Die Huthis werden zum eigenständigen Machtfaktor

Ein Schiff feuert Raketen

Die USS Carney wehrt Raketen der Huthis ab

(Bild: US Navy/Commons)

Die Huthi greifen Schiffe im Roten Meer an, blockieren Häfen und kämpfen an der Seite Irans – doch zunehmend folgen sie ihrer eigenen Agenda. Eine Analyse.

Der 20. Juli 2026 könnte sich als Wendepunkt erweisen: An jenem Montag erklärten die jemenitischen Ansar Allah – bekannt als Huthi, nach dem Nachnamen ihrer Gründerfamilie – eine Seeblockade gegen saudische Schiffe.

Seitdem gab es wiederholt Angriffe auf saudische Tanker und Infrastruktur. Am vergangenen Dienstag wurde zudem ein ägyptisches Frachtschiff attackiert; sechs Menschen starben – der erste tödliche Huthi-Angriff seit Beginn der aktuellen Eskalation am Roten Meer.

Verwunderlich ist diese Zuspitzung kaum: Bereits im März hatten die jemenitischen Kämpfer ihren Kriegseintritt auf Seiten Teherans erklärt. Zuvor waren sie vor allem durch ihre – militärisch eher symbolische – Solidarität mit der palästinensischen Bevölkerung angesichts des israelischen Vorgehens in Gaza aufgefallen.

Zwar hielt sich die Zahl der abgefeuerten Drohnen und ballistischen Raketen aus den Huthi-kontrollierten Gebieten bislang in Grenzen – nennenswerte Durchschlagskraft zeigten zuletzt vor allem die Angriffe auf den Hafen von Mocha. Doch die wirtschaftlichen Folgen für den Schiffsverkehr durch das Bab al-Mandab sind kaum zu überschätzen. Ein bislang unterschätzter Machtfaktor also?

Arbeitsteilige Geopolitik

Neben der Blockade des zweiten wichtigen Seewegs der Region – immerhin durchfließen jährlich rund 12 Prozent des weltweiten Handels das Bab al-Mandab – könnten auch die saudischen Ölexporte massiv beeinträchtigt werden.

Am anderen Ende der arabischen Halbinsel entsteht damit ein zweiter maritimer Flaschenhals: Hormus und Bab al-Mandab trennen zwar rund 2.000 Kilometer, geopolitisch aber werden sie zunehmend zu zwei Enden desselben Krieges.

Wurden die jemenitischen Kämpfer zuvor vor allem als iranische Machtprojektion betrachtet, deutet sich unter dem Eindruck iranischer Gegenwehr gegen US-amerikanisch-israelische Angriffe und jemenitischer Nadelstiche gegen Saudi-Arabien eine arbeitsteilige Geopolitik zweier eigenständiger Akteure an.

Immer deutlicher wird: Die Huthi sind kein einfaches Abziehbild der Hisbollah, trotz des historisch wie kulturell gänzlich anderen Kontexts im Jemen. Der Krieg macht sie für Teheran strategisch wertvoller – und lässt im Westen zugleich ein differenzierteres Bild der Bewegung entstehen. Aus einem einst vergleichsweise unbedeutenden Mitläufer der "Achse des Widerstands" ist eine viel beachtete Machtposition erwachsen.

Wie die Huthi entstanden sind

Der iranische Proxy-Mythos trügt: Die Huthi kamen nicht aus Teheran nach Sanaa, sondern aus Saada. Sie entstanden in den 1990er-Jahren als zaiditisch-religiöse Erneuerungsbewegung im Norden Jemens, die "Believing Youth" (Shabab al-Mu'min). Ihre religiöse Grundlage teilen sie mit dem Zaidismus, einer eigenständigen Strömung der Schia.

Zwar stammen sowohl die iranischen Zwölfer-Schiiten als auch die Huthi aus demselben religiös-islamischen Grundstamm, sie unterscheiden sich aber in zwei wesentlichen Punkten: Die iranische Lehre geht von der Rückkehr eines verborgenen Mahdi aus, den die Huthi als Imamat-Konzept strikt ablehnen; zudem folgt die zaiditische Rechtslehre einer eigenen Richtung, die der sunnitischen Mehrheitsströmung näher steht als der Zwölferschia.

Lehmhäuser

Traditionelle Turmhäuser in Saada

(Bild: robert paul van beets/Shutterstock.com)

Entscheidend für die Entstehungsgeschichte waren die wahrgenommene Marginalisierung Saadas, die Deklassierung der einst einflussreichen zaiditischen Imame sowie eine wachsende Einflussnahme des saudischen Salafismus nach der jemenitischen Vereinigung von 1990.

Die Huthi entstanden somit nicht im fremden Auftrag: Unter Hussein al-Huthi entwickelte sich die im vernachlässigten Nordjemen verwurzelte Bewegung zum bewaffneten Gegner des damaligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh – ein Konflikt, der zwischen 2004 und 2010 in sechs Kriegsrunden eskalierte, bekannt als die Sa'ada-Kriege.

Nach dem Machtvakuum infolge des Arabischen Frühlings 2011 verbündeten sich die Huthi zeitweise mit ihrem früheren Gegner Saleh und eroberten im September 2014 die Hauptstadt Sanaa.

Damit wurde aus dem innerjemenitischen Machtkampf ein regionaler Krieg: 2015 intervenierte eine von Saudi-Arabien angeführte Koalition militärisch – unterstützt durch westliche Waffenlieferungen und Geheimdienstinformationen –, um die Huthi zurückzudrängen. Diese behaupteten sich jedoch und entwickelten sich zur dominierenden Macht im Norden des Landes.

Verbündeter statt Vasall

Der Jemen-Experte Faozi Al-Goidi hält die Bezeichnung als iranische Stellvertreter für zu simpel: Das Verhältnis zu Teheran lasse sich nicht eindeutig als Unterordnung beschreiben, sondern bewege sich zwischen Kooperation und Partnerschaft.

Dafür spricht schon die Entstehungsgeschichte: Aus einer zunächst religiösen Mobilisierung wurde erst nach und nach – und aus eigenem Antrieb – eine bewaffnete Aufstandsbewegung, nicht auf iranische Initiative hin. Experten betonen entsprechend, dass die Bewegung primär von innenpolitischen Interessen und ihrer Machtposition im Jemen angetrieben wird. Anders als etwa schiitisch-irakische Milizen verfügen die Huthi zudem über eine eigene strategische Agenda.

Die Huthi entwickelten des Weiteren erhebliche eigene militärische Fähigkeiten und produzieren oder modifizieren mittlerweile Waffensysteme – etwa die 2017 präsentierte Rakete Badr-1 oder die Samad-3/KAS-04 mit Komponenten aus China und dem Iran.

Auch Ali Khamenei, der am 28. Februar 2026 bei einem israelischen Angriff getötet wurde, hatte 2025 ausdrücklich erklärt, die Huthi handelten unabhängig.

Deren zeitweise Zurückhaltung wertete die Financial Times als strategische Selbstbeschränkung. "Die Huthi sind kein iranischer Stellvertreter", schreibt die Expertin Allison Minor – trotz iranischer Unterstützung fehle Teheran die Kontrolle über die Bewegung. Diese Einschätzung teilt die Mehrheit der Fachwelt: In einer Chatham-House-Umfrage sahen 84 Prozent der befragten Jemen-Experten die Huthi als unabhängigen Akteur.

Geben und nehmen

Doch eine Aktion kann Teheran objektiv nutzen, ohne von Teheran befohlen worden zu sein. Vollständig unabhängig von Teheran sind die Huthi dennoch nicht: Besonders deutlich wird dies bei der militärischen Zusammenarbeit.

Ein Reuters-Bericht illustrierte dies Mitte Juli anschaulich: Ein iranischer Mahan-Air-Flug brachte IRGC-Kommandeure, Militärberater sowie Raketen- und Drohnenteile in den Jemen; nach Angaben mehrerer Quellen befanden sich bis zu 21 Angehörige der Revolutionsgarden an Bord. Ohne iranisches Zutun stünden die Huthi wohl kaum am heutigen Punkt.

Die Beziehungen reichen aber über Teheran hinaus: Auch China unterhält eigene, pragmatische Kontakte. Bereits 2024 bestätigte ein chinesischer Diplomat entsprechende Gespräche, im Juli 2026 wurde diese Beziehung noch konkreter: Nach Reuters-Recherchen führte Peking direkte Gespräche mit den Huthi, um die sichere Passage chinesischer Tanker durch das südliche Rote Meer zu ermöglichen.

Schlüsselkomponente?

Während Teheran im Zentrum des Konflikts mit den USA steht, verfügen die Huthi im Süden der arabischen Halbinsel über ein eigenes Druckmittel: die Kontrolle über den strategischen Seeweg durch das Bab al-Mandab.

Für Saudi-Arabien entsteht damit ein Dilemma. Die Regierung in Riad versucht, ihre eigenen Interessen durchzusetzen, ohne selbst in einen großen Krieg mit dem Iran hineingezogen zu werden. Dies erklärt teilweise den neuen Mekka-Pakt und die Annäherung an Pakistan. Dessen Geheimdienst pflegt seit den 1980er-Jahren enge Beziehungen zu salafistisch-saudischen Netzwerken – das macht Islamabad zu einem naheliegenden künftigen Partner im Ringen um den Jemen.

Nachdem Hisbollah und Syrien im iranischen Regionalnetzwerk geschwächt sind, könnten die Huthi vom Verbündeten zur entscheidenden Kraft der iranischen Regionalstrategie aufsteigen – zu einem Akteur, der die Dynamik des Krieges längst mitbestimmt und dennoch nicht nur im Auftrag Teherans handelt.

Sicher: Die Huthi werden nicht im Alleingang über die geopolitische Zukunft Westasiens entscheiden. Doch in ihrer strategischen Lage liegt ein Potenzial, das für den Westen zur Gefahr werden kann – und sich bislang erst in Ansätzen gezeigt hat.