Beim größten Brillenhersteller der Welt, Essilor-Luxottica, hängt der Haussegen schief. Einer der italienischen Großaktionäre und Söhne des Luxottica-Gründers hat in dieser Woche im Krach das Unternehmen verlassen und verschärft damit die Spannungen im Umfeld des Konzerns, der seit vergangenem November rund 50 Prozent seines Börsenwertes verloren hat. Leonardo Maria Del Vecchio war Chef der Tochtergesellschaft Ray-Ban und gleichzeitig Strategievorstand auf Konzernebene. Der 31 Jahre alte Italiener machte dem Konzernchef Francesco Milleri in einem öffentlich bekannt gewordenen Schreiben schwere Vorwürfe: Das Unternehmen sei nicht mehr das, welches sein Vater Leonardo Del Vecchio groß gemacht habe. Die Konzernführung sei „unpersönlich“ und „distanziert“. Direkt an Milleri gerichtet schreibt er: „Du kannst nicht deine Manager feiern, wenn sie Erfolg haben, und sie wegschieben, wenn sie einen schwierigen Moment durchmachen.“
Die Angelegenheit könnte als private Affäre persönlicher Kränkungen und verletzten Stolzes abgetan werden, wenn der Konzern nicht mit seinen gut 200.000 Mitarbeitern und seiner Familienholding Delfin an einer Schaltstelle der Wirtschaft sitzen würde. Die Holding Delfin ist mit einem Anteil von 37 Prozent mit Abstand größter Aktionär von Essilor-Luxottica, zudem hält sie gut 17 Prozent an Monte dei Paschi di Siena (MPS) und ist damit auch bei der ältesten Bank der Welt, deren Kontrolle derzeit stark umkämpft ist, größter einzelner Anteilseigner. Zudem besitzt Delfin zehn Prozent am italienischen Versicherer Generali.
Der Gegenspieler ist ein Vertrauensmann des verstorbenen Vaters
Dass sich der junge Del Vecchio nun mit dem Essilor-Luxottica-Chef Milleri überworfen hat, weckt Zweifel an der Stabilität im Umfeld des Brillenkonzerns. Der 67 Jahre alte Milleri war der absolute Vertrauensmann des Luxottica-Gründers Leonardo Del Vecchio, der den Konzern von einem Bergdorf in Venetien aus zu einem Weltmarktführer aufgebaut hat. In seinem Testament machte der 2022 verstorbene Del Vecchio seinen Treuhänder Milleri nicht nur zum mächtigsten Mann bei Essilor-Luxottica, sondern auch zum Chef der Familienholding Delfin. Das Eigentum der Holding liegt bei acht Anteilseignern mit jeweils 12,5 Prozent, darunter Del Vecchios sieben Kinder von drei Frauen sowie seine letzte Gattin, die er nach der Scheidung ein zweites Mal geheiratet hatte.
In diesem Konstrukt hat kein einzelnes Familienmitglied viel Macht, daher kommt Milleri auch hier eine Schlüsselstellung zu. Leonardo Maria Del Vecchio hat in diesem Jahr versucht, zwei verkaufswilligen Geschwistern ihre Anteile abzukaufen, um mit mehr als 37 Prozent bei Delfin zum starken Mann zu werden, doch dafür hätte er bei italienischen Banken einen Kredit von elf Milliarden Euro aufnehmen müssen. Die Banken verlangten Garantien durch Essilor-Luxottica, was der familienunabhängige Delfin-Verwaltungsrat ablehnte. Somit scheiterte die versuchte Machtübernahme durch Leonardo Mario Del Vecchio.
Der junge Del Vecchio ist nach italienischen Medienberichten ohnehin schon persönlich mit 1,3 Milliarden Euro verschuldet. Neben seiner Tätigkeit bei Essilor-Luxottica versucht er sich als Investor mit verschiedenen Beteiligungen an Medienhäusern wie der Zeitung „Il Giornale“, zudem an Unternehmen in den Bereichen Gastronomie, Strandklubs, Wellness und Mineralwasser. Der Italiener ist eine schillernde Persönlichkeit, die ansonsten vor allem in der italienischen Regenbogenpresse durch Berichte über seine wechselnden Lebenspartnerinnnen aufgefallen ist. Er steht für ein Milieu, in dem sich der Mailänder Geldadel mit der internationalen Schickeria und einer jungen Milliardärsgeneration vermischt.
Die Analysten beobachten die Bewegung im Hintergrund mit Unruhe. Leonardo Del Vecchio wollte die Familienmitglieder eigentlich immer vom Unternehmen fernhalten, insofern ginge der Abgang des Sohnes immerhin in diese Richtung. Viel Gewicht haben an der Börse auch die strategischen Geschäftsentscheidungen des Brillenkonzerns. 2018 war Luxottica mit dem französischen Brillengläserhersteller Essilor fusioniert. Das Unternehmen ist zwar an der Pariser Börse notiert, doch im Management dominieren die Italiener. Unter der Führung von Milleri setzt der Konzern stark auf „smarte“ Brillen, etwa in Zusammenarbeit mit Meta aus Amerika, zudem auf Medizintechnik. Die Analysten sind skeptisch, weil in dem Markt auch Digitalriesen wie Google mitspielen. Auch deshalb hat die Aktie stark verloren.