Das Wasserschloss trocknet aus – die Schweiz muss sich auf harte Verteilungskonflikte mit den Nachbarländern einstellen
Italien und Frankreich schielen auf die Wasserreserven im Tessin und in der Genferseeregion. Mit zunehmenden Dürren steigt der Druck auf die Schweiz. Ausgerechnet jetzt spart der Bund bei der Wasserforschung.
Gina Bachmann, Karoline Edrich (Text)09.08.2026, 05.30 Uhr
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Der Wasserpegel des Lago Maggiore ist in diesem Sommer extrem tief.
Jean-Christophe Bott / Keystone
Marco Spiller schaut auf den braunen Schlick am Ufer vor seiner Bar am Lago Maggiore, ein paar Kilometer östlich von Locarno. Spiller wäre bereit für die Badegäste: Latinomusik schallt aus den Lautsprechern, im Kühlschrank hinter dem Tresen stehen Bierflaschen, und auf einer kleinen Schiefertafel werden Hotdogs für sechs Franken angeboten. Gäste hat es an diesem heissen Augusttag aber kaum. Wegen der Dürre hat sich der See weit zurückgezogen, nun liegt der schlammige Grund frei. Nur ein paar wenige Schwimmer waten durch den Schlick ins Wasser. Eine Boje liegt einsam auf einer Schicht vertrockneter Algen.
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Spiller betreibt die Strandbar seit fünfundzwanzig Jahren. Der tiefe Pegelstand ist schlecht für sein Geschäft. «Die Leute kommen nicht mehr, weil sie durch den Schlamm gehen müssen», sagt er. Im Juli hat die Bar nur halb so viel Umsatz gemacht wie üblich. «Wenn das die kommenden Jahre so weitergeht, bekomme ich wirtschaftliche Probleme», sagt Spiller.
Willkommen im Schweizer Hitzesommer. Auf dem Rhein fahren die Schiffe wegen des tiefen Pegels nur noch mit einem Drittel der üblichen Ladung, die braunen Ränder des Bodensees sind schon vom Weltall aus zu sehen, und der Lago Maggiore steht kurz davor, den tiefsten je im Juli gemessenen Wasserstand von 1976 zu unterschreiten. Die Dürre verknappt das Wasser, sie macht es kostbar – und umkämpft.
Im Juli hatten die Behörden der italienischen Region Piemont das Tessin aufgefordert, mehr Wasser aus den Stauseen abfliessen zu lassen, weil die regionale Landwirtschaft unter der Dürre leide. Die kantonalen Behörden antworteten jedoch mit einem klaren «No», denn auch im Tessin sind die Wasservorräte knapp geworden. Bereits im Hitzesommer 2022 hatte Italien bei den Tessiner Behörden interveniert, doch auch damals verteidigte das Tessin die Reserven in den Stauseen, weil damit im Winter Strom produziert wird.
Die Schweiz besitzt 6 Prozent der Wasservorräte Europas. In Zeiten des Klimawandels ist dies eine Ressource, die Begehrlichkeiten weckt.
Klaus Lanz ist Hydrologe und erforscht die Schweizer Gewässer seit dreissig Jahren. «Es ist fast ohne historisches Vorbild, was diesen Sommer geschieht», sagt er. 2021 hat er im Auftrag des Bundesamts für Umwelt eine umfassende Studie zur Auswirkung des Klimawandels auf die Schweizer Wasserwirtschaft vorgelegt und die Situation der Grenzgewässer studiert. Er ist überzeugt, dass sich die Verteilungskonflikte zwischen der Schweiz und ihren Nachbarländern zuspitzen werden.
Tessiner Politiker pocht auf Abkommen mit Italien
Ein paar Kilometer südlich von Marco Spillers Strandbar befindet sich das Naturschutzgebiet Bolle di Magadino. Hier mündet der Fluss Ticino in den Lago Maggiore. An den Halmen des Schilfs ist dreissig Zentimeter über dem Boden ein brauner Streifen zu sehen. «Normalerweise steht der See um diese Jahreszeit bis hier», sagt Bruno Storni und zeigt auf den braunen Strich. Er ist Tessiner SP-Nationalrat und lebt in der Gegend. Im Lago Maggiore hat er schwimmen gelernt. Heute setzt er sich dafür ein, dass die Magadinoebene besser geschützt wird. Denn anders als bei den Tessiner Stauseen entscheidet beim Lago Maggiore vor allem Italien darüber, wie viel Wasser im See bleibt.

Bruno Storni ist seit 2019 Nationalrat für die SP. Er lebt in Tenero, einer Gemeinde am Lago Maggiore.
PD
Das Problem sind die zunehmenden Schwankungen des Seepegels. Im Sommer sinkt der Wasserstand bei extremen Dürren stark, im Frühling kommt es immer häufiger zu Überschwemmungen wegen Unwettern. Dann leidet nicht nur das Schilf der Magadinoebene, das Storni so gefällt, sondern auch die umliegenden Orte, wenn deren Promenaden und Gassen überflutet werden, so wie vor zwei Jahren in Locarno.
Die Überschwemmungen haben nicht nur mit dem Klimawandel zu tun, welcher starke Regenfälle häufiger macht. Sie sind auch die Folge eines zu hohen Seepegels – und dafür gibt Storni den Italienern die Schuld. Diese regulieren den Pegelstand mit dem Wehr am südlichsten Zipfel des Lago Maggiore. Das Wehr stammt aus den 1940er Jahren und befindet sich vollständig in italienischem Besitz. Zwar gibt es Vereinbarungen mit den Tessiner Behörden, doch viel zu melden haben diese dort nicht. Das sorgt für Spannungen.
Denn der Schutz der Tessiner Ufer steht im Kontrast zu den Interessen der italienischen Landwirtschaft. Italien will den Pegel im Frühsommer möglichst hoch halten, damit die Landwirte in der Anbausaison Wasser für ihre Felder ableiten können. Deshalb haben die Italiener den Pegel in den vergangenen Jahren stets um ein paar Zentimeter erhöht. Die zuständige italienische Behörde schreibt dazu, es handle sich um eine wissenschaftlich fundierte Versuchsphase, bei der getestet werde, wie hoch der See gestaut werden könne, ohne die Sicherheit und die Qualität der Uferlandschaften zu gefährden.
Bruno Storni sieht das anders. «Italien experimentiert mit einem höheren Wasserpegel, und wir können nichts dagegen tun», sagt er. «Es kann nicht sein, dass das Tessin den Interessen der italienischen Bauern ausgeliefert ist.» Storni fordert deshalb ein Abkommen mit Italien, und zwar auf höchster Ebene: Der Bund soll direkt mit der Regierung in Rom verhandeln – und die Schweiz beim Wasserstand des Lago Maggiore endlich mitreden können.
Verhandlungen mit Frankreich dauerten zehn Jahre
Wie delikat solche Verhandlungen sind, zeigt sich am Beispiel der Rhone. Sie ist einer der längsten Flüsse Westeuropas, entspringt im Wallis, mündet in den Genfersee und fliesst durch Südfrankreich bis ins Mittelmeer. Jahrzehntelang hat die Schweiz den Genfersee weitgehend allein reguliert und damit die Abflussmenge der Rhone westlich des Sees bestimmt. Frankreich hat sich kaum eingemischt. Das änderte sich ab 2011, einem Jahr mit einer ähnlich schlimmen Dürre wie jetzt.
Dem grossen Atomkraftwerk Bugey bei Lyon mangelte es plötzlich an Wasser, um die Reaktoren zu kühlen. Auch die Winzer und Bauern im Vallée du Rhône litten an Wassermangel. Darauf begann die französische Regierung, auf ein Abkommen mit der Schweiz zur Regulierung der Abflussmengen zu pochen.
Der Genfer Politologe Christian Bréthaut hat diese Verhandlungen eng verfolgt. Er sagt, Frankreich habe massiv Druck auf die Schweiz ausgeübt. «Die französische Regierung hat realisiert, dass der Genfersee ein gigantisches Wasserreservoir darstellt und von hoher geostrategischer Bedeutung ist für seine südlichen Landesteile», sagt er. Das Lobbying sei auf höchster Ebene vom früheren Staatspräsidenten François Hollande sowie vom derzeitigen Präsidenten Emmanuel Macron ausgegangen.
Doch die Verhandlungen waren hart, sie dauerten mehr als zehn Jahre. «Der Bundesrat wollte nicht voreilig unterzeichnen, sondern das hydrologische System vorher genauer erforschen lassen, auch im Hinblick auf die Veränderungen der Wassermengen durch den Klimawandel», sagt Bréthaut. Vergangenes Jahr wurden schliesslich zwei Abkommen unterzeichnet, eines über die Rhone, eines über den Genfersee. Sie erlauben den Franzosen nun etwas mehr Mitsprache, etwa in Phasen extremer Trockenheit. Ob sich Frankreich damit zufriedengeben wird, muss sich erst zeigen. Noch laufen die Arbeiten zur Umsetzung.
Auch im Inland führt die Wasserknappheit zu Verteilungskonflikten, denn auch hier konkurrieren die Interessen von Trinkwasserversorgern, Landwirtschaft und Industrie. Doch ausgerechnet nun, da die Planung und das sogenannte Wassermanagement wichtiger werden, spart der Bund bei der Wasserforschung.
So kritisieren Fachleute, dass der Bund per Ende Jahr den Hydrologischen Atlas der Schweiz einstellt. Dabei handelt es sich um eine wissenschaftliche Plattform, auf der seit vierzig Jahren Daten zu Schweizer Flüssen und Seen gesammelt und aufgearbeitet werden. Für jedes Gewässer der Schweiz finden sich dort Informationen zu Abflussmengen, Niederschlag oder Wasserqualität. Solche Daten sind unentbehrlich, wenn es zum Beispiel darum geht, einen Hochwasserdamm zu bauen oder ein Flussbett zu verbreitern.
Bettina Schaefli, Professorin für Hydrologie an der Universität Bern, hat deshalb kein Verständnis für den Entscheid. «Für Kraftwerkbetreiber und lokale Behörden ist der Atlas ein sehr wichtiges Planungsinstrument», sagt sie. Dass der Bund ausgerechnet in Zeiten des Klimawandels und zunehmender Extremereignisse bei der Wasserforschung spart, findet sie «bedenklich».
Das Bundesamt für Umwelt teilt dazu mit, dass die Daten in Systeme des Bundes überführt würden und so «Synergien» genutzt und die «allgemeinen Betriebskosten» gesenkt würden. Unter Fachleuten ist hingegen klar, dass die Daten künftig mit einem viel grösseren Aufwand zusammengesucht werden müssten und nicht mehr aktualisiert würden. «Damit geht viel Wissen verloren», sagt Schaefli.
Lange galt die Schweiz als Wasserschloss. Aber der Hydrologe Klaus Lanz findet dieses Bild problematisch. «Es suggeriert, dass wir Wasser im Überfluss haben und dass wir uns nicht darum kümmern müssen», sagt er. «Aber das stimmt schon lange nicht mehr.»

Der Lac des Brenets im Neuenburger Jura ist nahezu vollständig ausgetrocknet.
Jean-Christophe Bott / Keystone
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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