobei: „Die größte Poesie des Universums“, so der Titel des ersten Programms, war schon ein schöner Superlativ.
„Poesie ist eine heikle Sache“
Klar, ein bisschen Zuckerguss ist auch dabei. Hereinspaziert, hereinspaziert, kommen Sie herein in die heile Welt! Roncalli bietet – wie jeder gute Zirkus – Eskapismus in seiner schönsten Spielart. Und lässt eintauchen in Erinnerungen, die man hat oder auch nur zu haben vermeint. „Seid bestürzt“, rief Heller dem Publikum zu – Paul dagegen will es unterhalten.
Natürlich ist es ein schmaler Grat – zwischen Kitsch und Poesie, zwischen Mit-der-Zeit-Gehen und Dem-Zeitgeist-Hinterherhecheln. „Poesie“ wurde schnell zum Label für Roncalli, erst zum Alleinstellungsmerkmal, dann zur Kopiervorlage für die Konkurrenz. Doch Poesie, warnt Pic, der Clown, ist eine heikle Sache. „Von der Poesie zum Poesie-Album ist es nur ein kleiner Schritt. Schau dir doch mal manche dieser sogenannten Poesie-Clowns an: Das ist so ein Kitsch. Das ist so schwach, da friert es mich.“
Die Kunst besteht darin, die Gratwanderung ohne Absturz zu meistern. Pic konnte das. Roncalli konnte es auch – meistens. Inzwischen läuft der Zirkus allerdings Gefahr, Opfer seiner Nostalgie zu werden. In den Achtzigern, da habe Roncalli noch überrascht, sagen manche, inzwischen sei vieles erwartbar, sei Roncalli ein ganz normaler Zirkus geworden. Das nie Dagewesene, man kennt es schon.
Immer öfter wirbt Roncalli nun mit dem, was man nicht hat, statt mit dem, was man hat. Tierfrei sei man, auch plastikfrei. Nicht dass die Bratwurst in der Pause vegan oder bio wäre, so tierfrei ist man dann auch wieder nicht. Aber der Zeitgeist hinterlässt halt seine Spuren. Geht ja auch gar nicht anders. Rebellenstatus und 50 Jahre erfolgreiche Unternehmensführung – das passt nicht. Die Rolling Stones sind auch nicht mehr das, was sie in den Sechzigern waren, da mögen sie noch so oft „Satisfaction“ spielen. Und dennoch füllen sie Stadien. Und Roncalli sein Zelt. The show must go on.
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