Die Schweizer Bildungslücke schrumpft – doch aus dem falschen Grund
Bei den Pisa-Studien rücken privilegierte und benachteiligte Kinder näher zusammen. Das klingt nach mehr Chancengerechtigkeit – ist aber nur die halbe Wahrheit.
Melanie Häner-Müller27.09.2026, 05.30 Uhr
3 Leseminuten

Pisa misst auch Bildungsunterschiede: Ein Schüler korrigiert das Wort «PISA» an einer Schultafel.
Johannes Simon / AP
Die neuen Pisa-Zahlen, der internationale Leistungstest für 15-Jährige, geben viel zu reden. Am meisten Diskussionsstoff liefern verständlicherweise die über die Zeit rückläufigen Leistungen der Schülerinnen und Schüler: Die Schweiz liegt zwar weiterhin über dem OECD-Schnitt, doch in Mathematik und Lesen sind die Leistungen seit 2015 deutlich gesunken.
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Ein zweiter, unter Wissenschaftern kontrovers diskutierter Befund wirkt dagegen erfreulich: Die Leistungsunterschiede zwischen Kindern aus privilegierten und jenen aus benachteiligten Familien sind offenbar kleiner geworden. Doch auch hier lohnt sich ein genauer Blick. Bei den Kindern aus weniger privilegierten Familien ist der Anteil jener, die Mindestkompetenzen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften erreichen, zwar leicht gestiegen. Deutlich stärker aber ist er bei den Kindern aus privilegierten Familien gesunken. Die Lücke ist also kleiner – vor allem aber, weil laut der Pisa-Studie die Spitze abgefallen ist.
Umso wichtiger ist die Frage, was Chancengerechtigkeit eigentlich bedeutet. Im Extremfall liesse sich vollständige Gleichheit schliesslich auch erreichen, wenn niemand mehr rechnen oder lesen könnte. Nur wäre damit keinem Kind geholfen. So hält denn auch der diesjährige Pisa-Bericht zur Schweiz zu Recht fest, dass damit noch keine echte Bildungsgerechtigkeit entstehe. Es geht vielmehr darum, dass möglichst alle Jugendlichen jene grundlegenden Fähigkeiten erwerben, die ihnen gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen – unabhängig von ihrer Herkunft. Die Frage lautet deshalb nicht: Wie bekommen wir die Abstände kleiner? Sondern: Wie bekommen wir die Jugendlichen von unten nach oben?
Die Bedeutung des dualen Bildungssystems
Eine Antwort darauf liegt im Schweizer Bildungssystem selbst. Rund zwei Drittel der Jugendlichen treten nach der obligatorischen Schule in die Berufsbildung ein. Sie verbindet die Ausbildung im Betrieb mit dem Unterricht an der Berufsfachschule. Anders als in vielen Ländern ist die berufliche Bildung in der Schweiz kein Auffangbecken für jene, die es nicht auf den akademischen Weg geschafft haben, sondern ein etablierter und breit anerkannter Bildungsweg.
Dazu kommt, dass die Berufslehre vielfach nicht die Endstation ist. Wer später weitergehen möchte, kann über die höhere Berufsbildung oder die Berufsmaturität und eine Fachhochschule einen tertiären Abschluss erwerben. Studien zeigen, dass dieses duale und durchlässige System unterschiedliche Bildungswege eröffnet, die später zu ähnlich guten Arbeitsmarktergebnissen führen können. Das ist besonders wichtig, weil Kinder aus weniger privilegierten Familien deutlich seltener den akademischen Weg einschlagen. Für echte Chancengerechtigkeit ist entscheidend, dass diese frühe Weichenstellung nicht schon das ganze spätere Fortkommen bestimmt.
Netzwerke zwischen den Einkommensschichten
Neben dem dualen Bildungssystem gibt es eine weitere Schweizer Eigenheit, die die Chancengerechtigkeit massgeblich prägt: die starke Vernetzung zwischen den verschiedenen Einkommensschichten. Der Fussballverein oder der Wohnort mögen auf den ersten Blick wenig mit Chancengerechtigkeit zu tun haben. Gerade solche Orte können aber verhindern, dass die soziale Herkunft zugleich bestimmt, wen man kennt – und damit auch, welche Möglichkeiten man überhaupt sieht. Bei solchen Kontakten gehört die Schweiz zu den Spitzenreitern.
Gemeinsam mit Jonas Bühler und Christoph Schaltegger habe ich in einer neuen Studie untersucht, wie häufig soziale Netzwerke Einkommensgrenzen überschreiten. Grundlage sind international vergleichbare Befragungsdaten von mehr als 14 000 Personen aus 13 Ländern. Das Ergebnis: In der Schweiz kennen mehr als drei Viertel der Menschen aus der unteren Einkommenshälfte mindestens eine Person in einer beruflich hochgestellten Position – einen Firmenchef etwa oder eine Anwältin. In Deutschland, Frankreich und Grossbritannien sind es rund 60 Prozent, in Japan nur etwas mehr als ein Viertel.
Solche Bekanntschaften garantieren keinen Aufstieg. Sie können aber Türen öffnen. Wer in einer Familie aufwächst, in der niemand studiert hat, erfährt durch sein Umfeld vielleicht erstmals, welche Ausbildungsmöglichkeiten überhaupt existieren. Wer einen Lehrmeister, eine Nachbarin oder einen Vereinskollegen kennt, der sich in einer anderen sozialen Welt bewegt, erhält Informationen, Vorbilder und Kontakte, die im eigenen Umfeld fehlen. Und tatsächlich ist die Einkommensmobilität in Ländern tendenziell höher, in denen soziale Netzwerke häufiger Einkommensgrenzen überschreiten.
Das führt zurück zu Pisa. Eine kleinere Lücke ist nicht automatisch ein Erfolg. Entscheidend ist, warum sie kleiner geworden ist. Eine Gesellschaft wird nicht chancengerechter, wenn die Kinder oben weniger können. Sie wird chancengerechter, wenn die Herkunft immer weniger darüber bestimmt, wie weit jemand kommt. Dafür braucht es Bildungswege, die nach oben offenbleiben, und eine Gesellschaft, in der soziale Grenzen durchlässig sind.
Melanie Häner-Müller leitet den Bereich Sozialpolitik am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern.
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