Stand: 23.08.2026, 08:00 Uhr
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In den Schützenvereinen im Stadtbezirk Uentrop dürfen Frauen seit einigen Jahren auf den Vogel schießen. Doch in Uentrop-Haaren scheiterte die Abstimmung über eine Satzungsänderung mit Zwei-Drittel-Mehrheit.
Hamm – Jahrzehntelang war die Rollenverteilung am Schützenplatz klar: Die Männer standen an der Vogelstange, die Frauen, wenn überhaupt, daneben.
Doch genau diese Ordnung ist ins Wanken geraten. Seit einigen Jahren nehmen die Hammer Vereine bis auf wenige Ausnahmen auch weibliche Mitglieder auf. Irgendwann stellte sich dann die naheliegende Frage: Wenn Frauen Mitglied sind – warum sollten sie dann nicht auf den Vogel schießen?

Warum wollen Frauen mitschießen?
„Wir sind ja nicht nur da, um die weißen Hosen und Hemden zu waschen. Wir möchten selber auch mitmarschieren.“ Für Frauen wie Renate Feldmann, die 2013 in Werries den Vogel abschoss, ist es heutzutage selbstverständlich, dass Frauen im Schützenverein in allen Belangen dazugehören. Dass einst eine Bekannte von ihr sagte, auf den Vogel zu schießen sei Männersache, ist ihrer Meinung nach „kompletter Blödsinn“: „Wir gehören ja nicht mehr hinter den Ofen wie vor 100 Jahren oder so.“
Während Renate Feldmann über die alte Rollenverteilung nur den Kopf schüttelt, kämpfen andere Schützenvereine im Uentroper Stadtbezirk noch immer mit genau dieser Frage. Und überhaupt gibt es bislang nur zwei Frauen, die eigenhändig den Vogel abgeschossen haben. In den Vereinen zeigt sich ein überraschend widersprüchliches Bild.
Was steht in den Satzungen?
„Sie sind gleichberechtigt und dürfen alles machen“, sagt der 1. Vorsitzende des Kirchspiel Märkischen Schützenvereins, Christian Berghoff, nachdem vor etwa drei Jahren die Satzung geändert wurde. Auch für die Schützen aus Braam-Ostwennemar ist das seit 2023 selbstverständlich. Ohne dass Frauen dafür kämpfen mussten, wurde der Punkt auf der Jahreshauptversammlung diskutiert und sich für Frauen im Verein entschieden. „Man lebt und macht alles miteinander und das gehört genauso im Schützenwesen mit dazu“, findet der 1. Vorsitzende Lukas Bohnenkamp. „Wir haben ganz klar gesagt, dass gleiches Recht für alle gilt“, erläutert er die Entscheidung, dass die weiblichen Mitglieder auch auf den Vogel schießen dürfen. Dem schließt sich auch Schmehausens Geschäftsführer Oliver Kreuzberg an: „Grundsätzlich darf jeder mitschießen, der im Verein ist.“ Dahingehend sei die Geschäftsordnung schon vor vielen Jahren geändert worden. Wer König werden möchte, müsse aber mindestens zwei Jahre Mitglied sein. Eine Aufnahmebeschränkung gibt es nicht.
Man lebt und macht alles miteinander und das gehört genauso im Schützenwesen mit dazu.
Überraschend ist allerdings: In manchen Vereinen hätten Frauen längst mitschießen dürfen – nur wusste es offenbar niemand. „Man hat immer gedacht, das dürfen nur die Männer, aber tatsächlich war es hier in unserer Satzung ja nie verboten“, erklärt Jörg Tapper, 1. Vorsitzender von den Allgemeinen Schützen aus Ostwennemar. „Es wurde gar nicht zwischen Mann und Frau unterschieden.“ Auch beim Schützenverein Norddinker Vöckinghausen Frielinghausen habe es eine derartige Vorschrift nie gegeben, erklärt 1. Vorsitzender Heinrich Elbers. Doch selbst dort, wo niemand Frauen vom Schießen abhielt, wurde die Möglichkeit trotzdem erstaunlich wenig genutzt.
Wer sind die beiden Königinnen?
Bisher gab es im ganzen Uentroper Stadtbezirk erst zwei Frauen, die den Vogel selbst abgeschossen haben. 2000 erzielte Birgit von Haase den letzten Treffer und 2013 war es Renate Feldmann, die sich im Rennen gegen ihren Sohn den Sieg sicherte. Den Vogel abzuschießen, schien bei Birgit von Haase, die bereits im Jahr 2000 in Werries die Königswürde errang, eher Zufall gewesen zu sein, Renate Feldmann hingegen beabsichtigte den Siegestreffer vollkommen. „Ich hab’s mehrmals versucht, aber 2013 hat es dann endlich geklappt“, erinnert sie sich an das Vogelschießen.
Während andernorts noch darüber diskutiert wurde, ob Frauen überhaupt an die Vogelstange gehören, nahm Renate Feldmann das Gewehr also selbst in die Hand – und holte den Vogel herunter.
Wie war die Reaktion auf Feldmanns Königsschuss?
Kritischen Stimmen oder bösen Blicken, warum sie als Frau den Vogel abschieße, war sie nicht ausgesetzt, „weil ich auch schon viel für den Verein gemacht hatte.“ Zwölf Jahre lang war sie als Kassiererin Teil des Vorstands.
Wo dürfen Frauen nicht mitschießen?
Während Werries und auch Schmehausen Frauen längst selbstverständlich aufnehmen, scheiterte eine Satzungsänderung in Uentrop-Haaren bereits an der ersten Hürde. Die Diskussionen drehen sich nicht um Frauen unter der Vogelstange oder im Verein. Schon die Abstimmung, ob „der Vorstand eine Satzungsänderung vorbereiten soll“, so Vorsitzender Stefan Bensiek, stieß offensichtlich auf Unverständnis. Das Ergebnis: Mit etwa einer Zwei-Drittel-Mehrheit abgelehnt. Haben die Männer einfach Angst, dass Frauen sie im Rennen um den Vogel besiegen?
Die gleiche Frage stellt sich bei den Schützen aus Ostenfeldmark: Hier gab es vor ungefähr zehn Jahren schon eine Abstimmung, ob Frauen Vereinsmitglieder werden dürfen. Das Ergebnis: „Im Hauptverein nicht. Wir haben ja die Sportschützengruppe. Bei uns in der Unterabteilung, da sind die Frauen mit dabei“, so der 1. Vorsitzende Marcel Iwe.
Was ist in Werries anders?
Dass Werries heute in puncto Gleichberechtigung weiter ist als viele andere Vereine, führt deren 1. Vorsitzender Dennis Harbach hauptsächlich auf eine Frau zurück: Roswitha Machulski. „Das war die Frau von unserem Vorsitzenden. Die hat das alles ins Leben gerufen“ – unter anderem die Gründung des Damenzugs 1989. Diskussionen über den Vereinsbeitritt habe es nicht gegeben, aber aufgenommen wurden die Frauen dennoch „nur unter der Bedingung, dass wir nicht auf den Vogel schießen dürfen“, so Renate Feldmann.
Dass Frauen mitschießen durften, kam „circa zehn Jahre nach dem Damenzug“, sagt Harbach. In Werries ist die Scheu vor Frauen unter der Vogelstange längst verflogen: „Zum Beispiel Anjana Bevermann, die Tochter von Renate Feldmann, hat auch letztes Jahr mitgeschossen“ sagt Harbach.
Wie läuft das Kaiserinnenschießen ab?
Eine große Besonderheit für die Frauen: Nächstes Jahr steht in Werries ein Kaiserinnenschießen auf dem Programm. „Da schießen alle, die schon Königin waren, ihre Kaiserin aus“, egal ob sie selber den Vogel abgeschossen haben oder zur Königin genommen wurden, erklärt Harbach.
Wir sind ja nicht nur da, um die weißen Hosen und Hemden zu waschen. Wir möchten selber auch mitmarschieren.
Für Renate Feldmann ist die Debatte ohnehin längst entschieden. „Dass das Männersache ist, ist ja Quatsch heutzutage. Die Männer helfen mittlerweile genauso im Haushalt oder machen die Erziehungspflege von Kindern.“ Warum sollte also ausgerechnet an der Vogelstange Schluss sein?