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Das Mekka-Abkommen macht den Nahen Osten weniger amerikanisch
Saudiarabien, Pakistan und die Türkei wollen ab sofort als Block auftreten. Die Interessen der Länder sind zwar verschieden, für Israel dürfte es dennoch ungemütlich werden.
Richard C. Schneider
16.08.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan , der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman und der pakistanische Premierminister Shehbaz Sharif (von links) unterzeichnen am 7. August in Mekka eine gemeinsame Verteidigungsvereinbarung.
Turkish Presidency Office / Imago
Es klingt besser, als es ist. Saudiarabien, die Türkei und Pakistan haben am 7. August in Mekka eine Erklärung unterzeichnet, dass sie einen Angriff auf eines der Länder als einen Angriff auf alle drei verstehen. Der türkische Aussenminister Hakan Fidan hat die Vereinbarung deshalb mit Artikel 5 des Nato-Vertrags verglichen. In den Medien wird seitdem von einer «islamischen» oder «sunnitischen» Nato geredet. Beides ist falsch.
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Das Mekka-Abkommen deklariert sich als Verteidigungspakt, ist aber noch lange keine militärische Allianz wie die Nato. Es gibt bislang eine starke politische Botschaft, möglicherweise einen Abschreckungseffekt und ein grundsätzliches strategisches Potenzial. Doch noch fehlen die länderübergreifende militärische Koordination sowie ein klar beschriebener Mechanismus für den Beistand. Was geschieht tatsächlich im Ernstfall? Die entscheidende Frage bleibt unbeantwortet.
Das Abkommen ist bis anhin vor allem als Versuch dreier Staaten zu verstehen, ihre sicherheitspolitischen Abhängigkeiten zu reduzieren und ihre jeweiligen Stärken miteinander zu verbinden. Saudiarabien verfügt über Geld und Energiequellen, die Türkei über die zweitgrösste Armee der Nato und eine leistungsfähige Rüstungsindustrie, Pakistan besitzt Atomwaffen. Auf dem Papier wirkt diese Kombination gigantisch. In der Praxis aber haben die drei Staaten unterschiedliche Ziele.
Türkei
Präsident Recep Tayyip Erdogan will Ankara als eigenständige Macht zwischen Europa, dem Nahen Osten und Asien positionieren. Man bleibt Nato-Mitglied, verfolgt aber eine immer eigenständigere Aussen- und Sicherheitspolitik. Das neue Bündnis passt in dieses Konzept. Damit kann die Türkei ihre Stellung in der arabischen und muslimischen Welt ausbauen und gleichzeitig die Märkte am Golf für ihre Rüstungsindustrie erschliessen.
Türkische Drohnen, Raketen und elektronische Kampfsysteme machen das Land zu einem interessanten militärischen Partner für andere Länder. Das Mekka-Abkommen stärkt die türkische Sicherheitspolitik, aber mehr noch den wirtschaftlichen und geopolitischen Einfluss der Türkei.
Pakistan
Islamabad hat bereits militärische Beziehungen zur Türkei und zu Saudiarabien. Für Pakistan bedeutet der Pakt vor allem eine politische Aufwertung. Die Verbindung mit Saudiarabien sichert Pakistan einen wichtigen Partner in der arabischen Welt. Die Nuklearwaffen dürften der wichtigste Grund sein, warum die Saudi die engere Verbindung mit Pakistan eingehen.
Die pakistanische Nuklearstrategie ist auf Indien ausgerichtet. Eine Ausweitung einer nuklearen Abschreckung im Nahen Osten wäre ein Schritt von enormer Tragweite. Ob Pakistan ihn gehen wird? Derzeit ist das kaum denkbar. Aber bereits die blosse Existenz einer Atommacht im Bündnis kann die strategischen Schritte seiner Gegner beeinflussen.
Saudiarabien
Für die Saudi ist das Abkommen vor allem ein Rückversicherungsprojekt. Das Königreich bleibt auf die USA angewiesen, wenn es um Aufklärung, Logistik sowie Flug- und Raketenabwehr geht. Doch gleichzeitig ist das Verhältnis durch den Krieg mit Iran beschädigt. Die amerikanische Militärpräsenz konnte iranische Raketen- und Drohnenangriffe auf Saudiarabien und die anderen Golfstaaten nicht verhindern. In Riad fragt man sich, ob Washington zukünftig noch die Bereitschaft und Fähigkeit besitzt, das Land zu schützen.
Die iranischen Raketen- und Drohnenangriffe gefährden das Wirtschaftsmodell Saudiarabiens. Das Land investiert Milliarden in seine wirtschaftliche Transformation und in Projekte, die nur funktionieren können, wenn Investoren und Unternehmen auf langfristige Stabilität bauen können.
Riad betreibt eine Politik der strategischen Diversifizierung. Mit dem neuen Abkommen wollen die Saudi ihre Optionen erweitern. Washington bleibt der wichtigste Partner, doch Pakistan könnte einen zusätzlichen Abschreckungswert liefern, und die Türkei verfügt im Zweifel über operative Fähigkeiten und Erfahrungen.
Iran
Offiziell richtet sich das Mekka-Abkommen gegen niemanden. Die drei Unterzeichner betonen seinen defensiven Charakter. Doch wer als potenzieller Feind gesehen wird, ist offensichtlich: Iran und Israel. Teheran spielt zwar die Bedeutung des neuen Bündnisses herab, doch das Regime wird es wohl kaum ignorieren können und versuchen, sich strategisch-militärisch darauf einzustellen.
Damit könnte ein typisches sicherheitspolitisches Dilemma eintreten. Was als Verteidigung deklariert wird, könnte von Teheran als Vorbereitung auf einen potenziellen Angriff interpretiert werden. Weil das Bündnis die Angst voreinander erhöht, könnte es die Region weiter destabilisieren.
Israel wird die Entwicklungen mit Sorge verfolgen: Hat das Mekka-Abkommen das militärische und politische Potenzial, die Existenz des jüdischen Staates zu bedrohen? Im Augenblick sieht es nicht danach aus. Doch das Bündnis könnte sich in eine Richtung entwickeln, die für Jerusalem unangenehm werden könnte.
Die Türkei steht Israel offen feindselig gegenüber, Pakistan unterhält keine diplomatischen Beziehungen zu Israel und verschärft die Rhetorik gegen den jüdischen Staat zunehmend. Saudiarabien dagegen hat seine Normalisierung der Verhältnisse mit Israel nicht aufgegeben, sie aber an Fortschritte auf dem Weg zu einem palästinensischen Staat geknüpft. Die Positionen der drei Staaten gegenüber Jerusalem sind unterschiedlich, sie könnten sich aber angleichen.
Aus israelischer Sicht droht die Gefahr einer neuen regionalen Sicherheitsarchitektur, in der Israel nicht mehr automatisch die dominierende Militärmacht ist. Jerusalem dürfte wohl deswegen seine eigenen Bündnisse als eine Gegenachse ausbauen, zu der Zypern, Griechenland, Indien und die Vereinigten Arabischen Emirate als Partner gehören.
Sollte, wie bereits erwogen, Ägypten als vierter Staat dem Mekka-Abkommen beitreten, wäre das für Israel ein zusätzliches Problem. Man hat mit Ägypten zwar einen Friedensvertrag, doch das Land verfügt über eine grosse Armee, es kontrolliert den Zugang zum Roten Meer und ist unmittelbarer Nachbar Israels.
Die Folgen des Abkommens
Die Unwägbarkeiten für diesen Pakt sind gross. Saudiarabien kooperiert gleichzeitig mit den USA, Pakistan und der Türkei, um sich vor Iran zu schützen. Die Türkei bleibt in der Nato, baut zugleich mit Russland, den Golfstaaten und Pakistan eigene Sicherheitsstrukturen auf und kooperiert bis zu einem gewissen Grad mit Iran. Pakistan arbeitet nun enger mit Saudiarabien und der Türkei zusammen, doch der strategische Hauptfeind bleibt Indien. Die Saudi und die Türken ringen derweil um die religiös-politische Führung in der sunnitischen Welt.
Was sich hier herauskristallisiert, ist kein klassischer Block, sondern ein Netz aus überlappenden Partnerschaften. Kann das wirklich funktionieren?
Ein Blick auf die Vorgeschichte des Mekka-Abkommens lässt erahnen, wie unklar dessen Zukunft ist. Saudiarabien und Pakistan hatten bereits zuvor ein bilaterales Verteidigungsabkommen geschlossen. Trotzdem haben die Pakistaner nicht automatisch militärischen Beistand geleistet, als Saudiarabien im Frühjahr von Iran angegriffen wurde.
Die eigentliche Bedeutung des Mekka-Paktes dürfte also nicht davon abhängen, ob Saudiarabien, die Türkei und Pakistan eines Tages tatsächlich gemeinsam Krieg führen werden. Er ist wohl eher als eine Absicht zu verstehen, gemeinsam stärker aufzutreten. Das macht den Nahen Osten weniger amerikanisch. Und damit für Israel noch gefährlicher.
2 Kommentare
Mirco Schmid
vor 12 Minuten
Man kann sich fragen, ob es ein Notfallplan ist, ziehen sich die USA zurück, ist es eine weitere Option oder das Fundament für eine starke Allianz. Von heute auf morgen lässt sich eine starke Allianz nicht mehr aufbauen. Strategisch und taktisch, logistisch wie technologisch muss man zueinander finden. Eine Option wird bis heute nicht diskutiert. Was ist, wenn der Iran in die Allianz aufgenommen werden soll. Mekka ist allen Muslimen einig. Wieso diese Gedanken? Nehmen wir an, der Krieg endet und zum Abkommen gehören Investitionen, um den Iran wieder aufzubauen. Das Geld wird nicht von den USA stammen. Die Golfstaaten werden bezahlen müssen. Die haben gewiss nicht vor, das Geld zu verschenken. Die wollen investieren. Diese Investitionen müssten sie absichern. Sie wissen, dabei können Sie sich nicht auf die USA verlassen. Sollte es eine Regelung geben, dass auch Gebühren für die Passage der Strasse von Homos vorsieht, könnten diese unter den Mitgliedstaaten oder einige von ihnen aufgeteilt werden. Und mehr noch. Wenn die ganze Region – Israel wahrscheinlich ausgenommen – sich in einem Bündnis zusammenfinden würde, könnten sie auch das Rote Meer kontrollieren. Eine derartige Allianz würde wichtige Ressourcen und Handelsrouten kontrollieren, was sehr viel Macht bedeutet. Es mag unwahrscheinlich sein, aber in der Geschichte hat die Konstitution von unwahrscheinlichen Allianzen häufig die Zukunft wesentlich gestaltet.
Mirco Schmid
vor 12 Minuten
Man kann sich fragen, ob es ein Notfallplan ist, ziehen sich die USA zurück, ist es eine weitere Option oder das Fundament für eine starke Allianz. Von heute auf morgen lässt sich eine starke Allianz nicht mehr aufbauen. Strategisch und taktisch, logistisch wie technologisch muss man zueinander finden. Eine Option wird bis heute nicht diskutiert. Was ist, wenn der Iran in die Allianz aufgenommen werden soll. Mekka ist allen Muslimen einig. Wieso diese Gedanken? Nehmen wir an, der Krieg endet und zum Abkommen gehören Investitionen, um den Iran wieder aufzubauen. Das Geld wird nicht von den USA stammen. Die Golfstaaten werden bezahlen müssen. Die haben gewiss nicht vor, das Geld zu verschenken. Die wollen investieren. Diese Investitionen müssten sie absichern. Sie wissen, dabei können Sie sich nicht auf die USA verlassen. Sollte es eine Regelung geben, dass auch Gebühren für die Passage der Strasse von Homos vorsieht, könnten diese unter den Mitgliedstaaten oder einige von ihnen aufgeteilt werden. Und mehr noch. Wenn die ganze Region – Israel wahrscheinlich ausgenommen – sich in einem Bündnis zusammenfinden würde, könnten sie auch das Rote Meer kontrollieren. Eine derartige Allianz würde wichtige Ressourcen und Handelsrouten kontrollieren, was sehr viel Macht bedeutet. Es mag unwahrscheinlich sein, aber in der Geschichte hat die Konstitution von unwahrscheinlichen Allianzen häufig die Zukunft wesentlich gestaltet.
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