Der wichtigste Preis, den die Branche zu vergeben hat, führt zu einer Verengung der Perspektive.
16.08.2026, 05.30 Uhr
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Ein einziger Schweizer ist beim Deutschen Buchpreis auf die Longlist gekommen: der Berner Giuliano Musio, der in seinem gerade erschienenen Roman «Aus anderem Holz» den Pinocchio-Stoff neu denkt.
Christian Beutler / Keystone
Der Deutsche Buchpreis, mit dem die Branche seit 2005 mit ansehnlichem Erfolg versucht, deutschsprachige Autorinnen und Autoren in die Bestsellerlisten zu lupfen, ist ja an sich eine gute Sache. Diese Woche hat man wieder zwanzig Romane ins Schaufenster gestellt; ein einziger Schweizer ist in die Kränze gekommen, der Berner Giuliano Musio denkt im gerade erschienenen Roman «Aus anderem Holz» den Pinocchio-Stoff neu.
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Während die Branche wie jedes Jahr aufgeregt darüber diskutiert, warum jener Text erwählt und dieser verschmäht wurde, geht ein Phänomen vergessen, das man seit einigen Jahren verfolgen kann. Der kommerziell wichtigste Buchpreis befördert nämlich einen Trend, den man in einem Gewerbe, das stolz darauf ist, verschiedenste Geschichten und Sichtweisen aus der ganzen Welt unter die Leserschaft zu bringen, so vielleicht gar nicht haben wollte. Die Bestsellerlisten werden immer lokaler, um nicht zu sagen: nationaler.
War es früher so, dass die Angelsachsen und andere Fremdsprachige die Listen regelmässig dominiert haben, so wimmelt es dazwischen heute von deutschsprachigen Autorinnen und Autoren. Das hat auch mit dem Buhei zu tun, das rund um den Deutschen Buchpreis veranstaltet wird und in der live übertragenen Zeremonie vor der Frankfurter Buchmesse seinen Kulminationspunkt findet. Es hat aber vor allem mit dem Internet und dem grassierenden Bedeutungsverlust traditioneller Vermittler von Literatur zu tun. Garantierte früher die Besprechung eines Buchs im «Literarischen Quartett» des Zweiten Deutschen Fernsehens Verkaufszahlen, die in die Zehntausende gingen, so sind es heute noch ein paar tausend. Die Wirkung von Besprechungen in den traditionellen Qualitätsmedien ist fast nicht mehr messbar.
Viel wichtiger, und das ist die anstrengende Nachricht für Autorinnen und Autoren, ist die Selbstvermarktung im Internet, die nicht selten unansehnliche Blüten treibt. Aber ein Schriftsteller, der das Ergebnis seiner Kopfgeburt unter die Menschen bringen will, muss heute, so schwer dies vielen fällt, auch ein Bühnentier sein. Und hier können die lokalen Autoren ihren geografischen Vorsprung gegenüber anderssprachigen Autoren nutzen.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»