Der Wal "Timmy" bewegte Herzen und verendete in Alstrom: Ein Nekrolog

Essay

Der Wal "Timmy" bewegte Herzen und verendete in Alstrom: Ein Nekrolog

Gedanken zu einem Drama, das mit dem Tod des im Mai die Berichterstattung beherrschenden Buckelwals nicht zu Ende war

Gerhard Strejcek

Ein toter Buckelwal liegt an der Küste der dänischen Insel Anholt auf sandigem Untergrund. Der Bereich ist mit rot-weißem Absperrband markiert. Im Hintergrund ist das Meer unter einem bewölkten Himmel zu sehen.
Der tote Buckelwal "Timmy" am Strand der dänischen Insel Anholt vor seiner Obduktion.

"Timmy" war ein mächtiger Buckelwal mit unebener, seepockiger Haut voller Kiesel, der zunächst in der namensgebenden Timmendorfer Bucht strandete, dann die Insel Walfisch (sic) besuchte, die für einen Meeressäuger als topografische Bezeichnung eine zoologische Zumutung darstellt. Die tierische Manifestation sanfter Ironie blieb den Menschen verborgen. Sodann steuerte Wal "Timmy" die Insel Poel in der Wismarer Bucht der Ostsee an, um im flachen Küstengewässer in Ruhe zu verweilen, ehe das Tier in einer aufwendigen Rettungsaktion von Menschen, deren Tierliebe außer Zweifel steht, aber rückblickend vereinnahmend erscheint, in tiefere Gewässer verbracht wurde; noch im Mai 2026 beherrschte Wal "Timmy" die Berichterstattung. In einer Barge wurde der Meeressäuger in die Nordsee verfrachtet, um dann vor Alstrom zu stranden und zu verenden. Kritische Stimmen meldeten sich zu Wort: Man hätte von der ersten Sichtung des moribunden Tiers bei der Ostseeküste an der Natur ihren Lauf lassen sollen. Andere hoben die achtenswerten Motive der gescheiterten Helfer hervor. Tierleben retten zu wollen, sei anerkennenswert und Zeichen der Humanität, betonte Till Backhaus, Klimaminister von Mecklenburg-Vorpommern.

Respektlose Selfianer

Das Drama war mit dem Wal-Exitus nicht zu Ende, es tauchten in Alstrom respektlose Selfianer auf, denen es an Pietät fehlte. Sorgen entstanden, der aufgedunsene Leib könnte explodieren. Knapp vor dem Tag, den wir "Christi Himmelfahrt" nennen, der auch im romanischen Sprachraum so genannt wird (etwa jour de l'Ascension in Frankreich), und der dieses Jahr auf den 14. Mai fiel, ist Wal "Timmy" dann in dänischen Gewässern verschieden. Friede seiner Walseele! "Timmy" machte von seinem Walrecht Gebrauch, in Ruhe sterben zu dürfen, aus ethischen Gründen wartete er aber ab, bis die Menschen außer Sichtweite waren, dann überquerte er die Schranke nach Walhalla. "Farvel", sagt man auf Dänisch, wenn man einander Lebewohl wünscht.

Wale kommen nicht in den Himmel, sondern sie tauchen wegen der Gärungsprozesse als Kadaver auf. Was die Seevögel übriglassen, sinkt nach dem Verenden und Aufbrechen ab, oft finden sich noch Jahrhunderte nach einem Waltod unheimliche Spuren am Meeresgrund. Aas zieht zahlreiche Tiere an, das gilt nicht nur an Land, sondern auch in den Tiefen der Weltmeere. Fast alle Meeresbewohner bedienen sich tage- und monatelang am Walfleisch, die Natur hat für ein Festmahl vorgesorgt. Wer diese Fledderei als abstoßend empfindet, muss womöglich vor der eigenen Tür im Erdgeschoß der humanen Nahrungsaufnahme kehren. Bonvivants und Gourmets genießen adrett zugerichtete Meeresfrüchte, sie bevorzugen längst entseelte und nicht mehr furchterregende Tiefseefische wie den Seeteufel, sägen an vorgelegten Tintenfischtorsi, bevorzugen Seezungen, die nicht so schnalzen, wie jene der Gustierenden.

Die traurige Wahrheit lautet, dass Wale zu den meistgejagten Lebewesen der Meere zählten. Der Wal war nicht Freund des Menschen, es ging nicht um dessen Erhaltung oder gar um dessen Rettung. Im Gegenteil, die Angst überwog, Wale wurden zu Monstren hochstilisiert. Die Walfänger rückten mit ihren Flotten aus und schlachteten deutlich mehr Tiere, als der Bedarf an Fleisch es erforderte, denn der Wal wurde allmählich zum Rohstofflager für industrielle Zwecke. Nicht Japan, sondern das Deutsche Reich der Weimarer Republik war Walproduzent Nr. 1, woran der Walfänger Rau in Bremerhaven erinnert.

Vom Wal verschluckt

Zum bedrohlichen Ruf der Meeressäuger, die als monströse "Fische" missdeutet wurden, trug die biblische Geschichte des Propheten Jona bei, der vermutlich von einem Wal verschluckt wurde. Abwegig ist dieses Ereignis nicht, denn Walmäuler nehmen auch große Gegenstände auf, die nicht als Nahrung geeignet sind; dies beweist das Schicksal eines Kanufahrers, der in den Rachen eines Wals geriet, aber dank des Kanus nicht verschluckt wurde. Der Sportler als Zahnstocher musste nicht tagelang "inside the whale" ausharren, sondern nur wenige Sekunden, gleichwohl war es ein schockierendes Erlebnis des Kanuten. Mit der Jona-Parabel förderte das Alte Testament eine Ur-Angst des Menschen. Statt als schutzbedürftiges Lebewesen wurde der Wal als Ungeheuer charakterisiert.

Der amerikanische Autor Herman Melville hat in der Mitte des 19. Jahrhunderts die harten Sitten des Walfanges in sozialkritischer Weise beleuchtet. Der zu Filmehren gelangte "Moby Dick" war ein Pott- oder Zahnwal, der dem unleidlichen Kapitän Ahab ein Stück vom Bein abbiss. Ahab, der den Walfänger "Pequod" steuerte, von dem aus der Erzähler berichtet, war ein brutaler Kommandant, aber auch "Moby Dick" flößte der Leserschaft Angst ein. Melville trug viel zum Verständnis für die geknechteten Crews der Fängerflotten und ‑schiffe bei. Sein erster Wal-Roman war nicht Moby Dick (1851), sondern fünf Jahre zuvor die Abenteuergeschichte Typee (1846), die der Autor selbst erlebt hatte. Der Kaufmannssohn, desertierte von einem Walfänger namens "Acushnet" und strandete bei Eingeborenen. (Gerhard Strejcek, 15.8.2026)

Forum: 7 Postings

Ihre Meinung zählt.

Die Kommentare im Forum geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Benutzer:innen können diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H. vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.