Das Platzhirschsyndrom: Der Ludwigshafen-«Tatort» hat Wumms
«Explosive Mischung» ist ein Krimi in Echtzeit. Zur hohen Macker-Dichte gesellt sich ein Sheriff, der das Klima vollends toxisch macht.
Daniele Muscionico04.10.2026, 05.30 Uhr
2 Leseminuten

Teilen sich für diesen Fall auf: Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter).
Illustration Anja Lemcke / NZZ
Blaulicht, Schatten, Schüsse – und Polizeidirektor Kurt Breisig (Bernd Hölscher) liegt vor dem Präsidium blutüberströmt auf der Krankentrage. Rettungssanitäter kümmern sich um ihn, der ungeliebte Dienststellenleiter hat diesen Abend überlebt. Jetzt folgt sein heldenhafter Auftritt.
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Mit seifigem Ton antwortet er Journalisten mit Kameras: «Jeder an meiner Stelle hätte so gehandelt. Ich bin dazwischengegangen, um meine Kollegen zu retten.» Mitgerettet hat er auch seinen Ruf, der seit der letzten «Tatort»-Folge «Shashimi spezial» tief im Keller war.
Showdown im Präsidium
Beim Überfall mit Geiselnahme auf das Präsidium war das ganze Team in Gefahr. Auf die Assistentin Mara Herrmann (Davina Chanel Fox) richtete der Täter seine Pistole. Wie die nächtliche Tat zustande kam, ist dramaturgisch an den dünnsten Haaren herbeigezogen.
Allerdings wird das Entscheidende für das Publikum bereits in der Eröffnungsszene klar: Während des Obermacker-Gesäusels von Breisig vor der Presse zeigt das Kamerabild der News-Reporter Datum und Uhrzeit: 4. Oktober 2026, 21 Uhr 41. Die Folge «Explosive Mischung» ist ein «Tatort» in Echtzeit.
Ab jetzt läuft die Uhr zurück an den Beginn der Nacht, in der Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), Johanna Stern (Lisa Bitter) und Mara Herrmann an verschiedenen Orten der Stadt den derzeitigen Fall lösen sollen. Dieser scheint zunächst harmlos zu sein: Bei der Sprengung eines Geldautomaten verliert ein stadtbekannter Kleinkrimineller sein Leben. Allerdings fehlt ein Gutteil der Beute. War es vielleicht doch Mord?
Das Opfer war Teil der «Schlachthof-Gang» und wurde zuvor mit dem selbsternannten Sheriff des Viertels, Ulf Meisner (Christian Schneeweiss), gesehen. Meisner ist wie Breisig ein Platzhirsch, doch er kultiviert einen rechten Hau: Er regelt, was die Polizei versäumt. Die, wie er meint, kaputtgespart wie ganz Deutschland ist: «Niemand wird mehr eingestellt. Ausser natürlich Frauen und Behinderte.» Meisner erteilt schwierigen Jugendlichen im Viertel Antiaggressionskurse, hinter verschlossenen Türen verprügelt er seine Frau. So einer ist das.
Hohn auf die Staatsgewalt
Auf ihn fällt als Erster der Verdacht, am Tod des Kleingangsters schuldig zu sein. Doch auch die Schlachthofbande selbst steht unter Beobachtung – sie ist, was für ein Zufall, die Gang aus dem kriminellen Vorleben der Schreibtischkraft Nico (Johannes Scheidweiler).
Im Ludwigshafen-«Tatort» herrscht der dramaturgische Spieltrieb. Das Experiment in Echtzeit ist zwar nett, Mehrwert schafft es aber nicht. Doch ohne Effekte, ohne Wumms, wie bereits in der Folge vorher, scheint es in dieser Stadt einfach nicht zu gehen.
In «Explosive Mischung» arbeitet der Regisseur und Autor Martin Eigler mit strapaziösen Zufallskonstruktionen und hochgejazzten Erzählsträngen. Häusliche Gewalt, Staatsverdrossenheit, die autoritäre Wende – aber wie sagte der damalige Finanzminister Olaf Scholz nach Corona so treffend: «Wir wollen mit Wumms aus der Krise kommen.»
«Tatort» aus Ludwigshafen. Am Sonntag, 4. 10., um 20.05 Uhr auf SRF 1 und um 20.15 Uhr in der ARD.
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