Albert Rösti ist überrascht von diesem Sommer – nicht so Urs Augstburger, der in einem Roman alles vorwegnahm. Streifzug mit dem Schriftsteller durch ein allzu trockenes Land.
Eine hippieske Frau läuft an uns vorbei. Sie hat Tücher um den Kopf geschlungen, und unter dem Arm trägt sie eine Schlafmatte. Vielleicht kommt sie von einem Rave? Urs Augstburger hat eine andere Idee: «So könnte ein Klimaflüchtling aussehen.»
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Es ist früher Nachmittag, und wir spazieren durchs Wallis, genauer: um Sitten herum. Das Schloss Tourbillon und ein blauer Himmel über uns, unter uns staubige Wiesen und ausgebleichte Gräser.
Auf seine Art hat Urs Augstburger all das bereits vorweggenommen. «Wässerwasser» heisst der Roman, der 2009 erschienen ist. In zwei Monaten wird er neu aufgelegt. «Seine Aktualität ist wirklich erschreckend», sagt der 61-Jährige, der mit seinem Kettchen und seinem Kinngrübchenbärtchen durchaus als Bassist einer routinierten Hardrock-Band durchgehen könnte. Die Sonne knallt auf den Kiesweg, eine Feuerverbotstafel folgt auf die andere. Irgendwann murmelt Augstburger: «Fuck! Jetzt sind wir also so weit.»
Der Sommer verunsichert. Zweifelhaft geworden sind Antworten, die bisher selbstverständlich waren. Etwa auf die simple Frage, was denn nun eigentlich «gutes Wetter» sei. Früher – also zirka vor zwanzig Jahren – war die Antwort darauf noch eindeutig. Wolkenloser Himmel, klar, und während zweier, dreier Wochen in die Badi gehen und Glace schlecken. Und die Welt war in Ordnung.
Diese Begeisterung ist mittlerweile verdunstet. An ihre Stelle sind Sorgen gerückt, die immer noch ein wenig surreal anmuten. Ob der Wald wohl bald abbrennt? Ob im See noch ein paar Fische übrig bleiben? Ein Umweltminister, der erstaunt ist, dass es dermassen heiss werden konnte.


Spuren eines Rekordsommers: unterwegs mit dem Schriftsteller Urs Augstburger.
Bei Augstburger ist das Matterhorn bereits gesperrt
Zum unguten Gefühl des Ausgeliefertseins gesellt sich die Reue: dass man eventuell früher etwas hätte unternehmen sollen. Es ist ein merkwürdiger Schwebezustand zwischen angestrengtem Verdrängen und schwelender Panik. Gar nicht so leicht zu beschreiben. Und just hier kommen die Schriftstellerinnen und Schriftsteller ins Spiel, die genau dies beherrschen und darüber hinaus die nötige Phantasie aufbringen, um sich in andere Leben und Zukünfte hineinzudenken.
Urs Augstburger läuft über einen kleinen Hügel, der aussieht wie ein Kopf mit fiesem Haarausfall. Einzelne Büschel ragen zwischen den kahlen Stellen heraus. Am Wegesrand greift der Schriftsteller in eine verblasste Flechte hinein. Sie zerbröselt sofort. «Das ist ja wie Zunder!»
In seinem Roman «Wässerwasser» hat Augstburger über eine Klimakrise geschrieben, wie wir sie heute erleben. Über eine paralysierende Hitze, über Technologien, die nicht die erhoffte Hilfe sind, über Alpen ohne Gletscher, die Sperrung des Matterhorns auch. «Freunde haben gesagt, ich übertreibe.»
Die Schweiz tritt wegen der Flüchtlinge der EU bei
Und Augstburger spult weiter vor in seinem Roman: Er lässt die Schweiz der EU beitreten, weil sie mit den vielen Klimaflüchtlingen nicht mehr zurande kommt. Ein Grosskonzern kauft die letzten Wasserquellen auf. Das Leben im Schweizer Mittelland wird unerträglich, Herbst und Frühling sind stickig. Nur in den Bergen ist es noch einigermassen angenehm. Im Zentrum des Romans steht ein Walliser Luxushotel, ein Refugium, wohin sich reiche Aussteiger retten können. Eines Tages wird dem Hotel ein Erpresserbrief zugestellt: Wenn es seine Wasserquellen nicht freigebe, werde der Wald angezündet.
Urs Augstburger, der sich durch die Klimaberichte gelesen hat, beschwört in «Wässerwasser» ein Szenario der Überhitzung und Wasserknappheit herauf. Aber das Buch ist ein Thriller und kein Öko-Traktat; Augstburger arbeitet mit Krimi-Elementen, Actionszenen und reichlich Erotik.
Augstburger und seine enthemmten Helden
Wenn sie auf ihren Abenteuern innehalten, fallen Augstburgers Heldinnen und Helden gern übereinander her. Die Hitze in Kombination mit dem nahenden Ende, da liege eine Enthemmung doch nahe, sagt der Schriftsteller dazu. Und wer unangenehme Wahrheiten vermitteln wolle, müsse sie attraktiv verpacken. «Die Menschen kaufen einen Tesla ja auch nicht wegen der Umwelt allein», so Augstburger. «Sondern weil er vom Design her mindestens so imposant ist wie ein Benzin-Geländewagen.»
Obwohl Urs Augstburger zu den erfolgreicheren Schweizer Schriftstellern gehört – «Wässerwasser» verkaufte sich bisher 14 000-mal –, kann er vom Schreiben nicht leben. Seit dreissig Jahren arbeitet er deshalb beim Schweizer Fernsehen am Leutschenbach, wo er sich heute um die Produktion von Dokumentarfilmen kümmert. So war der Aargauer unter anderem Co-Produzent von «More than Honey», der preisgekrönten Bienen-Doku von Markus Imhoof. Drei Monate im Jahr widmet sich Augstburger jeweils einem Romanprojekt – und dem Skifahren.
«Seit ich klein war, bin ich ein Ski-Fanatiker.» Auf den Brettern habe er den Klimawandel früh erlebt. Wenn statt Flocken auf einmal Tropfen vom Himmel fielen und der Schnee partout nicht liegen bleiben wollte. «Auch deshalb interessieren mich die Berge: Weil dort alles früher passiert.» Im Mittelland dämmere es den Leuten erst jetzt allmählich, nach einem weiteren Hitzesommer, während sich die Berge vor Jahren schon radikal zu verändern begonnen hätten. In Augstburgers Roman hören die Schweizer um das Jahr 2025 herum auf, Ski zu fahren.
Die ungewisse Zukunft des Wallis
Auf unserem Weg kommen wir an einer fröhlich spriessenden Kolonie von Kakteen vorbei. Können wir uns nicht einfach an die neuen Verhältnisse gewöhnen? An die Mediterrangenossenschaft, die Südeuropaschweiz?
«Ich verstehe diesen Wunsch ja, und manchmal möchte ich auch so denken», sagt Urs Augstburger. Er deutet auf die Rebberge, die noch ganz passabel aussehen. «Heuer gibt es bestimmt einen tollen Jahrgang!» Aber letztlich sei das Realitätsverweigerung. Gerade auf das Wallis kämen riesige Probleme zu. «Was bleibt von dieser Region, wenn die Gletscher kein Wasser mehr abgeben?»


«Was bleibt vom Wallis, wenn die Gletscher kein Wasser mehr abgeben?», fragt Urs Augstburger.
Urs Augstburger ist nicht der erste Schweizer, der sich eine Überhitzung seines Landes ausgedacht hat. Da war zum Beispiel Jakob Christoph Heer, NZZ-Redaktor und zugleich populärer Heimatschriftsteller. Sein Roman «An heiligen Wassern» von 1898 spielt ebenfalls in einem Wallis, das unter einer quälenden Hitze leidet. Ein gewisser Seppi Blatter muss eine geborstene Wasserleitung reparieren, die entlang eines schroffen Felsens verlegt wurde.
Keine leichte Aufgabe: «Die Sonne! Die Sonne! Die Luft im Thal zwispert (. . .) Ja, bei bedecktem Himmel könnte Seppi Blatter sein Werk wohl vollenden, aber in dieser mörderischen Glut, die Augen und Gehirn sengt . . .»
Die Leitung, die das rettende Gletscherwasser ins Dorf bringt, wird durch Lawinen aufs Neue zerstört. Immer wieder muss sie unter Lebensgefahr repariert werden. Es kommt zum Unglück, Seppi Blatter stürzt in den Tod. Schliesslich ist es die Technologie, die das Problem löst. Heers Romanheld ist kein kühner Kletterer, sondern ein Ingenieur, der sein Handwerk in Indien gelernt hat und es versteht, fachgerecht einen Tunnel in einen Berg zu sprengen. Danach kann das Wasser sicher ins Dorf fliessen.


Auch ältere Literatur beschäftigt sich mit einem ausgetrockneten Wallis, zum Beispiel «An heiligen Wassern» (1898) von Jakob Christoph Heer.
Heers Epos gehört zum Kanon der Schweizer Bergromane, Urs Augstburger las es bereits als Kind. In «Wässerwasser» baute er eine kleine Reminiszenz ein: Die Vorfahren der Hotelbesitzer nennen ihre Quellen ebenfalls «heilige Wasser». Bei Heer ist die Natur noch eine erratische Übermacht, die vom Menschen überlistet werden muss.
Auch Ramuz lässt die Schweiz überhitzen
Ganz anders ist die Konstellation bei «Sturz in die Sonne» – jener wohl gewagtesten fiktiven Schweizer Naturgeschichte, einem höchst eigenartigen Klimaroman, veröffentlicht 1922, als es eigentlich noch gar keine Klimaromane gab. Charles Ferdinand Ramuz hat ihn geschrieben, der berühmteste Schriftsteller der Romandie. Seine Inspiration war ein Hitzeschock: Er hatte gerade einen anstrengenden Sommer hinter sich, in Genf waren 38,3 Grad gemessen worden, damals eine Rekordtemperatur.
Ramuz’ Roman beginnt mit einer physikalischen Sensation: Die Erde kippt aus ihrer Umlaufbahn und schlittert der Sonne entgegen. Es wird heiss, immer heisser. Ramuz lässt ein lose zusammenhängendes Figurenpersonal das Schicksal ereilen. Seine Sprache ist ohne Schnörkel, klingt beinahe naiv. Wie es zum Sturz in die Sonne kommen konnte, erklärt er nie.
Ratlosigkeit und Überforderung durchdringen seinen Text. Einmal protestiert ein harmloser Beamter: «Ich habe niemandem etwas zuleide getan, ich habe nie jemandem Unrecht getan . . .» Doch es nützt nichts. Die Sonne glüht schwarzrot und gart die Menschen nieder.
Manche rennen zum See, um für ein paar Stunden zu vergessen. Andere schwingen hysterisch die Zeitung und zeigen mit dem Finger auf die neuste, unheilverkündende Schlagzeile. Wieder andere tun so, als sei nichts. Der Gärtner beschwichtigt: «Es geht gut.» Ein anderes Mal heisst es: «Ein wenig litt man schon, aber es war auszuhalten, denn da war diese Schönheit des Himmels, und schliesslich sind wir hier an einem See.» Charles Ferdinand Ramuz nimmt exakt die verschiedenen Strategien vorweg, mit denen wir heute der Klimakrise begegnen – oder ihr eben ausweichen.
«Die gewöhnlichen Menschen werden Lösungen fordern»
Was nun? Urs Augstburger sagt, er habe in den letzten Wochen wieder etwas Hoffnung geschöpft. Ihm scheine, dass die Politik doch noch in Bewegung kommen könne. Weniger wegen der Politiker selber – die sässen ja zumeist in klimatisierten Wohnungen und schönen Häuschen mit Umschwung. «Aber die gewöhnlichen Menschen, die diesen Sommer am eigenen Leib erfahren, die schwitzen mussten: Die werden nun endlich Lösungen einfordern.»
Vielleicht kommt es aber auch anders. Denn womöglich kühlt sich der Groll ja bereits diese Woche wieder ab, wenn es endlich regnet. Und milder wird die Erinnerung an den scheinbar ewigen Sommer. Oder aber, schlimmer noch, Ramuz behält recht – und der Menschheit brennen bald die letzten Sicherungen durch.
Für «Sturz in die Sonne» hat sich der Schriftsteller ein so chaotisches wie groteskes Ende ausgedacht; die Leute beginnen zu stehlen und zu morden. Sie wollen keine Rücksicht mehr nehmen in einer Welt, die keine Zukunft für sie bereithält. Es zählt nur noch die nächste Woche, bald nur noch der nächste Tag. Derweil tanzt ein Mann in Frauenkleidern durch die Strassen, und über alle Köpfe hinweg donnert ein nackter Pilot ins Nirgendwo.
Urs Augstburger: Wässerwasser. Bilger-Verlag 2009, 344 Seiten. Neuauflage Oktober 2026.
Jakob Christoph Heer: An heiligen Wassern. Culturea 2023. 272 Seiten.
Charles Ferdinand Ramuz: Sturz in die Sonne. 2023 neu übersetzt von Steven Wyss. Limmat-Verlag, 187 Seiten.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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