Emotionale bis provokante Kunst Zwischen Seelenlandschaften und „grüner Gefahr“ – drei Ausstellungen im Künstlerhaus
Saarbrücken · Das saarländische Künstlerhaus zeigt drei sehenswerte Ausstellungen mit Objekten, Gemälden und Videoprojektionen. Immer im Mittelpunkt: der Mensch.
09.09.2026 , 20:00 Uhr
Ein Blick in die Ausstellung von Berit Jäger. Überall bewegt sich hier etwas.
Foto: Bülent Gündüz
Endlich, möchte man jubeln, zeigt die Malerin Juliana Hümpfner wieder aktuelle Arbeiten in einer Einzelausstellung im Saarland – und zwar im Saarländischen Künstlerhaus in Saarbrücken. Die letzte Ausstellung liegt schon einige Jahre zurück. Umso schöner ist es nun, den Arbeiten Hümpfners wieder einmal zu begegnen in ihrer aktuellen Ausstellung „face-to-face“. Ihrem Stil ist die aus Baden-Württemberg stammende Künstlerin treu geblieben. Ihre meist als Porträts ausgeführten Gemälde sind intensive Studien des menschlichen Seelenlebens. Auffällig und charakteristisch für Hümpfner sind die breiten, kurzen Pinselstriche, aus denen sich die Gesichter zusammensetzen.
Juliana Hümpfner stellt emotionale, minimalistische Porträts aus
Mit groben, stakkatohaft gesetzten Pinselstrichen in gestischer Ausführung bringt die Künstlerin menschliche Empfindungen in die Gesichter. Hümpfner schafft keine bloßen Abbilder der Realität. Sie legt Emotionen und Gefühle wie Wut, Trauer, Angst, Verzweiflung und Erschöpfung wie Seelenlandschaften auf die Porträts. Dies wird durch die Haltung der Personen unterstützt, die mal den Kopf hängen, und ihn mal ermattet in den Nacken fallen lassen. Manchmal senken die Personen den Blick, andere mustern den Betrachter mit traurigen Augen. Manchmal ist es ein flehentlicher Blick in den Himmel.
Der Malprozess bleibt für den Betrachter sichtbar und nachvollziehbar. Er legt das Suchen, Verwerfen und Finden des „perfekten” Pinselstrichs offen dar. Selbst in den Bleistiftzeichnungen beweist Hümpfner einen eigenen Stil. Mit wenigen Linien und schraffierten Flächen bannt sie Gesichter auf Papier. Hier ist es der nervöse Bleistiftstrich, der sich scheinbar tastend auf dem Papier vorwärts bewegt, bis die Form steht. Das ist ebenso wunderbar wie einzigartig.
Thomas Behling mit politischer Kunst
Der aktuelle Ausstellungsmarathon im Künstlerhaus beginnt jedoch bereits im ersten Raum mit Thomas Behlings Ausstellung „Der Verlust der Bedeutungslosigkeit“. Der in Berlin lebende Künstler hat an der FH Ottersberg und der HfK Bremen studiert. Behling arbeitet vorwiegend als Objektkünstler mit starkem Bezug zum aktuellen politischen und gesellschaftlichen Zeitgeschehen. Dafür bedient er sich längst überkommener Bildformen, um aktuelle Zustände zu kritisieren. Immer wieder kratzt er an unseren Denk- und Verhaltensmustern, von denen wir wissen, dass wir sie ändern müssten, die wir aber nur schwer ablegen können.
Eine anrührende Arbeit ist „Deutsche Kolonien I“, in der Behling Bananen-Aufkleber in einen alten Sammelbogen afrikanischer Briefmarken aus der Zeit des Nationalsozialismus einklebt. Es ist ein Denkanstoß zum Kolonialismus und zur bis heute anhaltenden Ausbeutung des Globalen Südens. Oder wenn er Briefmarken aus Hitlerdeutschland in den Regenbogenfarben zusammensetzt. Aus den Arbeiten spricht nicht selten ein bitterböser Sarkasmus oder ein feiner, hintergründiger Humor. Ein Beispiel ist die oft hasserfüllte Kritik an den Grünen und den Klimaaktivisten. Im Stil des Sozialistischen Realismus prangt da unter der Überschrift „Die grüne Gefahr“ in scheinbar kyrillischen Lettern der Spruch: „Unsere Art zu denken und zu handeln ist in Gefahr: Klimaterroristen wollen den Planeten retten.“ Im Bildzentrum ist eine Kriegssituation mit voranschreitenden Soldaten zu sehen, die statt des roten Sterns einen grünen tragen.
Berit Jäger im Künstlerhaus: Überall ist Bewegung
Weiter geht es mit Berit Jägers Ausstellung „RAM / Robot-Art-Mensch“ im Studio und im Studioblau. Man weiß gar nicht, wohin man zuerst schauen soll. Überall ist Bewegung, überall laufen Videoprojektionen. Die Installationen sind ein Gesamtkunstwerk, das den ganzen Raum bespielt. Jäger vereint in ihren Arbeiten Video, Ton, Bild und kinetische Objekte zu raumfüllenden Werken. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht der Mensch als anonymisiertes, grünes Wesen, das Antrieb maschineller Abläufe ist. Der menschliche Körper verschwindet dabei.
Dies lässt sich vielseitig interpretieren. Zum einen ist der Ursprung jeder Maschine ein Mensch. Das maschinelle Ungetüm muss erdacht, gebaut, betrieben und gewartet werden. Zugleich ist der Mensch aber auch im maschinellen Betrieb gefangen, der unseren Fortschritt bedingt und mitgeschaffen hat. Jäger ergänzt diese Videos mit plastisch-skulpturalen Objekten, die auf die Videos projiziert werden. Dadurch erhalten sie eine zusätzliche Tiefe und Dimension. Das macht große Lust zum Schauen und Nachdenken. Sattsehen kann man sich hier kaum. (ian/mire)
Die Ausstellungen „face-to-face“ (Juliana Hümpfner), „Der Verlust der Bedeutungslosigkeit“ (Thomas Behling) und „RAM / Robot-Art-Mensch“ (Berit Jäger) sind bis zum 25. Oktober im Saarländischen Künstlerhaus zu sehen.
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