«Dieses Mal ist es anders»: Warum der Anlagechef von Lombard Odier bei KI keine Blase sieht
Michael Strobaek sagt im Gespräch, warum die gewaltigen Investitionen der Techkonzerne gerechtfertigt seien, er aber trotzdem andere Aktien bevorzuge.
27.09.2026, 05.30 Uhr
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Können die Aktienkurse noch lange nach oben zeigen?
Illustration: Pauline Martinet / NZZ
Michael Strobaek scheut sich nicht, die gefährlichsten vier Wörter der Finanzgeschichte in den Mund zu nehmen: «This Time Is Different», sagt der Anlagechef der Bank Lombard Odier. «Wir stehen erst am Anfang einer langen Entwicklung bei KI. Ich sehe keine Blase.»
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Die Annahme, dass diesmal alles anders wird, steht sinnbildlich für die kollektive Illusion während einer Spekulationsblase. Die Investoren bezeichnen die hergebrachten Regeln punkto Bewertungen und Marktzyklen als überholt. Für den legendären Investor John Templeton brachte der Ausdruck «This Time Is Different» die allzumenschliche Neigung zur Selbsttäuschung auf den Punkt.

Michael Strobaek.
PD
Dessen ist sich Strobaek bewusst. Als langjähriger Finanzprofi hat er auch das Platzen der Internetblase im Jahr 2000 lebhaft in Erinnerung. Trotzdem beharrt er darauf, dass KI anders sei. Diese bahnbrechende Technologie werde von Unternehmen unglaublich rasch implementiert, und sie ersetze gut ausgebildete und hochbezahlte Menschen. Die Adaption geschehe viel konsequenter, als das damals beim Internet der Fall gewesen sei.
Auch seien sich die Investoren der Gefahr einer Spekulationsblase durchaus bewusst, was nun womöglich Exzesse verhindere. Halbleiter-Aktien und Technologiefirmen aus Schwellenländern seien nach den Kurskorrekturen der vergangenen Wochen nicht mehr besonders teuer. «Auch von den Bewertungen her deutet also nichts auf eine KI-Blase hin», sagt Strobaek, der im Zürcher Büro der Genfer Bank arbeitet.
Der Anlageexperte glaubt auch nicht, dass die chinesische KI-Konkurrenz, die ihre Modelle vielfach zum freien Download zur Verfügung stellt, den amerikanischen Firmen einen Strich durch die Rechnung machen könnte.
«Es würde mich sehr wundern, wenn sich die amerikanischen Unternehmen mit ihren grossen Investitionen in KI komplett verrennen und dann von den Chinesen überrundet werden», sagt Strobaek.
Nur schon aus geopolitischen Gründen würden zwei weitgehend getrennte Ökosysteme entstehen. Und unabhängig davon, ob man ein chinesisches oder ein amerikanisches KI-Modell verwende: In beiden Fällen brauche man sehr viel Rechenleistung und Energie. «Die gigantischen Investitionen in die KI-Infrastruktur dürften sich so oder so auszahlen.»
Auch in den zirkulären Finanzierungen sieht Strobaek vorerst kein Problem. Damit ist die umstrittene Praxis gemeint, dass Techkonzerne in KI-Startups investieren, das Kapital dann aber fast unmittelbar wieder als Umsatz zurückfliesst. Dies, weil Open AI, Anthropic und Co. mit dem erhaltenen Geld KI-Chips oder Rechenleistung von Nvidia, Amazon oder Google bezahlen.
Die KI-Ausrüster hätten ein grosses Interesse daran, dass das gesamte Ökosystem wachse. Darum seien sie bereit, ihren Kunden Kapital zur Verfügung zu stellen. «Es erinnert mich an die Autokonzerne, die irgendwann angefangen haben, Kredite zu vergeben, damit sich ihre Kunden einfacher ein Auto kaufen können.» Weil die KI-Ausrüster über sehr viel Kapital verfügten, seien diese zirkulären Refinanzierungen vorerst nicht gefährlich.
Auch im Umstand, dass Technologiefirmen nun im grossen Stil Anleihen ausgeben, was sie zuvor kaum getan hatten, sieht Strobaek kein Alarmzeichen: «Viele dieser Unternehmen haben sehr solide Bilanzen. Deshalb ist es sinnvoll, dass sie Investitionen auch mit Schulden und nicht nur mit Eigenkapital finanzieren.»
Obwohl der Investmentchef von Lombard Odier keine KI-Blase befürchtet, mahnt er bei den anstehenden Börsengängen zur Vorsicht. «Die Aktien von Anthropic und Open AI kommen wohl zu überhöhten Bewertungen an die Börse.» Das habe sich schon beim IPO von SpaceX gezeigt.
Er wisse nicht, wer das Rennen machen werde, ob Anthropic, Open AI oder ein anderer Anbieter. «Doch das Geschäftsmodell scheint nicht sehr nachhaltig zu sein. Diese Firmen müssen laufend neue Modelle entwickeln, die ein paar Monate später bereits wieder überholt sind.»
Strobaek erwartet, dass diese Firmen irgendwann von den grossen Technologieunternehmen, die über viel Kapital verfügen, geschluckt werden. So dass am Schluss drei bis fünf Grossfirmen dominieren.
Und obwohl Lombard Odier vom ungebrochenen Aufwärtstrend bei KI überzeugt ist, empfiehlt die Bank bei Technologieaktien «eine neutrale Gewichtung». Die Kunden sollten nicht mehr oder weniger in diese Papiere investieren, als die globalen Aktienindizes vorsehen.
«Wir bevorzugen im Moment Titel aus den Bereichen Gesundheit, Finanzen, Versorger und Grundstoffe. Auch bei Schwellenländer-Aktien und Small Caps erwarten wir eine überdurchschnittlich gute Entwicklung», sagt der Anlagechef.
Er geht davon aus, dass die massiven Investitionen in KI, Technologie, Energie und Rüstung zu einem globalen Aufschwung führen. «Wir sehen derzeit kein Ende des Aktienbooms», sagt er. Dieses komme erst, wenn der Privatsektor zu viel Leverage einsetze und dann auch noch die Notenbanken die Zinsen stark erhöhten.
Die realen Zinsen gingen jetzt zwar hoch, aber das sei kein Grund zur Sorge. Es handelt sich aus Sicht von Strobaek um eine Normalisierung. Die Zinsen stiegen wieder auf das Niveau von vor der Finanzkrise von 2008 und 2009.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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