Es gibt kein ‚Mörder-Gen‘ – warum begehen Menschen Straftaten?

Stand: 06.10.2026, 21:00 Uhr

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Das Bild vom „Monster“ bringt wenig, wenn man verstehen will, warum Menschen Straftaten begehen. Den Ursachen geht der Kriminologe Benjamin Knull in seinem neuen Buch auf den Grund. 

München – Eine Nachricht nach der anderen: Diebstahl, Mord, Gewalt. Die Taten erschüttern uns, machen uns fassungslos und lassen eine Frage zurück: „Wie kann man nur?“ Je unbegreiflicher uns ein Verbrechen erscheint, desto eher wollen wir wissen, wie ein Mensch dazu fähig sein kann. Und vielleicht auch: Was unterscheidet ihn von uns?

Artikel der KNA

Dieser Beitrag stammt von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Gerade bei schweren Straftaten entstehe schnell das Bild eines „Monsters“, meint Benjamin Knull. „Menschen mögen es, das personifizierte Böse ausfindig zu machen“, schreibt der Kriminologe in seinem Buch „Verbrechen verstehen“. Wir seien entsetzt über die Vorstellung, dass unter uns Personen leben, die zu solch skrupellosen Handlungen fähig seien.

Porträtbild von Autor Benjamin Knull im September 2026

„Verbrecher haben nicht zwangsläufig andere Werte als Menschen, die keine Straftaten begehen. Vielmehr können sie Werte und Normen für ihre eigene Situation dehnen“, erläutert Kriminologe Benjamin Knull in seinem neuen Buch. © Privat

Zugleich wollen wir wissen, was in ihnen vorgeht, wie ihr Alltag aussieht – und ob vielleicht einer von ihnen unser Nachbar sein könnte. Knull spricht von einer „Abgrenzungslust“: Wir teilen die Welt gerne in Gut und Böse ein – und uns selbst der guten Seite zu.

Warum werden manche kriminell?

Auch die Kriminologie hat lange nach einem Merkmal gesucht, das Menschen mit kriminellem Verhalten eindeutig von anderen abhebt. Zunächst vermutete man die Ursache in Schädel- oder Gesichtsformen, später rückten Gene und andere biologische Faktoren in den Blick.

Ein „Generalschlüssel für kriminelles Verhalten“ sei jedoch nicht gefunden worden, sagt Knull. „Heute geht die Kriminologie deshalb von einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren aus: Persönlichkeit und Veranlagung treffen auf Lebensumstände und konkrete Situationen.“

Letztlich, so Knull, sind Täter uns ähnlicher, als uns lieb ist. Ein Autodieb etwa würde sich darüber ärgern, wenn jemand seinen eigenen Wagen stiehlt. Auch ein Mafioso, der andere tötet, will nicht, dass ihm oder seiner Familie etwas angetan wird.

„Verbrecher haben also nicht zwangsläufig andere Werte als Menschen, die keine Straftaten begehen. Vielmehr können sie Werte und Normen für ihre eigene Situation dehnen“, erläutert der Kriminologe.

Handeln rechtfertigen

Um das eigene Handeln vor sich selbst zu rechtfertigen, greifen Menschen laut Knull auf sogenannte Neutralisierungstechniken zurück. Mit Sätzen wie „Das machen alle so“ beruhige man sich dann. Was man getan habe, sei ohnehin nur eine Kleinigkeit im Vergleich zu dem, was andere täten.

Zudem habe man auch gar keine andere Wahl gehabt. Solche Mechanismen werden Knull zufolge sowohl bei alltäglichem Fehlverhalten als auch bei schweren Straftaten angewendet.

Dies zu verstehen bedeute jedoch nicht, es zu entschuldigen, so der Kriminologe. Es gehe vielmehr darum, nachzuvollziehen, warum Menschen ihre eigenen Maßstäbe verschieben. Daraus ließen sich präventive Maßnahmen ableiten – etwa für den Umgang mit Wut und Aggression.

Rechtfertigungen entstehen allerdings nicht immer allein im Kopf des Einzelnen. Regelverstöße können auch gelernt werden. Knull beschreibt etwa ein Unternehmen, in dem es innerhalb eines Teams längst zur Norm geworden sei, Rechnungen zu frisieren, Umsätze zu hoch auszuweisen oder geheime Absprachen mit Lieferanten zu treffen.

Wer neu hinzukommt, erlebt, dass dieses Verhalten nicht nur geduldet, sondern innerhalb der Gruppe auch belohnt wird. So könne der Wunsch nach Zugehörigkeit dazu führen, dass man Grenzen überschreite, die man sonst eingehalten hätte, erläutert Knull.

Was Menschen von Straftaten zurückhält

Doch wenn Vorschriften freier ausgelegt, Regelverstöße gerechtfertigt und kriminelle Verhaltensweisen im Umfeld gelernt werden: Warum werden dann nicht viel mehr Menschen kriminell? Eine Antwort sieht Knull in den sozialen Bindungen: Familie, Partnerschaft, Kinder, Freundschaften, Arbeit oder ein Verein schaffen Bindungen – und damit auch etwas, das auf dem Spiel steht.

Wer viel zu verlieren habe, werde sich einen Regelverstoß möglicherweise zweimal überlegen, so der Kriminologe.

Hinzu komme, dass sich nicht alles vor dem eigenen Gewissen zurechtlegen lasse. „Wir können nicht jede Handlung neutralisieren“, sagt Knull. Eine Flugreise lasse sich vielleicht noch trotz schlechten Gewissens vertreten. Aber einen nervigen Nachbarn „zur Strecke bringen“ und danach noch mit sich im Reinen sein? Wohl kaum.