Zürcher Verkehrsbetriebe: Warum muss immer alles neu sein?
Unser Autor mag Veränderung gar nicht. Die Zugabe.
Manfred Papst16.08.2026, 05.30 Uhr
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Der Haussegen bei den VBZ hängt schief. Tram- und Busfahrer kritisieren einen militärischen Führungsstil.
Christoph Ruckstuhl / NZZ
Dunkel erinnere ich mich an einen Satz, der nach dem Fall der Berliner Mauer kursierte: «Nix können’s lassen, wo’s is!» Ich meine, der Zeichner und Dichter F. W. Bernstein habe ihn geprägt. Auch zu Gerhard Polt würde er passen. Er könnte aber genauso gut von mir sein: Ich tue mich nämlich kolossal schwer mit Veränderungen, selbst mit solchen zum Besseren. «Quieta non movere», heisst es schon bei Sallust: Was ruht, soll man nicht bewegen.
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Zwar redet der Volksmund bisweilen auch dem Wandel das Wort, etwa wenn er behauptet, man gewöhne sich an allem, sogar am Dativ. Auf mich trifft das jedoch nicht zu. Ich weigere mich zum Beispiel, die neuen Linienführungen der Zürcher Verkehrsbetriebe einfach hinzunehmen. Seit dem 14. Dezember 2025 sind sie in Kraft. Ein schwarzer Tag für meinen Seelenfrieden! Ich bin zwar kein gebürtiger Zürcher; erst als 19-Jähriger wurde ich vom Gebirgssohn zum Unterländer, aber auch das ist immerhin ein halbes Jahrhundert her. Damals fuhr das Tram Nr. 2 nach Tiefenbrunnen. Das tat es genaugenommen sogar schon seit 1931. Die 8 fuhr zum Klusplatz, die 11 nach Rehalp usw.: Das war schon fast eine göttliche Ordnung. Jetzt aber ist plötzlich alles anders. Die 2 fährt zum Klusplatz, die 4 zur Rehalp, und ich frage: Verdammt noch mal, was soll das? Was hat die 8 am Zoo zu suchen, was die 11 in Tiefenbrunnen?
Natürlich sind die VBZ um Erklärungen nicht verlegen. Schliesslich haben sie eine fabulierfreudige Kommunikationsabteilung. Die löffelt mir ein, dass das alles so sein müsse: wegen der Grossbaustelle am Hauptbahnhof, weil die Menschen immer älter werden und im Minutentakt zu den Spitälern an der Forchstrasse fahren wollen, aus höheren logistischen Erwägungen, was weiss ich.
Mich können alle die Rechtfertigungen nicht überzeugen, und zwar aus einem simplen Grund: Auch Tramlinien haben eine Geschichte, und sie haben eine Seele. Ihre Nummern sind ihre Eigennamen und damit Teil ihrer Identität. Wir verwenden ja auch nicht neue Bezeichnungen für unsere Berge und Flüsse, nur weil jemand bei Schweiz Tourismus findet, Rigi und Säntis, Rhein und Aare seien nicht mehr zeitgemäss. Klar, diese Namen sind vielleicht noch eine Spur älter als die Nummern der Zürcher Tramlinien, aber wie diese sind sie Menschenwerk, und sie gehören fest zu dem, was sie bezeichnen.
Mir ist bewusst, dass ich auf verlorenem Posten kämpfe und allenfalls belächelt werde wie ein unverbesserlicher Royalist. Aber ich schwöre Ihnen: Die Linie, die mich zum Trammuseum an der Burgwies bringt, wird für mich immer die 11 bleiben. Die neuen Nummern betrachte ich als blosse Maskerade – und ich werde Luftsprünge machen, wenn der Spuk vorbei ist.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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