Sergei Lawrow: Vom geschätzten Intellektuellen zur umstrittenen Figur

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Mit Russland reden? Am Anti-Diplomat Sergei Lawrow wird deutlich, was daran problematisch ist

Russlands Aussenminister Sergei Lawrow gilt im Westen vor allem als Polemiker. Dabei gab es eine Zeit, in der man ihn auch in der Uno als glänzenden Intellektuellen lobte. Ein Schweizer Diplomat erinnert sich.

Stefan Scholl04.10.2026, 05.30 Uhr

6 Leseminuten


Glaubt der russische Aussenminister Sergei Lawrow alles, was er so sagt?

Glaubt der russische Aussenminister Sergei Lawrow alles, was er so sagt?

Sergey Guneev / Sputnik via Imago

In nur 22 Minuten fertigte er den deutschen Aussenminister Johann Wadephul ab. Die Russen hatten während der Vollversammlung in New York am Samstag vor einer Woche ihren Konferenzraum im Uno-Gebäude mit einem grossen Putin-Porträt und einer russischen Trikolore geschmückt. Sergei Lawrow schüttelte Wadephul die Hand, der begrüsste auch die anderen russischen Diplomaten mit Handschlag, während sich sein russischer Amtskollege zu seiner Tischseite abdrehte, ohne Wadephuls Leute weiter zu beachten. Auf Wadephuls Platz lag eine russische Propagandabroschüre: «Goebbels’ Erben: Fälschung der Ereignisse in Butscha und blutige Inszenierung des Kiewer Regimes».

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Hinterher setzte Lawrow den Affront vor Journalisten fort: Wadephul sei nichts eingefallen, als längst bekannte deutsche Positionen vom Blatt abzulesen, bei Bundeskanzler Friedrich Merz aber zeige sich die Tendenz zum offenen Nazismus. «Er hat mehrfach gesagt, sein Ziel sei, dass Deutschland erneut die Hauptmilitärmacht in Europa werde. Versteht er die Bedeutung des Wortes ‹erneut› in dieser Konstruktion? Ich betone noch einmal, das ist kein Versprecher, er hat das mehrfach wiederholt.»

In nur 22 Minuten fertigte Lawrow den deutschen Aussenminister Johann Wadephul beim Treffen in New York ab.

In nur 22 Minuten fertigte Lawrow den deutschen Aussenminister Johann Wadephul beim Treffen in New York ab.

Russisches Aussenministerium via Reuters

Merz hatte dieses Jahr wirklich wiederholt davon gesprochen, die Bundeswehr zur konventionell stärksten Armee Europas auszubauen. Aber das delikate, auf Hitlerdeutschland als 1939 vermeintlich stärkste Militärmacht Europas weisende Wörtchen «erneut» taucht nach Wissen unserer Redaktion in keinem dieser Zitate auf.

Der tiefe Fall

Lawrows Polemik ist berüchtigt. Der Minister sei eine gute Illustration für das heruntergekommene diplomatische System Russlands, schrieb Boris Bondarew, Diplomat der Vertretung Russlands bei der Uno in Genf, auf Facebook, nachdem er im Mai 2022 aus Protest gegen Putins Ukraine-Feldzug gekündigt hatte. «In achtzehn Jahren wandelte Lawrow sich vom professionellen und gebildeten Intellektuellen, den viele seiner Kollegen hoch schätzten, zu einer Person, die ständig widersprüchliche Aussagen verbreitet und die Welt bedroht.»

2022 erklärte Lawrow, der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski sei ein Beispiel dafür, dass auch Juden Nazis sein könnten. «Wir hören vom weisen jüdischen Volk schon lange, dass die ärgsten Antisemiten in der Regel Juden sind.» Und nachdem Deutschland wegen des Kampfdrohnenfundes auf dem Leipziger Flughafen das russische Konsulat in Bonn hatte schliessen lassen, erklärte Lawrow, die Deutschen hätten ja auch vor dem Angriff auf die Sowjetunion 1941 die Botschaften dicht gemacht. «Das ist im Grossen und Ganzen der Beginn eines wirklichen Krieges.»

Seit 22 Jahren ist Lawrow nun russischer Aussenminister, aber man sieht ihm auch mit 76 Jahren noch an, dass seine Lieblingssportarten Wildwasserkanu und Rafting waren. Der 1,88-Meter-Mann ist eine jener selten gewordenen Figuren auf der internationalen Bühne, mit deren Bewegungen sich der Schwerpunkt in jedem Raum zu verschieben scheint. «Elch» nennen die russischen Journalisten den Charismatiker oder «Macho mit dem Spitznamen Elch». Ihre chinesischen Kollegen reden von «Mister Sag Nein», die Berliner «Tageszeitung» aber bezeichnet ihn als «Anti-Diplomaten».

Der Schweizer Thomas Greminger war von 2017 bis 2020 Generalsekretär der OSZE. Drei- oder viermal im Jahr traf er in dieser Funktion den russischen Aussenminister. Die Arbeitssitzungen im leuchtend weissen Paradesaal des Gästehauses des Aussenministeriums in Moskau dauerten eine bis eineinhalb Stunden, die ersten zehn Minuten waren öffentlich, wie er sich im Gespräch erinnert: «Ich war zunächst überrascht, alle Medien waren mit im Saal.» Es folgte eine Pressekonferenz, dann ein Mittagessen, das je nach Lawrows Terminplan um 14 Uhr endete. «Aber wenn er es interessant fand, haben wir auch bis halb vier weiterdiskutiert.»

Mindestens einmal jährlich empfing Moskaus Chefdiplomat den Schweizer in der Spiridonowka, dem Gästehaus des russischen Aussenministeriums. Lawrow kannte laut Greminger die Dossiers zum Verhandlungsthema immer bestens. Und wenn man einmal einen Draht zu ihm gefunden habe, habe er auch die intellektuelle Auseinandersetzung geschätzt, sagt Greminger, der jetzt Direktor des Genfer Zentrums für Sicherheitspolitik (GCSP) ist. «Auch wenn wir uns bei sechzig, siebzig Prozent der Themen am Ende darauf geeinigt haben, dass wir uns nicht einig sind.» Für ihn hätten die Treffen mit Lawrow zu den Höhepunkten seiner Zeit an der Spitze der OSZE gehört.

Der Schweizer Thomas Greminger, ehemaliger Generalsekretär der OSZE, traf drei- bis viermal pro Jahr auf Lawrow. Sie einigten sich meistens darauf, sich nicht einig zu sein.

Der Schweizer Thomas Greminger, ehemaliger Generalsekretär der OSZE, traf drei- bis viermal pro Jahr auf Lawrow. Sie einigten sich meistens darauf, sich nicht einig zu sein.

Artyom Geodakyan / Itar-Tass via Imago

Lawrow ist der Sohn eines armenischen Vaters und einer ehrgeizigen russischen Mutter, die im sowjetischen Aussenhandelsministerium arbeitete. Und die nach der Trennung von ihrem Mann entschied, dass der Sohn am Moskauer Staatsinstitut für internationale Beziehungen studieren sollte. Es war die Kaderschule des sowjetischen Aussenministeriums, Lawrow galt dort als Stimmungskanone, er spielte Gitarre, er sang, reimte die Texte dazu selbst, ein Kind der Moskauer Intelligenzia.

Der im Exil lebende Historiker Andrei Subow, der zusammen mit Lawrow an derselben Fakultät studiert hatte, sagte der «Nowaja Gaseta Ewropa», Lawrow sei unter den Kommilitonen sehr beliebt gewesen. «Er gehörte zum freidenkerischen Teil der Studentenschaft, war aber ein umsichtiger Mensch.»

Nach seinem Abschluss 1972 arbeitete Lawrow zunächst in der Sowjetbotschaft in Sri Lanka, ab 1981 in Moskaus New Yorker Uno-Vertretung, ein sehr kompetenter und selbstbewusster junger Mann.

Der Kollaps der UdSSR schien Lawrows Karriere nur zu beschleunigen: 1992 Vizeaussenminister, 1994 Uno-Botschafter in New York. Dort machte er mit seinen fulminanten Auftritten gegen den Luftkrieg der Nato in Serbien Eindruck, aber auch mit seiner kompetenten Lässigkeit bei Plaudereien auf dem Korridor. Kofi Annans 2003 erlassenes Rauchverbot ignorierte er einsam, Annan aber lobte Lawrow, er sei ein glänzender Diplomat und aus der Uno kaum noch wegzudenken.

Seine Tochter Jekaterina liess Lawrow bis 2005 an der New Yorker Columbia-Universität studieren, sie spricht laut dem Magazin «Stern» Russisch mit englischem Akzent, lebt inzwischen in Moskau und richtet moderne Kunstprojekte aus.

Ein Sowjetmensch

Auch als das Klima frostiger wurde, galt Lawrow dem Westen weiter als Mann, mit dem man reden konnte. Frank-Walter Steinmeier sprach ihn als «lieber Sergei» an, Boris Johnson, damals britischer Aussenminister, scherzte 2017, er habe seinen Mantel mit dem gesamten Inhalt seiner Taschen vertrauensvoll Lawrow übergeben. Der antwortete humorig, Johnsons Manteltaschen seien leer gewesen.

Einst galt Lawrow noch als Mann, mit dem man reden konnte. Oder lachen. So wie mit dem früheren deutschen Aussenminister und heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier.

Einst galt Lawrow noch als Mann, mit dem man reden konnte. Oder lachen. So wie mit dem früheren deutschen Aussenminister und heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier.

Alexander Shcherbak / Itar-Tass via Imago

Der exilrussische Journalist Konstantin Eggert räsonierte kürzlich im Youtube-Kanal «Breakfast Show» über Lawrows Glaubwürdigkeit: «Wenn der sagt, die Sonne sei um neun Uhr morgens aufgegangen, sollte man besser rausgehen, um zu sehen, ob die Sonne tatsächlich aufgegangen ist.» Und Greminger räumt ein, viele Kollegen empfänden es inzwischen als Zumutung, dem Redner Lawrow auch nur eine halbe Stunde zuzuhören, weil er über Jahre das immer gleiche Narrativ predige.

Im Alltag, am Verhandlungstisch, habe Lawrow meist die offizielle Linie gefahren. Aber es sei möglich gewesen, mit ihm auch ernsthafte inhaltliche Anliegen wie die Reformen der OSZE zu diskutieren. «Da konnte man ihn von etwas überzeugen, er hat das dann auch mitgetragen.» Inzwischen schlägt Lawrow den Austritt Russlands aus der «halbtoten Organisation» vor.

Greminger stellte während seiner Amtszeit als OSZE-Generalsekretär schnell fest, dass die aussenpolitischen Kompetenzen des russischen Aussenministers beschränkt waren. Lawrow habe «das finale Sagen» gehabt, wenn die OSZE als Institution Thema war. «Aber wenn es um konkrete Geografie, um Transnistrien, den Südkaukasus oder um die Ukraine ging, sassen meine Ansprechpartner im Kreml.» Erst war das Wjatscheslaw Surkow, dann Dmitri Kosak.

Greminger sagt, Lawrow habe auch zum Thema Ukraine nur als PR-Agent seines Präsidenten agiert, seit Februar 2022 immer stärker.

Zurzeit mokieren sich Staatschef und Minister synchron über die westlichen Politiker, die vor einem russischen Angriff auf Europa warnen. Putin versichert, das sei «gezieltes Aufblasen der Situation», Lawrow redet von «Fieberwahn und Quatsch». Der Minister folgt den Narrativen seines Präsidenten, spitzt sie oft an, aber er flüstert sie ihm offenbar nicht ein. Und Greminger bezweifelt, dass Lawrow noch zu den wenigen gehört, die überhaupt noch direkten Zugang zu Putin haben.

Auf jeden Fall ist Lawrow wie Putin ein Sowjetmensch. Beide wuchsen in einem politisch monopolisierten Gesellschaftssystem auf, dessen Propagandaplakate deutsche oder amerikanische Politiker in SS-Uniformen steckten oder mit Teufelshörnern verzierten. Geschichtslehrer wie TV-Nachrichtensprecher lehrten sie schon damals, der feindliche Westen sei so infam und boshaft, dass im Abwehrkampf gegen ihn jedes Mittel recht sei.

Lawrow folgt seinem Staatschef in die Ideenwelt der sowjetischen Vergangenheit ähnlich bereitwillig wie die Bosse der russischen Sicherheitsorgane. Manche von ihnen sind ja auch im Rentenalter.

«Er ist Teil dieses Systems geworden, hat viel von ihm profitiert», sagt Greminger. Und jetzt mache der Minister immer weiter das, was das System von ihm erwarte. «Aber ich glaube nicht, dass Lawrow alles glaubt, was er sagt, dazu ist er zu intellektuell, zu smart.»

Greminger sagt auch, Lawrows Respekt gewinne man nicht, indem man nett und diplomatisch sei. «Sondern indem man auch klar sagt, wo man mit ihm nicht einig ist.» Vielleicht war ja Wadephuls erstes Treffen mit Lawrow keineswegs so misslungen, wie die Russen es jetzt darstellen.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

1 Kommentar

Caroline Jemima Adler

Heute

2 Empfehlungen

Herr Scholl, Chapeau. Sie prüfen Lawrows «erneut» an den Merz-Zitaten und finden es nicht. Das trennt Journalismus von Propaganda. Lawrow begann als eleganter Profi, Annan lobte ihn. Heute alt geworden und gehorsam. Greminger sagt es: PR-Agent seines Präsidenten. Seine Schule ist das MGIMO, nicht der KGB. Starre Sowjet-Diplomatie, Realpolitik nur, bis Grenzen wanken. Sein Boss? Myopic. System Putin ist Stalins vertikale Macht im Brioni-Anzug: zwanzig Jahre Ruin, beschleunigt durch den Capital Mistake Ukraine, und Moskau stützt noch immer die Mullahs. Teheran? Kleriker, die uns Ungläubige hassen, Juden und Christen, an der Schwelle zur Nuke. Erst Israel, dann Erpressung von Rom bis Zürich. Kosten in USD Trn., dazu ein Ölpreis-Schock. Make no mistake. Bleibt das Rätsel Weltwoche. Roger Köppel kämpft zu Recht gegen die ungewählte von der Leyen und für freie Rede, bläst aber das Horn für Putin und Lawrow. Manche lieben das Rampenlicht mehr als die eigene Doktrin. Pascal Najadi, Gründer dieses Hauses und mein Mentor, schrieb Tolstoi in der Staats Duma im Januar 2022, einen Monat vor dem Einmarsch. Antwort: nein. «Putin's Capital Mistake», 6.3.2026. Gratis sign-up. Jetzt Economic Fury. Seit 24.8. Economic Outcast, Bessent: Wer für Teheran wäscht, fliegt aus dem Dollar. MBaer zeigte am 26.2.: Iran und Russland, dieselben Kanäle. Unser Call, datiert: Russische Assets und Enabler kommen ins neue, SI-gestützte KYC/AML-Raster. Banken wählen: comply with Treasury, oder Dollar-Stecker gezogen, Kollaps, dann der long arm des DOJ, Patriot Act inklusive. Gut für Demokratie und Frieden: Das Krebsgeschwür globaler Korruption wird entfernt. Mein Requiem auf Marxismus und Political Islam, in meiner Stimme, auf YouTube. Our Najadi Network Doctrine: SI checks all data before we print. Schönen Sonntag, danke für die Präzision. Autarchic private Bureau. Non-NGO. Non-Commercial. Jemima Adler Public Affairs GeoStrat Agency LLC Washington, DC

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