Interview
Der arbeitslose Swissair-Pilot von Rio 25 Jahre nach dem Grounding: «Es war eine leichte Befehlsverweigerung, was wir gemacht haben»
Daniel Riediker war Co-Pilot bei der Swissair, als dieser 2001 das Geld ausging. Heute fliegt er für die Swiss und sagt, dass alles ganz anders sei als damals. Vor allem, weil es sich nun um eine deutsche Airline handle.
27.09.2026, 05.30 Uhr
8 Leseminuten

Daniel Riediker war als Co-Pilot für die Swissair in Südamerika unterwegs, als diese gegroundet wurde.
Markus A. Jegerlehner / Keystone
Ein Pilot in Badehosen, der gedankenverloren aufs Meer schaut. Im Hintergrund die Hügel von Rio de Janeiro. Seiner Arbeitgeberin, der legendären Swissair, war soeben das Geld ausgegangen. Wie es mit ihm weitergehen sollte, war zu diesem Zeitpunkt völlig offen.
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Das Bild von Daniel Riediker ging um die Welt. Der Mann auf dem Foto vom 2. Oktober 2001 ist heute noch Pilot. Er redet nur noch selten über den Moment, der ihn berühmt gemacht hat. Anlässlich des 25. Jahrestags des Swissair-Groundings hat er sich aber bereit erklärt, über diesen Tag zu sprechen, der Schweizer Wirtschaftsgeschichte schrieb.
Frage: Sind Sie der Swissair-Pilot , der am 2. Oktober 2001 am Strand von Rio sass und aufs Meer schaute?
Antwort: Ja, ich war Co-Pilot von Gerhard Zumstein, dem Captain. Er ist in der Zwischenzeit verstorben. Sein Sohn war Maître de Cabine und arbeitete nebenbei für die Fotoagentur Keystone. Als die Swissair gegroundet wurde, riefen die ihn an und sagten: Schick mal ein paar Stimmungsbilder!
Frage: Das Foto mit Ihnen wurde später prämiert. Sie sind Teil der Schweizer Geschichtsschreibung geworden.
Antwort: Es wurde zum Symbolbild für den ganzen Zusammenbruch der Firma. Entstanden ist es am Nachmittag am Tag des Groundings. In dieser Serie sind ganz viele Bilder entstanden. Wir haben einiges ausprobiert. Der Fotograf Markus Jegerlehner hat später sogar das Bundesratsfoto geschossen. Es war der Start zu seiner zweiten Karriere als Fotograf. Wir haben heute noch guten Kontakt.
Frage: Das Grounding war für die Schweiz ein Schock. Wussten Sie damals, was in Zürich abging?
Antwort: Man vergisst, dass es vor 25 Jahren noch keine Smartphones gab. Wenn wir uns in unserem Hotel ins Internet einloggen wollten, hat die Seite fünf Minuten gebraucht, um zu laden. Das hat uns ein bisschen ferngehalten von allem. Aber das war gar nicht so schlecht.

Daniel Riediker.
Privat
Frage: Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie in Rio steckengeblieben sind?
Antwort: Wir waren die einzige Crew, die im Ausland geblieben ist. Alle anderen wurden repatriiert. Wir hatten bereits zwei Flüge hinter uns an diesem Tag. Wir haben dann entschieden, dass wir in Rio bleiben.
Frage: Warum das?
Antwort: Unser Flug sollte der letzte von Captain Geri Zumstein vor seiner Pensionierung sein. Die Rotation Zürich–Rio de Janeiro–Buenos Aires und zurück war damals eine der letzten mit ein paar Freitagen dazwischen. Deshalb hat er sie ausgewählt. Dass der Flug mitten in ein Grounding fällt, hat natürlich niemand erwartet.
Frage: Wie haben Sie vom Grounding erfahren?
Antwort: Wir waren auf dem Flug Rio–Buenos Aires. Da kam eine Nachricht: Die Flotte liegt am Boden, ihr werdet irgendwann heimgeholt. In Buenos Aires hat man das noch nicht mitbekommen. Wenn die das gewusst hätten, hätten sie uns nicht mehr tanken lassen für den Flug zurück nach Rio.
Frage: Warum sind Sie dann in Rio gestrandet?
Antwort: In Rio hat eine Crew für den Rückflug nach Zürich auf das Flugzeug gewartet. Unsere Crew hätte eigentlich ab Rio als Passagiere heimfliegen sollen. Unser Kapitän hat uns dann aber versammelt, als wir in Rio gelandet waren. Er wollte von jedem von uns wissen, ob wir bleiben oder zurückfliegen sollen. Er hat alle angehört und sagte am Ende in seinem breiten Berner Dialekt: Wenn das das Ende der Swissair ist, müssen wir nicht «seckle».
Frage: Was sagte Zürich dazu?
Antwort: Die waren natürlich nicht begeistert. Es war eine leichte Befehlsverweigerung, was wir gemacht haben. Aber wer hätte das noch durchsetzen sollen? Es wurde zu unserem Motto, das wir auch Zürich durchgegeben haben: Wenn das die Beerdigung ist, müssen wir nicht «seckle».
Frage: Haben Sie den Aufenthalt selbst bezahlt?
Antwort: Wir waren bereit dazu. Ich hatte das Glück, dass meine Kreditkarte nicht von der Swissair herausgegeben wurde. Die von den anderen wurden innerhalb weniger Stunden gesperrt, obwohl es private Karten waren. Ich bin deshalb bis heute nicht gut auf diese Banken zu sprechen – auch wegen ihrer Rolle beim Grounding.
Frage: Sie hatten also noch Geld?
Antwort: Ja, aber die anderen zum Teil nicht mehr. Unser Hotel hat uns zum Glück nicht rausgeschmissen wie andere Swissair-Crew-Hotels, weil wir über Jahrzehnte Kunden waren. Aber wir konnten am Empfang keine Checks mehr einlösen, wie das üblich war. Wir haben uns aber immer nachmittags um die gleiche Zeit in der gleichen Beiz zum Apéro getroffen und gefragt: Wer braucht noch Geld? Die anderen waren teilweise blank. Dann haben wir eben verteilt.
Frage: Was haben Sie in Rio gemacht?
Antwort: Wir sind an ein Fussballspiel im Maracanã-Stadion gegangen. Wir sind auf den Zuckerhut. Einmal pro Tag wurden wir aufdatiert, wie es mit der Firma weitergeht. Es gibt schlimmere Orte, um gestrandet zu sein, als Rio de Janeiro.
Frage: Wie ging es Ihnen emotional? War das nicht belastend?
Antwort: Es war unterschiedlich. Einige in der Besatzung hatten jeden Tag Tränen in den Augen. Aber grundsätzlich war die Stimmung gut. Bei mir persönlich kam dazu, dass meine Frau hochschwanger war.
Frage: Kamen Sie rechtzeitig heim zur Geburt?
Antwort: Jaja. Drei Wochen später kam unser dritter Sohn zur Welt. Notfalls hätte ich ein Billett gebucht und wäre heimgeflogen.
Frage: Hatten Sie keine Angst um Ihre Existenz? Gerade mit dem dritten Kind auf dem Weg?
Antwort: Natürlich machte ich mir Gedanken. Ich war ursprünglich Profi-Militärpilot und habe überlegt, dass ich vielleicht zurück zum Militär könnte. Aber ich war schon damals sicher: Irgendwie geht’s weiter. Vielleicht heisst die Firma dann ein bisschen anders.
Frage: So kam es ja dann auch.
Antwort: Genau. Im April 2002 hiess das Unternehmen dann Swiss International Airlines. Mit einer anderen Finanzierung, einer anderen Auffanggesellschaft – und natürlich anderen Arbeitsbedingungen.
Frage: Hat Sie das Grounding viel Geld gekostet?
Antwort: Ich habe bei der Swiss acht Jahre gebraucht, bis ich wieder denselben Lohn hatte wie bei der Swissair. Von der Pensionskasse ganz zu schweigen.
Frage: Hatte es keine Konsequenzen, dass Sie in Rio geblieben waren?
Antwort: Nein. Am Ende waren sie in Zürich enorm froh, dass wir dort geblieben waren. Nach ein paar Tagen wurde der Flugbetrieb ja wieder aufgenommen. Alle Crews mussten neu positioniert werden. Nur wir nicht. Wir machten noch einmal die Rotation Rio–Buenos Aires–Rio und flogen dann heim. Statt der ursprünglich geplanten zehn Tage dauerte die Reise fünfzehn Tage.
Frage: Sind noch viele Kollegen von damals heute bei der Swiss dabei?
Antwort: Aus der Besatzung von Rio sind es noch drei, vier. Mit einem Flight-Attendant bin ich kürzlich nach Johannesburg geflogen. Aus Swissair-Zeiten gibt es noch einige, aber sie sterben langsam aus.
Frage: Was machen Sie am 2. Oktober, dem Jahrestag des Groundings?
Antwort: Am Abend fliege ich nach Johannesburg. Ich freue mich sehr.
Frage: Wie blicken Sie heute auf das Grounding zurück? Hätte man das vermeiden können?
Antwort: Es wurde typisch schweizerisch gelöst. Hochkorrekt bis zum Schluss. Obwohl die Kassen schon längst leer waren, hat man im Sommer 2001 immer noch Millionen an die verschuldeten ausländischen Airlines im Verbund geschickt. Verträge sind schliesslich Verträge. Dann hat man die Swissair in Konkurs gehen lassen. Andere Länder wären vielleicht patriotischer gewesen und hätten eine Rettung gefunden. Das Grounding hat die Schweiz zwar erschüttert, der Preis einer Rettung schien dennoch zu hoch.
Frage: Mit was für einer Maschine waren Sie damals in Rio?
Antwort: Mit einer MD-11. Heute fliege ich Airbus 330 und 340. Nach Brasilien fliege ich aber leider nicht mehr. Heute steuert die Swiss ja nur noch São Paulo und Buenos Aires an, aber das sind Boeing-777-Destinationen. Heute fliege ich am liebsten nach Johannesburg.
Frage: Sie sind immer noch als Pilot für die Swiss auf der Langstrecke tätig.
Antwort: Eigentlich hätte ich nächstes Jahr pensioniert werden sollen. Aber ich habe gerade um ein Jahr verlängert bis 62. Jetzt wird’s Mai 2028. Aber das Alter spüre ich schon. Man wird zweimal im Jahr genau untersucht.
Frage: Je älter man wird, desto schlimmer wird in der Regel der Jetlag. Wie gehen Sie damit um?
Antwort: Man hat so seine Techniken. Und es kommt sehr darauf an, wo man hinfliegt. Richtung Osten – etwa nach Schanghai – schaue ich, dass ich zu Schweizer Zeit lebe. Es ist sehr individuell. Regelmässiges Kraft- und Ausdauertraining hilft mir.
Frage: Wie haben sich das Unternehmen und die Schweizer Aviatik seit dem Grounding verändert?
Antwort: Es ist ganz anders als damals. Am markantesten ist: Es ist eine deutsche Firma geworden, Mitglied der Lufthansa-Gruppe, die versucht Swissness zu verkaufen. Kein einfaches Unterfangen.
Frage: Merkt man den Kulturunterschied?
Antwort: Sehr stark. Wir haben mittlerweile nicht nur im Management sehr viele Deutsche, sondern auch im Korps. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren sind überwiegend deutsche Piloten zu uns gekommen. Da wird anders kommuniziert. Die Konflikte werden härter ausgefochten. Wir haben eine gemeinsame Sprache, aber die kulturelle Prägung unterscheidet uns wesentlich. Der Arbeitskampf wird ganz anders ausgetragen. Gerade wird ja ein neuer Gesamtarbeitsvertrag ausgehandelt.
Frage: Man muss aber sagen: Die Swiss hat Erfolg mit der Lufthansa.
Antwort: Ja, allen Unkenrufen zum Trotz. Nach dem Grounding hiess es ja, dass die Swiss mit dem reinen Flugbetrieb – also ohne Swissport, SR Technics, Gate Gourmet und all die anderen Firmen, die damals zur Swissair gehörten – nie Erfolg haben werde. Heute sind wir sehr erfolgreich unterwegs. Das ist sicher auch dem Lufthansa-Konzern zu verdanken.
Frage: Wie haben Sie denn die Covid-Pandemie erlebt?
Antwort: Das war das zweite Grounding, das ich erlebt habe. Es war fast schlimmer als das erste. Während Covid hatten wir Piloten, die anderthalb Jahre nie geflogen sind. Ich selbst bin einmal mit zwei Passagieren nach New York geflogen – einfach, damit wir die Slots behalten konnten. Man muss aber auch erwähnen, dass wir achtzig Prozent des Lohnes bekamen. Im Rückblick muss ich sagen: Ich hatte bei vielem im Leben viel Dusel.
Frage: Wir treffen uns in Waldibrücke neben dem Militärflugplatz Emmen. Sie sind gerade im Dienst . . .
Antwort: . . . ja, bis 2018 war ich noch Kampfjetpilot. Jetzt fliege ich Pilatus Porter, aus denen die Fallschirmspringer springen. Wir sind unter anderem noch ein paar alte Säcke, die das machen dürfen. Es ist ein riesiges Privileg.
Frage: Sie haben Ihr Leben der Fliegerei gewidmet. Haben Sie nie überlegt, etwas anderes zu machen?
Antwort: Einmal habe ich gekündigt und vier Jahre etwas anderes gemacht, weil ich ein gutes Angebot hatte. Aber die Fliegerei – das sage ich jetzt einmal ganz direkt – macht einen ein Stück weit untauglich für einen Beruf ausserhalb des Cockpits.
Frage: Wie meinen Sie das?
Antwort: Die Fliegerei verzeiht sehr wenig, und man muss den Fakten in die Augen schauen. Denn Fehler können schnell schwerwiegende Konsequenzen haben oder tödlich sein. Wenn der Berg 3000 Meter hoch ist, können wir nicht einfach am Höhenmesser schrauben, um ihm auszuweichen. Da bietet die Privatwirtschaft ausserhalb der Aviatik erfahrungsgemäss kreativere Betrachtungsweisen. Für einen Piloten ist das schwerstverdaulich.
Frage: Also sind Sie zurück zur Swiss?
Antwort: Ja, ich bin dorthin zurück, wo meine Passion ist und wo ich hinpasste. Aber diese vier Jahre ausserhalb des Unternehmens haben mich siebzehn Dienstjahre gekostet.
Frage: Warum das?
Antwort: Wir haben ein striktes Senioritätsprinzip. Wer aufhört, muss in der Regel wieder ganz unten anfangen als Co-Pilot auf der Kurzstrecke, wenn er wieder einsteigen will. Also habe ich mich wieder hochgearbeitet. Heute bin ich Co-Pilot auf der Langstrecke – wie damals 2001 in Rio.
Frage: Wollten Sie nie Captain werden?
Antwort: Ich hatte ein Angebot mit Pensionierung auf der Kurzstrecke. Das habe ich abgelehnt, denn ich wollte auf der Langstrecke bleiben. Wenn nötig als Co-Pilot. Das passt besser zu meinem Leben.
Frage: Was lernt man über das Leben, wenn man die Welt von oben sieht?
Antwort: Man sieht vieles, was normalen Leuten ausserhalb der Aviatik verborgen bleibt. Auf dem Weg nach Schanghai fliegt man zum Beispiel stundenlang über Solarparks und Windräder und Kraftwerke. Das ist schon eindrücklich und rückt vieles in ein anderes Licht.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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