Die Welt hat eine kuriose Seite - und Literatur hilft uns dabei, sie wahrzunehmen
Witz will Weile haben. Das zeigen die humoristischen Meisterwerke der Literatur. Sie legen nicht mit einem Pointenfeuerwerk los, sondern zeihen uns listig ins Vertrauen – und führen uns aufs Glatteis.
Manfred Papst27.09.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten

Es braucht nicht immer einen Grund, um zu lachen.
Mafalda Rakoš / Connected Archives
«‹Was ist das. – Was – ist das . . .?› – ‹Je, den Düwel ook, c’est la question, ma très chère demoiselle!›» Mit diesem Wortwechsel beginnt der Roman «Buddenbrooks» (1901) von Thomas Mann, eines der grossen komischen Werke der Weltliteratur, und obwohl wir noch nicht wissen, was da verhandelt wird zwischen dem alten Konsul und seinem Enkeltöchterchen Tony, ist der Ton gesetzt: Es wird französisch und plattdeutsch parliert, wir müssen zusehen, wie wir uns zurechtfinden.
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Ähnliches gilt für den Roman «Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman» (1759–1767) von Laurence Sterne. Zu Beginn wünscht sich der Ich-Erzähler, seine Eltern hätten ihr Tun wohl bedacht, als sie ihn zeugten. Schon dafür braucht er eine halbe Seite. Sein erster Satz ist ein Ungetüm voller Einschübe und Abschweifungen, und damit kündigt der Autor bereits an, was uns auf den folgenden 700 Seiten erwartet: ein Labyrinth assoziativen Erzählens, in dessen Überfülle an kuriosen Ideen wir uns so gern verirren, dass wir gar nicht nach dem Ariadnefaden des Plots fragen.
Die Welt als absurdes Theater
Der Autor betrachtet, so dürfen wir getrost annehmen, die Welt als absurdes Theater. «Life is a joke, but we don’t get it», heisst es 1980 im Song «Fiddling While Babylon Burns» der britischen Punk-Band The Piranhas. Der Satz zieht sich als Generalbass durch die komische Literatur.
Diese umfasst freilich nicht nur filigrane Kunst, sondern auch robustere Freuden wie die ungezählten Schwänke und Possen, in denen Diener Herren spielen und Geschlechter vertauscht werden, Hosennähte krachen oder Torten fliegen. Sie alle haben ihr Recht und ihr Publikum. Doch wahrhaft komische Literatur definiert sich nicht durch das, was erzählt wird, sondern dadurch, wie sie es erzählt. Sie gibt sich fabulierlustig, ist aber gleichzeitig reflektiert und sprachskeptisch. Sie will nicht mit Gewalt spassig sein (sonst merkte man die Absicht und wäre verstimmt), sondern lässt durchblicken, dass nichts so ist, wie es scheint. Deshalb ist sie nie naiv.
Die Lücken im Weltgebäude, sagt Gottfried Benn einmal, liessen sich nicht mit Wollwesten und Streuselkuchen stopfen.
Die Erde ist kein gemütlicher Ort. Die Lücken im Weltgebäude, sagt Gottfried Benn einmal, liessen sich nicht mit Wollwesten und Streuselkuchen stopfen. Doch wer sie unverwandt ansieht, entdeckt, dass alles, das Inkongruente und Unzulängliche, das Schiefe und Peinliche, seine kuriose Seite hat.
Das haben Cervantes und Dostojewski, Kafka und Beckett genau gesehen: Man kann, ja man muss sie als komische Autoren lesen, wenn man sie auch nur ansatzweise verstehen will. War Kafka ein religiöser, politischer oder humoristischer Autor, schrieb er Parabeln über den totalitären Staat oder über eine Welt der vergeblichen Heilserwartung, ist er enger mit Kierkegaard oder mit Sigmund Freud verwandt – oder doch eher (siehe «Der Verschollene») mit Charlie Chaplin? Sein Werk lässt die verschiedensten Deutungen zu – und alle hinter sich. Wer indes das Komische in ihm ausblendet, der verfehlt es gründlich.
Wie und von wann an aber merkt man, dass man es mit einem komischen Text zu tun hat? Die Gipfelwerke des Genres fallen gewöhnlich nicht mit der Tür ins Haus. Geduldig bereiten sie das Terrain für ihre legendären Szenen vor. Doch dabei ziehen sie ihre Leserschaft listig ins Vertrauen. Die zitierten Anfänge der «Buddenbrooks» und von «Tristram Shandy» sind auch Ironiesignale.
Und wenn Cervantes uns seinen Don Quijote vorstellt, den Ritter von der traurigen Gestalt oder vielmehr mit dem Buster-Keaton-Gesicht, so genügen schon der Blick auf seinen Speisezettel – «mittags eine Suppe, in der mehr Kuh- als Hammelfleisch schwamm» – sowie auf seine bevorzugte Lektüre – Ritterbücher, die sein Gehirn ausgetrocknet haben und über denen er die Gutsverwaltung ebenso vergisst wie die Jagd –, um uns zu zeigen, was für ein Kauz er ist.
Bemerkenswert ist übrigens, dass die meisten seiner allbekannten pittoresken Abenteuer, etwa der sprichwörtlich gewordene Kampf mit den Windmühlen, sich im ersten Teil des 1500-seitigen, 1605/1615 erschienenen Werks abspielen. Im Verlauf der Erzählung wird Don Quijote von einer komischen zur tragischen Figur. Das verbindet ihn mit Gontscharows «Oblomow» (1859), einem weiteren Gipfelwerk komischen Erzählens. Am Ende tun beide Helden das ethisch Richtige, wenn auch aus verqueren Überlegungen.
Auch François Rabelais’ überbordendes Riesenwerk «Gargantua und Pantagruel» (1532–1564) beginnt nicht mit einem Feuerwerk an Witz, sondern mit einer scheinbar trockenen Genealogie, nicht anders als der geniale Romanerstling des 23-jährigen Charles Dickens: In den 1837 erschienenem «Pickwickiern» werden zunächst einmal die Statuten des gleichnamigen Vereins umständlich mitgeteilt. Wann geht denn die Geschichte los, fragen wir uns da, bis wir merken: Sie ist schon in vollem Gange. Die Etablierung einer Pseudo-Faktizität ist Teil der weit ausgreifenden Spässe. Auch Flauberts Spätwerk «Bouvard und Pécuchet» (1881 postum erschienen) ist als Kartenhaus der Scheinsystematik ein hochkomisches Buch.
Ironie und Übertreibung
Die Maxime «Eile mit Weile» gilt indes auch für moderne Klassiker der komischen Literatur. Eckhard Henscheids «Trilogie des laufenden Schwachsinns» (1972–1978), die ihrem Umfang und ihrem barocken Ineinander von Sublimem und Burleskem zum Trotz ein Kultbuch wurde und hohe Auflagen erreichte, hebt an mit einem Personenverzeichnis sowie dem Satz «Indem ich mit der Niederschrift all der Vorgänge beginne, die in diesem Roman beschrieben werden, befinde ich mich in einer gewissen Verlegenheit». Ein todsicherer Rausschmeisser, würde heute jedes Lektorat befinden. Und wenn die Vorrede des Autors glücklich überstanden ist – sie schliesst mit dem vielversprechenden Satz «Und nur zur Sache» –, beginnt das erste Kapitel gleich wieder retardierend: «Das heisst, ich muss vorerst noch etwas vorausschicken.»
Wie Humor sich auf dem dunklen Grund der Skepsis entfaltet, zeigt kein Buch schöner als Claude Tilliers 1843 erschienener Roman «Mein Onkel Benjamin». Gottfried Keller nannte ihn «ein klassisches Werk, ganz nach meinem Geschmack, ein köstliches kleines Ding», Georges Brassens bezeichnete ihn als seinen Lieblingsroman. Und wie hebt er an?
«Ich weiss wirklich nicht», lesen wir, «warum der Mensch so am Leben hängt; was findet er denn so Angenehmes an dieser eintönigen Folge von Nächten und Tagen, von Winter und Frühling? Immer derselbe Himmel, dieselbe Sonne; immer dieselben grünen Wiesen und dieselben gelben Felder; immer dieselben Thronreden, dieselben Gauner und dieselben Geprellten. Wenn Gott es nicht besser gekonnt hat, dann ist er ein armseliger Handwerker, und jeder Opernmaschinist kann mehr als er.»
Wer im ersten Abschnitt seines Romans dermassen auf den Putz haut, der zwinkert unübersehbar. Die Übertreibung dient hier ebenso wie andernorts die Umstandskrämerei als Ironiesignal. Komische Literatur macht uns immer zu Komplizen. Sie zieht uns ins Vertrauen und führt uns aufs Glatteis. Erst wenn wir auf dem Hosenboden gelandet sind und über uns selber lachen, hat sie ihr Ziel erreicht.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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